Das Licht hinter den Wolken – Oliver Plaschka

Phantastisches Roadmovie mit Tiefgang

Das Licht hinter den Wolken, © Klett-Cotta

Oliver Plaschka hat mit „Fairwater„ und der “Die Magier von Montparnasse„ bisher eher Urban Fantasy geschrieben, oder, wie in “Der Kristallpalast„ einen Ausflug in den Steampunk unternommen. Ist es für einen Fantasy-Schriftsteller und aktiven Rollenspieler nicht irgendwann an der Zeit, sich der High-Fantasy zuzuwenden?

»Ein weitverbreitetes Vorurteil besagt, dass Fantasyautoren ihre Ideen gern aus dem Rollenspiel beziehen. In meinem Fall ist das absolut richtig.«

schreibt Oliver Plaschka in der Danksagung zum Buch “Das Licht hinter den Wolken„.
Wer den Autor kennt, weiß allerdings, dass seine Leser mehr erwarten dürfen, als schlichten Fantasy-Stereotypen durch ihre Welten und Abenteuer zu folgen und dem Erwerb diverser Skills zuzusehen. Und doch beginnt die Geschichte von “Das Licht hinter den Wolken„ mit einem Zauberer …

April und Janner wie Bonnie und Clyde

..namens Sarik, der ein kleines Mädchen trifft, ihr einen Regenbogen zaubert, sich sonst an nichts erinnern kann und spurlos wieder verschwindet.
Aprils einziger Lichtblick in einem Leben voller Armut und Misshandlung durch ihren cholerischen und trinkenden Vater ist die Vision vom Licht hinter den Wolken. Als ihr Vater sie als Ehefrau verschachern will, flieht April in ein freies, aber nicht weniger gefährliches Leben.
Sie begegnet Janner, dem Fealv, eine menschenähnliche im Königreich unterdrückte Rasse. Er sucht seinen Vater, den Freiheitskämpfer Tausenddorn und findet dessen legendäres Schwert Bannneisen. Zusammen begegnen sie Sarik erneut, der immer noch nicht seinen Platz in der Geschichte kennt, aber zumindest eine Aufgabe erhalten hat; er führt April zu einem Zauberschwert aus alter Zeit, Schneeklinge. Fortan ziehen April und Janner als Gesetzlose durch das Königreich, ihre Schwerter und Taten sollen zur Legende werden.

Längst Legende ist die Kriegerschule von Leiengard, erfolgreiche Absolventen erhalten als Abzeichen den Löwen und gelten als die besten Krieger des Reichs. Die Senatorentochter Cassiopeia muss mit ansehen, wie ihr Landgut überfallen, ihr Vater ermordet wird. Ihr Weg führt sie zur Vulkaninsel Leiengard und in die sechsjährige knallharte Ausbildung. Danach macht sie sich auf die Suche nach dem Mörder ihres Vaters. Und wird, wie April, Janner und Sarik, Teil eines Kampfes im Dies- und Jenseits um die Macht der Magie und um die Legende des geteilten Gottes.

Queste und Legenden..

Aufgemacht ist die schöne Klett-Cotta Hardcover Ausgabe von “Das Licht hinter den Wolken„ wie ein typischer High-Fantasy Roman. Auf dem Cover betrachtet man eine Bergwiesenlandschaft, vor Wolken verhangenem Alpenpanorama stecken zwei Schwerter über Kreuz im Grass, ein Sonnenstrahl streift diesen Ort. Im Buchdeckel finden wir eine Karte der Länder der mittleren und näheren Welt. Die jeweiligen Kapitel leiten stimmungsvolle und zur Geschichte passende Zeichnungen der Künstlerin Karin Graf ein, die Szenen wurden betitelt und somit klar untergliedert. Man wird feststellen, dass diese Orientierungshilfen sehr hilfreich sind, denn die Erzählstruktur des Romans macht es dem Leser nicht immer leicht. Am Ende des Romans befindet sich eine Zeittafel die verdeutlicht, dass die Geschichten um April und Janner, Cassiopeia, sowie Sarik und Zeona nur ein kleiner Ausschnitt aus einem großen Ganzen sind, eingebettet in eine komplexe Historie mit ungewisser Zukunft.

