Das Erbe von Berun – T.S. Orgel

Das Imperium fällt – doch wer oder was steigt auf?

Das Erbe von Berun © Heyne
Das Erbe von Berun © Heyne

Für eine Metis, also einer Angehörigen des Volks aus dem Süden des Protektorats Macouban, ist es nicht leicht, in der Hauptstadt Beruns zu überleben. Obwohl, oder gerade weil, sie übernatürliche Fähigkeiten hat, denn die sind verboten. Sara lebt bei dem Gastwirt Feyst Dreiauge, der ihre Begabung, sich unwahrnehmbar zu machen, für krumme Geschäfte nutzt. Die Bekanntschaft mit Henrey Thoren, dem sogenannten Puppenspieler und Vertrauten der Kaiserinmutter, führt sie hinaus aus der stinkenden Schänke an den kaiserlichen Hof. Doch sicherer und bequemer ist das Leben dort nur für kurze Zeit.

Diesmal hat sich der Schwertmann des Kaisers Marten ad Sussetz gründlich verzockt. Ausgerechnet dem fiesen Ganoven Feyst Dreiauge schuldet er Geld. Da bleibt ihm kaum etwas anderes übrig, als dessen Auftrag anzunehmen, einen anderen säumigen Zahler aufzumischen. Doch etwas geht schief und so landet Marten auf einer Triade, die mit einem Bataillon von Kriegsknechten zur Provinz Macouban segelt.

Der Assassine Messer geht im ganzen Reich seiner Arbeit nach. Zu seinen Kunden gehören der Schreiber Lisst, die Goldschmiedin Erin und schließlich soll auch ein gewisser Marten ad Sussetz beseitigt werden. Was haben diese Drei gemein, dass der Auftraggeber des Vogelmanns ihren Tod fordert?

Diesen Dreien sind die Hauptrollen zugedacht in einem Intrigenspiel um das Schicksal des Kaiserreichs Berun.  Der Herrscher versagt und seine Mutter versucht zu retten, was augenscheinlich nicht mehr zu retten ist. Und die Macht des Blausteins ist ein gefährlicher Verbündeter.

Wer ist Freund, wer ist Feind?

Ein Kaiserreich fällt, Fürsten verraten Bündnisse. Versklavte Ureinwohner begehren auf, ein geheimnisvoller Orden bekämpft alte Religionen, Mythen, magische Kräfte gewinnen an Bedeutung. Ganz klar, wir befinden uns in einer Welt die uns an die in George R.R. Martins opulentem Zyklus „Das Lied von Eis und Feuer“ erinnert. Als „Game of Thrones“ TV-Serie verfilmt, hat das Werk einen wahren Hype auf Fantasy-Literatur dieser Art ausgelöst. Die Verlage präsentieren in ihren Programmen vermehrt Fantasy-Bücher, die ohne Tolkien’sche Völker auskommen und dafür Machtkämpfe, Kriege, Intrigen und Magie im Gepäck haben. Tom und Stephan Orgel haben sich, nachdem sie zuvor die Völkerfantasy mit drei Bänden „Orks vs. Zwerge“ bereichert haben, an einen solchen Stoff heran gewagt und mit „Das Erbe von Berun“ den Auftaktband zu der Trilogie „Die Blausteinkriege“ vorgelegt.

Die Struktur des Romans ist wie man sie von vergleichbaren Romanen kennt. Erzählt wird aus den Perspektiven mehrerer Protagonisten, die sich mal an ganz unterschiedlichen Handlungsorten befinden, mal aufeinandertreffen. Am Anfang des Romans halten sich die Autoren nicht lange mit der Vorstellung der Charaktere oder des Schauplatzes auf, sondern gehen direkt im medias res, wodurch das Erzähltempo direkt auf ein hohes Level gesetzt wird. Die Geschichte in „Das Erbe von Berun“ lässt an Konflikten, die ein ehemals mächtiges und nun schwächelndes Reich austragen kann, wenig aus. Gleich mehrere Verräter treten auf den Plan. Mordanschläge gilt es zu vereiteln oder zu verüben, Hinterhalten auszuweichen, oder sich ihnen zu stellen. Von dem Verfall des Reichs ist nicht nur der kaiserliche Hof betroffen, sondern auch die etablierte Religion der ‚Reisenden‘ und ihre grundsätzliche Ablehnung des Übersinnlichen

