Das Schwert der Vorsehung – Andrzej Sapkowski

Das Monster in Dir

Das Schwert der Vorsehung © dtv
Das Schwert der Vorsehung © dtv

„Das Schwert der Vorsehung“ ist der zweite Band aus Sapkowskis Geralt-Zyklus und wie Band 1 eine im Grunde unveränderte Neuauflage der 1998 bei Heyne erschienenen Übersetzung von Erik Simon. Fans des erstmals 2007 auf den Markt gekommenen Computer-Rollenspiels „The Witcher“, das sich erfreulich eng an Sapkowskis Romanvorlage hält, werden in den sechs Kurzgeschichten um den tragischen Hexer Geralt von Riva tatsächlich die eine oder andere Szene wieder erkennen.

Von sterbenden Mythen

Wie im vorhergehenden Band begleiten die Kurzgeschichten den tragisch-melancholischen Hexer und Monsterjäger durch seine vom Niedergang der Magie geprägte Welt. Diesmal allerdings ohne eine abgesetzte Rahmenhandlung, sondern als lose zeitlich aufeinander folgende Episoden. Wieder sind die Geschichten geprägt von wenigen, immer wiederkehrenden Bekannten und wenigen Freunden Geralts in einer Welt, die immer weniger Platz für mythische Kreaturen von Basilisken über Sirenen bis zu Elfen bietet. Und damit immer weniger Bedarf am aussterbenden „Beruf“ des Hexers und Monsterjägers. Wo Mutanten wie Geralt früher vielleicht nicht gern gesehen, so doch als wichtig geachtet wurden, schlägt ihnen inzwischen mehr und mehr offenes Misstrauen und Verachtung entgegen – der Hexer findet sich immer mehr selbst in die Rolle derer gedrängt, die er jagt: eine mythische Monstrosität, ohne die die Welt besser dran wäre.

Und so kreist auch sein eigener Fokus immer häufiger um seinen persönlichen Zweifel, der schon im ersten Band thematisiert wurde: Auf welcher Seite steht er, der Jäger, eigentlich selbst? Lautet doch sein Auftrag als Hexer, das Schützenswerte zu schützen, stellt sich ihm immer wieder die Frage, ob nicht eigentlich die seinen Schutz brauchen, die sein Berufsstand bisher jagte. So verbietet es ihm sein persönlicher Ehrenkodex zum Beispiel, die letzten Drachen jagen. Trotzdem schließt er sich einer Gruppe Drachenjäger an – allein, weil die Magierin Yennefer, mit der ihn eine lange, unglückliche Liebe verbindet, ebenfalls an der Expedition teilnimmt. Eine Expedition, die wie die nachfolgenden Geschehnisse vom Konflikt zwischen Gewissen und Auftrag geprägt ist.

Kein Platz für Gothic-Romantik

Sapkowski schafft es auch in diesem Band, seinem Protagonisten Geralt weitere Tiefe und Entwicklung zu geben. Und obwohl Geralt so melancholisch wie schon im vorangegangenen Teil ist (und womöglich noch zynischer), liest sich „Das Schwert der Vorsehung“ keinesfalls düster oder schwülstig. Schuld daran sind nicht zuletzt die hervorragenden Nebenfiguren, wie der altbewährte Dichter und Barde Rittersporn, der seinen Freund Geralt mehr als einmal mit seiner Suche nach neuen Heldenepen und Liebschaften in Schwierigkeiten bringt, der herzlich lebensfrohe Ritter Drei Dohlen mit seinen ebenso kampflustigen wie freizügigen Leibwächterinnen Tea und Vea oder der jovale Baron Freixenet, der einst ein Kormoran war.

Amüsant ist es auch, wenn Sapkowski klassische Märchen wie die Geschichte von den sieben Raben oder der kleinen Seejungfrau entmystifiziert – um sofort eine bessere, erdigere Version daraus zu machen und sie in sein Hexer-Universum einzuflechten. Sein trockener, derber Humor und die wenn möglich noch schnelleren Dialoge hellen so seine Geschichten immer wieder auf, die vom Grundton durchaus das Zeug zur Gothic-Stimmung gehabt hätten. Ein düster-romantischer Gothic-Vampir hätte jedoch bei Sapkowskis ganz und gar nicht hilflosen Mägden einen schweren Stand – und die (wiederum aus dem Mythenschatz Osteuropas entliehenen) einheimischen Vampirvarianten bekommen es mit den zwei Schwertern des Hexers zu tun.

Und schließlich hat die Vorsehung, deren Schwert Geralt führt, auch für ihn noch eine Überraschung bereit, die sein von Tragik bestimmt scheinendes Leben unerwartet aufhellt. Und damit dem Buch zum Schluss noch die Schwere nimmt.

„American Gods“ in Riva

„Das Schwert der Vorsehung“ ist sicherlich kein Buch für Freunde der Hoch- oder der epischen Heldenfantasy. Sapkowskis mit Schwächen und Zweifeln behafteter Held und die gesamte Stimmung sowie der Humor des Romanes dürften schon weit eher Fans von Neil Gaimans „American Gods“ oder „Neverwhere“ ansprechen, denn hier wie dort sind die Mythen und ihre Helden und Monstren zu einem Leben am Rand der Gesellschaft (oder im Untergrund) verurteilt.

Was auch diesen Band der Geralt-Saga zu einem ungewöhnlichen, durchaus mehrfach lesbaren Schatz der modernen Fantasy macht.

Diese Rezension von Tom Orgel erschien bereits auf www.phantastik-couch.de. Sie wurde hier mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht.

Das Schwert der Vorsehung
Andrzej Sapkowski
Fantasy
dtv Verlag
2008
464

Funtastik-Faktor: 90

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