“Das Licht hinter den Wolken„ beginnt mit Aprils erster Begegnung mit dem Zauberer Sarik. Das erste Kapitel erzählt von ihrer harten Kindheit, ihrer Flucht, der Begegnung des Fealv Janner und den Beginn ihrer gemeinsamen Zeit. Cassiopeia, zunächst nur “Die Senatorentochter„ genannt, lernen wir im selben Kapitel in ihrer schwersten Stunde kennen, während das Gut ihres Vaters überfallen wird. Während sie von ihrer Gabe geschützt das Töten beobachtet, flüchtet sie sich in Erinnerungen, bevor sie den Ort des Grauens verlässt und ihren Rachefeldzug beginnt.
Gewalt zieht sich als roter Faden durch diese Geschichten, die von Gegenwart zur Erinnerung zur Legende, von Ort zu Ort springen und daher dem Leser viel Aufmerksamkeit abverlangen. Typischerweise enden die Szenen mit Ausblicken wie “Du wirst Deine Antwort schon noch erhalten.„ [Zeona zu Sarik, S. 85] oder “Und er erzählte ihr die Geschichte seines Lebens.„ [Janner zu April, S. 106] und viele Seiten später folgt übergangslos die angekündigte Geschichte. Der Einstieg fällt somit vielleicht etwas schwer, doch umso faszinierender ist es zu beobachten, wie Geschehnisse aus der Vergangenheit die gegenwärtigen Ereignisse beeinflussen. All das spielt sich zunächst vor der Kulisse eines nicht fassbaren, mystischen Hintergrunds ab, der zunehmend Handlung und Protagonisten steuert und zum mitreißend düsteren Finale führt. Darin wachsen die Figuren, entwickeln sich vom Vagabunden zum Freiheitskämpfer, vom Krieger zum Verbündeten der Macht. Speziell ist, dass Plaschka keine strahlenden Helden, sondern oft getrieben wirkende Geschöpfe erschaffen hat, deren Motive zwar stets nachvollziehbar, deren Handlungen aber oft moralisch fragwürdig erscheinen. Was besonders für den mysteriösen Zauberer Sarik gilt, sobald seine dunklen Geheimnisse Stück für Stück der Geschichte entlockt werden.

..poetisch und prägnant erzählt

Oft wird der Autor als “Meister der poetischen Sprache„ bezeichnet, absolut zu Recht. Aber es ist nicht nur die Poesie, die seine Sprache auszeichnet, sondern auch eine augenfällige sprachliche Prägnanz, mit der er immer wieder Dramaturgie und besondere Spannungsmomente erschafft. Da schillert einfach jede Beschreibung und lässt den Leser in die Romanwelt eintauchen, da inspiriert jeder Dialog und bringt die Geschichte weiter, wenn auch oft an Stellen, wo man es zunächst nicht vermutet hätte. Diese Mischung aus poetischem Glanz und präziser Fabulierkunst macht ein Werk von Oliver Plaschka zu einem schönen und gehaltvollen Lesegenuss.

Einziges, gut zu verschmerzendes Manko des Romans ist – seine Kürze. Ich möchte vorausschicken, dass mich aufgeblähte Fantasy-Wälzer mit Beschreibungen und Action-Sequenzen, die nur um ihrer selbst willen drei Bände füllen, oftmals nerven und ich begrüße, dass die Trilogie-Vorherrschaft offensichtlich seinem Ende entgegensieht. Aber für Kultur und Geschichte der Völker in “Das Licht hinter den Wolken“ reichen 680 mit großzügigem Schriftbild bedruckte Seiten einfach nicht aus. Obwohl keine wesentlichen Fragen offen bleiben, hätte man gern etwas mehr über die Fealv, über die Eolyn, die Timei oder Lagandeer erfahren. Aber das macht wohl außergewöhnliche Erzählungen aus, dass man einfach mehr davon haben, tiefer darin eintauchen möchte, und doch weiß, dass das Ende so wie es ist, die Geschichte richtig und wahrhaftig abschließt.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Das Licht hinter den Wolken
Oliver Plaschka
Fantasy
Klett-Cotta
2013
686

Funtastik-Faktor: 86

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