Trotz der Fülle an Ereignissen verliert man nicht den Überblick, dafür sorgen in die Handlung eingestreute Schauplatzbeschreibungen oder Dialoge. Hier wird dem Leser zum Verständnis des Plots äußerst nützlicher Kontext an die Hand gegeben. Derlei Erklärungen laufen allerdings oft Gefahr, wie Infodumping zu wirken, wenn sie isoliert im Raum stehen und keinen Bezug zur Szene haben. Einige wenige dieser Passagen wirken so, sind ein wenig zu ausschweifend geraten und verlieren sich in sich selbst. Überwiegend ist es T.S. Orgel jedoch gelungen, an genau den richtigen Stellen die Figuren kurz innehalten zu lassen, um sich ein wenig umzusehen und auszutauschen. Die politischen Zusammenhänge erschließen sich dem Leser trotzdem nicht ganz, da der Blick auf das große Ganze fehlt. Stattdessen folgt der Leser den Figuren, die immer wieder mit völlig Unerwartetem konfrontiert werden. Noch weniger fassbar ist die Bedeutung des Blausteins. Der Assassine und eine Heilerin nutzen ihn zur Verstärkung ihrer Talente. Doch allein der Fährtenleser und Sucher Lebrec deutet in wenigen Szenen an, welche Macht und Gefahr tatsächlich von dem Mineral ausgehen.

Zu den Stärken der Werke des Autorenteams T.S Orgel gehören die Charaktere. Selten hat man für einen Killer so viel Sympathie empfunden, wie für Messer, der so seine schrulligen Eigenarten hat. Auf bewundernswert kreative, fast ästhetische Weise übt er seinen Job aus, ohne unnötig brutal zu agieren. Und selten hat man so schillernde und starke Frauenfiguren in der oft von Männern dominierten Fantasy vorgefunden. Die anfängliche Taschendiebin Sara ist eindeutig als Heldin angedacht und erhält reichlich Gelegenheit, Kampfgeist und Pfiffigkeit unter Beweis zu stellen. Noch interessanter sind zwei alte Damen, die Kaiserinmutter Ann Revin und Fürstin Imara Antreno. Beide zeichnet Scharfsinnigkeit aus, die Kaiserinmutter zudem Selbstbewusstsein und Kompromisslosigkeit, die Fürstin eine Aura des Geheimnisvollen.

Den Schreibstil der beiden Autoren zeichnet eine herbe Lässigkeit und ein derber Humor aus, der aber nie aufgesetzt wirkt. Die oft allzu düstere Stimmung hat so auch ihre heiteren Momente. Ähnliches gilt für die Szenerie, die plakativ brutal, aber nie übertrieben eklig beschrieben wird. Auch stilistisch erwartet den Leser in „Das Erbe von Berun“ Literatur, die sich angenehm lesen lässt und mit Sarkasmus und zynischen Sprüchen überrascht.

Fazit
„Das Erbe von Berun“ ist der Auftakt zu einem komplexen Fantasy-Epos, der tatsächlich an die Anfänge des „Eis und Feuer“ Zyklus von George R. R. Martin erinnert, jedoch weniger schwer (-mütig) daher kommt. Der erste Teil der „Blausteinkriege““ reißt eine Reihe von Verwicklungen und Konflikten an, die sich anschicken, die auf dem Innencover anschaulich kartierte Welt in den Abgrund zu reißen. Es scheinen fast zu viele Fronten für nur zwei Folgebände errichtet worden zu sein. Mich würde es nicht wundern, wenn T.S. Orgel auf das gleiche Problem stießen, das schon Autoren wie Tad Williams oder George R.R. Martin mit ihren Fantasy-Reihen hatten. Nämlich das, dass die geplante Anzahl an Bänden dann doch nicht ausreicht, um die Geschichte schlüssig zu Ende zu erzählen. Wenn die Qualität der „Blausteinkriege“-Reihe auf dem Niveau von „Das Erbe von Berun“ bleibt, kann das dem Leser nur recht sein.

Das Erbe von Berun
Die Blausteinkriege - Band 1
T.S. Orgel
Fantasy
Heyne
Oktober 2015
608

Funtastik-Faktor: 85

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