Der Drachenbeinthron – Tad Williams

Drachenbeinthron - Tad Williams
© Klett-Cotta Verlag

Zeitlos schöne Fantasy

Nach der Veröffentlichung des viel beachteten Katzenmythologie-Romans „Traumjäger und Goldpfote“, wagte Tad Williams sich an ein weitaus umfangreicheres Epos: Die Osten-Ard-Saga. „Der Drachenbeinthron“ ist der erste Teil der Tetralogie, die heute schon zu den Klassikern der High-Fantasy Romane zählt. Spätestens nach Vollendung des letzten Teils „Der Engelssturm“ stand für viele Fantasy-Liebhaber fest, dass der vielseitige amerikanische Autor zu den ganz großen Erzählern des Genres gehört.

 Flucht aus dem Hochhorst

Der Waisenjunge Simon wird von der Dienerschaft im Hochhorst, dem Königssitz Osten Ards, aufgezogen. Aufgrund seiner tolpatschigen und neugierigen Art, gerät der Junge immer wieder in Schwierigkeiten, dennoch nimmt ihn der Magier Morgenes als Lehrling unter seine Fittiche. Zu seinem Verdruss lernt Simon erst einmal alles, über die Geschichte des Landes: Vom alten Volk der Sithi, dass einst im Hochhorst herrschte und von den Menschen vertrieben wurde, bis zum Hochkönig Johan Presbyters, der den Drachen Shurakai erschlug und aus seinen Knochen den Drachenbeinthron bauen ließ.

Nach Johans Tod wurde sein älterer Sohn Elias der neue Hochkönig.
Gegenüber seinem jüngeren Bruder Josua, verhält sich Elias misstrauisch und heimtückisch. Der unheilvolle Einfluss des Zauberers Pryrates, führt sogar dazu, dass er seinen Bruder einkerkern lässt. Zufällig entdeckt Simon den Prinzen im Verließ und befreit ihn mit Doktor Morgenes Hilfe. Pryrates stellt Meister und Lehrling, der Doktor muss dafür, dass er seinem Schützling zur Flucht verhilft, mit dem Leben bezahlen.

Tage und Nächte des Unheils

Endlich dem Hochhorst entkommen, weiß Simon nicht genau, ob er wach ist, oder träumt, als er eine gespenstische Szene beobachtet: Pryrates und Elias treffen seltsam gewandete Gestalten, die dem König einen großen Gegenstand übergeben. Zum Glück bleibt Simons auf seiner abenteuerlichen Flucht nicht allein. Der Troll Binabik hilft dem Jungen, in der Wildnis zu überleben und gemeinsam spekulieren sie, was wohl die Ursache für die fatalen Veränderungen in Osten Ard sein mag. Während der seltsamen Abenteuer wird Simon immer mehr von dunklen Träumen geplagt. Er erlebt eine Vorahnung auf die Reise in eine sonderbare Welt, die ihn zu einem höchst gefährlichem Auftrag führen wird.

Die klassische Quest

Das Set-Up der Geschichte in „Der Drachenbeinthron“ könnte kaum klassischer sein. Ein Junge aus einfachen Verhältnissen erfährt von einem schrecklichen Geheimnis, dass seine Welt bedroht und wird auf eine lange, abenteuerliche Reise geschickt, um sie zu retten. Da er so ein netter Kerl ist, nehmen sich kluge Personen seiner an und lehren ihn alles, was er wissen muss. Während der junge Held Abenteuer erlebt und fremde, seltsame Länder und Wesen kennen lernt, gerät seine Heimat immer mehr unter den Einfluss einer geheimnisvollen, bösen Macht. Die Guten kämpfen einen beinahe aussichtslosen Kampf gegen den überlegenen Feind.

„Der Drachenbeinthron“ spielt in einer mittelalterlichen Fantasy-Welt mit dem üblichen Burgenbau und Feudalsystem. Einige Länder erinnern an historische Völker, wie die Wikinger oder die Mongolen. Die vorherrschende Religion orientiert sich sehr auffällig am Christentum, denn dessen zentrale Figur, Usiris Ädon, wurde kopfüber an einen Baum genagelt. Personen und Fantasy-Gestalten sind, wie so oft, an die aus der britischen und germanischen Mythologie angelehnt. „Der Drachenbeinthron“ ist eine Fantasy-Geschichte, wie man schon viele gelesen hat und dennoch vermag sie viele Leser derartig zu fesseln, dass sie das Buch kaum zur Seite legen können.

Von Trollen, Zauberern und katzenäugigen Wesen

Die Charaktere in „Der Drachenbeinthron“ machen einfach Spaß, obwohl sie nicht wirklich neu sind und teilweise etwas stereotyp wirken. Der Troll Binabik stellt sich seinem künftigen Reisebegleiter Simon, der gerade in Notwehr einen Mann erschlagen hat, mit den folgenden Worten vor:

„Ich werde glücklich sein, später mehr zu erläutern, aber jetzt sollten wir gehen. Dieser Bursche [..] wird zuverlässig nicht lebendiger werden, aber vielleicht verfügt er über Freunde oder Familie, die sich erregen könnten, wenn sie ihn hier so ungemein tot vorfinden. Bitte [..] komm mit mir“

Die Dialoge zwischen Simon und seinem treuen Freund und Mentor sind aufgrund der seltsam geschwollenen, aber witzigen und direkten Redeweise des klugen Trolls, besonders unterhaltsam zu lesen. Auch viele andere Personen, wie die Vogelfrau Geloë oder der Sithi Jiriki sind nicht nur mit einer eigenen Kultur und Geschichte ausgestattet, sondern überzeugen vor allem als einzigartige Persönlichkeiten.

Die pure Lust am Erzählen faszinierender Geschichten

Wer Tad Williams Epen liest, braucht dafür Geduld. Die intensive und ausschweifende Vorstellung der verschiedenen Kulturen und Welten, sowie zahlreiche Ausflüge in Erzählungen neben dem eigentlichen Geschehen, begeistern nicht jeden. Für Leser, die eine sich langsam aufbauende Handlung, die keinem stringentem Spannungsbogen folgt, als langweilig empfinden, ist „Der Drachenbeinthron“ nicht die geeignete Lektüre.

Fantasy-Fans, die jedoch gern in detailverliebt beschriebene Welten eintauchen und inspirierende Lieder, Legenden und Erzählungen, die die Wesensart der Völker charakterisieren, genießen können, sei Tad Williams„Osten Ard“ Saga wärmstens ans Herz gelegt. Wer zudem ein Faible für klassische Fantasy hat, wird an dieser dramatischen, fantasiereich erzählten Geschichte viel Freude haben, denn in jeder Zeile des Buches bringt Tad Williams seine Leidenschaft und sein Talent für das Erzählen spannender, faszinierender Geschichten zum Ausdruck.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Der Drachenbeinthron
Osten Ard - Band 1
Tad Williams
Fantasy
Klett-Cotta
1991
954

Funtastik-Faktor: 82%

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