Spektrum – Sergej Lukianenko

Spektrum© Heyne
Spektrum© Heyne

Mehr als zweiundvierzig

Irgendwann waren sie einfach da, die rätselhaften Tore. Über das Teleportationssystem weiß man im Prinzip nur, daß es von einer intelligenten Rasse installiert wurde, die „Schließer“ genannt wird. Diese Rasse errichtete Stationen für Hyperraumverbindungen auf jedem Planeten, den sie besuchten, und so ist mittlerweile ein gigantisches Netz im Universum entstanden, das seinen Bewohnern ermöglicht, sich ohne Zeitaufwand von einer Welt zur anderen zu bewegen. Als Gegenleistung für die Benutzung ihrer Stationen verlangen die Schließer nur eine Geschichte. Jeder Reisende erhält die Durchgangserlaubnis durch ein Tor erst dann, wenn der für die Station zuständige Schließer mit der erzählten Geschichte zufrieden ist.

Einer der erfahrensten Wanderer durch die Welten ist der russische Privatdetektiv Martin Dugin. Ihm bereitet es keine Schwierigkeiten, die Schließer mit immer neu erdachten oder selber erlebten Geschichten zufrieden zu stellen.

Auch für seinen aktuellen Fall ist Martin dazu gezwungen, die Erde zu verlassen. Ein Vater beauftragt ihn, seine siebzehn Jahre alte Tochter Irina zu suchen und nach Hause zurück zu bringen. Das Mädchen wurde von Abenteuerlust gepackt und hat die Erde vor drei Tagen verlassen. Im Prinzip ein Allerweltsauftrag, der Martin vor keine allzu großen Probleme stellen dürfte. Doch irgendwie hat er bei der Sache ein ungutes Gefühl.

Seine Suche führt Martin auf den Planeten Bibliothek, eine karge Welt aus Wasser mit kleinen Inseln, auf der sowohl Menschen als auch verschiedene außerirdische Rassen leben. Da der Planet nur aus drei Dörfern besteht, sollte der Fall schnell erledigt sein. Er erfährt, daß es sich Irina in den Kopf gesetzt hat, das System der Lautschrift von Bibliothek zu ergründen, daran jedoch ebenso gescheitert ist wie bislang auch die einheimischen Wissenschaftler.

Martin gelingt es recht schnell, das Mädchen zu finden und versucht sie zu überreden, ihn nach Hause zu begleiten, als plötzlich ein Kchannan, ein robbenartiges Wesen, mit einer scharfen Waffe nach Irina wirft und sie tötet. Die Kchannan werden von den Geddarn, einer auf Bibliothek ansässigen Rasse, quasi als Haustier gehalten. Das mörderische Wesen kann getötet werden, doch gelingt es nicht, herauszufinden, wem es gehörte und von wem es den Mordauftrag erhielt. Das einzige, was Irina Martin vor ihrem Tod mittels Zeichensprache noch mitteilen konnte, war der Name eines weiteren Planeten: Prärie 2. Eigentlich hätte Martin nur noch dem Vater die Todesnachricht zu überbringen und sein Auftrag wäre erledigt, doch die Neugier treibt ihn dazu, nach Prärie 2 zu reisen, einem orangefarbener Planeten, der dem Wilden Westen entlehnt zu sein scheint. Und dort trifft er ein Mädchen, das eine Doppelgängerin von Irina zu sein scheint.

Spannung subtiler Art

Lukianenkos Grundidee ist nicht neu, aber doch irgendwie anders. Meist dient ein „Stargate“ nur als Mittel zum Zweck, d.h. um Entfernungen ohne Zeitverlust zu überbrücken und so die Handlung voranzutreiben. Hier jedoch werden die Menschen vor eine kafkaeske Situation gestellt. Was bezwecken die mysteriösen Schließer damit, den Völkern praktisch ohne Gegenleistung eine völlig neuartige Technik zur Verfügung zu stellen? Sind sie Freund oder Feind?

Auch das Auftreten von zahlreichen fremden Kulturen kennen wir zur Genüge, doch es ist etwas anderes, wenn ein Autor mit russischer Mentalität an eine solche Aufgabe herangeht.

Mit jedem Erscheinen eines neuen uns unbekannten Volkes erleben wir eine neue Situation – unterschiedliche Denkweisen, andere Machtstrukturen, verschiedene Religionen und Traditionen. Der Einfachheit halber können alle Reisenden, die einmal ein Tor passiert haben, ab diesem Zeitpunkt „Touristisch“ sprechen; so hat man etwaige Verständigungsprobleme ad acta gelegt.

Zwischen all den Beschreibungen von fremden Welten und Wesen treibt Lukianenko die Handlung zügig voran und liefert dazu auch noch interessante gesellschaftspolitische Thesen und Anspielungen auf die Gegenwart Russlands:

„Freilich entstehen an jedem Ort, an dem mehr als zwei intelligente Lebewesen zusammenkommen, machtähnliche Strukturen.“

„Die meisten Welten […] entwickelten sich zu einem mehr oder weniger demokratischen Gebilde. Verbrecherische und despotische Welten entstanden nur auf sehr armen oder allzu reichen Planeten.“

Der Protagonist Martin Dugin kommt sehr menschlich rüber und wirkt auf den Leser gleich sympathisch. Kein Held, kein Übermensch, kein Alleskönner, sondern ein junger Mann, der arbeitet, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und Spaß an seinem Job hat, weil er weit herum kommt und viele Leute und Völker kennenlernt. Die Spannung in „Spektrum“ ist eher subtiler Art. Lukinaneko betreibt keine Effekthascherei, Actionszenen sind eher eine Seltenheit. Was beim Leser erhalten bleibt, ist vordergründig die Neugier, das Warten auf Erklärungen.

Mit seinem angenehmen und abwechslungsreichen Schreibstil hält der Autor den Leser bei der Stange und liefert immer kurz bevor man sich etwas eingelullt fühlt wieder neue Informationen. Zwischen all seinen Reisen auf fremde Welten kehrt Martin immer wieder in seine Heimat zurück. Dort herrscht ein absolut gegensätzliches Flair, in dem es vorwiegend um die russische Lebensweise mit gutem Essen und Trinken geht. Dazwischen tritt die philosophische Ader des Autors hervor, wenn sich Martin mittels seiner Geschichten Durchlass verschaffen muß.

Der größte Pluspunkt des Romans ist zweifellos seine Originalität. Mit der Frage nach dem Sinn des Lebens haben sich schon zahlreiche andere Schriftsteller beschäftigt. Sergej Lukianenko kann zu dieser Frage zwar keine Antwort liefern, dennoch ist das, was er dazu zu sagen hat, etwas mehr als die „zweiundvierzig“, die ein anderer Autor einmal als Antwort angeboten hat.

Diese Rezension von Peter Kümmel erschien bereits auf www.phantastik-couch.de. Sie wurde hier mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht.

Spektrum
Sergej Lukianenko
Science-Fiction
Heyne
2007
702

Funtastik-Faktor: 90%

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar