Cobra – Richard Preston

Prestons Bioterrorismus ist Realität

Cobra © Knaur
Cobra © Knaur

»Cobra« wurde erstmals 1997 veröffentlicht und war der erste fiktive Roman des Journalisten Richard Preston. 1994 hatte Preston das erschütternde, auf Tatsachen beruhende Sachbuch über einen Beinahe-Ausbruch der fürchterlichen Ebola-Virusseuche mit dem Titel »Hot Zone« veröffentlicht. Für dieses und ein 2002 nachfolgendes Werk »Superpox – Tödliche Viren aus den Geheimlabors« wurde das Subgenre »Tatsachen-Thriller« geprägt. Preston berichtet über brisante Vorfälle aus dem Forschungsbereich, die sich wirklich ereignet haben, im Stil eines High-Tech-Thrillers.

Ein gentechnisch veränderter Virus droht eine Epidemie auszulösen

Als die 17-jährige Schülerin Kate Moran morgens zur Schule geht, glaubt sie, sich lediglich eine Erkältung eingehandelt zu haben. Sie sieht keinen Grund, zuhause zu bleiben. In der Kunststunde verschlimmern sich die Beschwerden allerdings dramatisch. Auf der Toilette bricht sie schließlich, zuckend und sich selbst Lippen und Zunge abbeissend, zusammen. Der herbei eilende Kunstlehrer kann nur hilflos mit ansehen, wie sich das Rückgrat des Mädchens unnatürlich verformt und sie mit schwarzen Blutblasen auf der Mundschleimhaut unter grässlichen Qualen stirbt.
Ein Obdachloser, der nur der Mundharmonika-Spieler genannt wurde, und die Besitzerin eines Trödelladens, Penny Zucker, verstarben ebenfalls unter ungewöhnlichen Umständen, offensichtlich hatten sie ganz ähnliche Symptome erlitten.

Alice Austen, Ärztin bei der amerikanischen Behörde für Seuchenkontrolle (CDC), wird nach New York zum Amt des obersten Leichenbeschauers (OCME) geschickt, um die Leiche der Schülerin zu untersuchen. Bei der Autopsie stellt sie fest, dass das Nervensystem des Mädchens weitestgehend zerstört wurde. Eine nähere Untersuchung der Gewebeproben offenbart weitere außergewöhnliche Befunde: die Augen weisen eine eigenartige ringförmige Verfärbung auf und die Zellen im Bereich der Blutbläschen beinhalten kristalline Objekte. Es kommt bald der Verdacht auf, dass die Toten Opfer eines gezielten terroristischen Aktes sind. Ein Virus, der für gentechnische Arbeiten in Laboratorien auf der ganzen Welt verwendet wird, wurde offenbar zu einer Killermaschine umfunktioniert.

Doch diese drei Fälle sind erst der Anfang. Kates Kunstlehrer erwischt es auf den U-Bahn Gleisen und der Pathologe Glenn Dudley verwandelt sich im Autopsiesaal zu einem Irren. Eine »Hot Zone« Quarantäne-Krankenstation wird auf Governos Island vor New York eingerichtet. Das »Reachdeep-Team«, eine Sondereinheit des FBI, übernimmt die Ermittlungen. Es geht darum, einen wissenschaftlich qualifizierten Täter aufzuspüren, der offensichtlich an einer Virus-Bombe baut, die eine kaum absehbare Zahl an Todesopfern fordern würde. Die Uhr tickt, den es spricht einiges dafür, dass der Gesuchte seine Waffe in Kürze für ein größeres Attentat einsetzen wird.

Blutrausch und Bioreaktoren

Blutriefende Szenen umgeben von Schleim und Gestank, bleiben dem Leser in »Cobra« nicht erspart. Alle Details über die entsetzlichen Krankheitssymptome, sowie die Untersuchungen in Autopsiesaal und Labor, werden unverhohlen beschrieben. Genau so hält es der Autor auch mit den wissenschaftlichen und politischen Hintergründen dieser Geschichte. Dem Autor ist eine außergewöhnlich wahrhaftige und detaillierte Darstellung der Fakten gelungen. Es ist nicht zu übersehen, dass hier ein Experte am Werk war, denn es stimmen wirklich viele Einzelheiten exakt mit tatsächlich angewendeten Labor- Methoden und den biologischen Grundlagen überein. Aus dramaturgischen Gründen hat der Autor, was die technischen Möglichkeiten der Biosensorik angeht, ein wenig in die Zukunft gesehen, was er allerdings im Vorwort auch anmerkt.

Die Schwarze Biologie wird zu einer strategischen Waffe

Darüber hinaus bietet der Thriller sehr umfangreiche Informationen über den internationalen Verbreitungsgrad der Entwicklung biologischer Kampfstoffe. Der Autor beschreibt, wie UNO-Waffeninspekteure, Labore für Bio-Kampfstoffe ausfindig machen und in wieweit westliche Konzerne in diese Geschäfte involviert sind. Der Leser erfährt, wie entsprechende Sicherheitslabore in Russland aufgebaut wurden und wie ein fataler Unfall mit Antrax knapp hundert Anwohner in Swerdlowsk das Leben kostete. Preston beleuchtet chronologisch Aufbau und Historie der Entwicklung biologischer Waffen und schließt in seine kritische Auseinandersetzung auch die USA mit ein.
Die politischen Hintergründe sind für das Verständnis der Geschichte wichtig und hochinteressant, wurden aber zum Teil zu ausführlich beschrieben, denn sie unterbrechen nachhaltig den Fortgang der Geschichte und stören den Lesefluss.

Jäger und Gejagte

Obwohl Preston in seinem Roman »Cobra« Entwicklung und Potenzial biologischer Kampfstoffe in den Mittelpunkt stellt, ist es ihm durchaus gelungen, das Thema in eine packende Story mit einigen lebendig gezeichneten Charakteren einzubinden.

Der Leser erlebt, wie ein Team aus Wissenschaftlern, Laborangestellten und Ermittlern einen Wahnsinnigen jagen, der die Macht und den Willen hat, ein Massensterben unter der amerikanischen Bevölkerung anzurichten. Es treffen ganz unterschiedliche, einige sehr eigenwillige und interessante Persönlichkeiten aufeinander, die sich zu einem Team zusammen raufen müssen.Der Leser wird darüber hinaus sehr eingängig mit den Gedanken und der Psyche des wahnsinnigen Täters vertraut gemacht. Der Spannungsbogen dieses Thrillers ist nahezu perfekt konstruiert, denn die Geschichte ist von Beginn an unglaublich spannend und spektakulär. Der Leser erlebt einen Nerven aufreibenden Count-Down aus Stress, Zeitdruck und Verzweiflung, bis sich die Lösung schließlich abzeichnet und die Story in einem furiosem Finale endet. Die Handlung wirkt an jeder Stelle gut durchdacht und plausibel, darüber hinaus passt sie genau zum diesem wissenschaftlich und politisch hochbrisantem Thema.

Realer Horror-Cocktail

»Cobra« ist sehr viel mehr, als ein spannender, furchteinflößender Thriller. Obwohl es an albtraumhaften Szenen nicht mangelt, liegt der grösste Horror doch in der bestechenden Authentizität des Thrillers begründet. Neben den verstörenden Bildern behält der Leser vor allem die Befürchtung im Hinterkopf, dass dieser Overkill des Schreckens bereits Realität sein könnte.

»Cobra« zeigt allzu deutlich, dass allein die Idee der biologischen Kriegsführung und die dramatische Anzahl der politischen Falschaussagen zu diesem Thema Grund genug sind, sich ernsthafte Sorgen zu machen.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.krimi-couch.de und www.phantastik-couch.de

Cobra
Richard Preston
Phantastik Plus
Knaur
1998
432

Funtastik-Faktor: 91%

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