Stadt der goldenen Schatten – Tad Williams

Otherland-Tad Williams
© Klett-Cotta Verlag

Der Auftakt einer wahnwitzigen Reise durch virtuelle Realitäten

Stelle Dir einmal vor, Du würdest nicht vor deinem Computer sitzen und auf meine Webseite auf deinem Bildschirm schauen, sondern hättest eine technische Ausrüstung, mit der Du eine dreidimensionale „phantastisch-lesen“ Bibliothek aufrufen könntest. Du befändest dich in einem phantasievoll eingerichteten Raum mit gemütlichen Sitzecken in dem Du Buchbesprechungen ordern könntest. Nach dem Du die Rezension zu „Otherland – Stadt der goldenen Schatten“ angefordert hast, komme ich, bzw. meine kreativ gestaltete Figur (Avatar) zu dir und wir unterhalten uns über das Buch. Darüber hinaus gäbe es noch mehr Möglichkeiten, Figuren aus dem Buch könnten sich Dir vorstellen, der Autor selbst Dir erzählen, wie er auf die Idee gekommen ist und vieles mehr –  beinahe alles wäre realisierbar. Eine interessante Vorstellung ? Jetzt hast Du bereits einen ersten Eindruck darüber gewonnen, was Dich in „Otherland“ erwartet.

Reales Leben – virtuelle Welt

Am Ende des 21. Jahrhunderts herrscht in Südafrika Bürgerkrieg und in den Vereinigten Staaten ein technokratisches System aus Gewalt und Korruption. Viele Menschen kämpfen um ihr Überleben, wer es sich leisten kann, flüchtet mit Hilfe von Computersimulationen in die virtuelle Realität.

Paul Jonas

Paul Jonas hört um sich herum Granaten und Schüsse einschlagen und die Schreie seiner sterbenden Kameraden. Er befindet sich in Frankreich zur Zeit des 1. Weltkrieges im Schützengraben. Schlamm, Kälte und blutiges Chaos sind kaum noch zu ertragen, als Paul eine andere Welt betritt, in der er die Bekanntschaft mit einer schönen und verängstigten Vogelfrau macht. Sie warnt ihn vor dem alten Mann, der ihn zur Strecke bringen wolle. Paul Jonas wird von zwei unnachgiebigen Gestalten von einer bizarren Realität zur nächsten gehetzt. Die Vogelfrau erscheint ihm immer wieder und ruft ihn beharrlich zu sich. Warum kann Paul sich an nichts erinnern, welchen Sinn hat diese Irrfahrt und was hat es mit dem Begriff „Gralsbruderschaft“; auf sich, der tief in seinen Bewusstsein verankert ist ?

Renie und !Xabbu

Renie Sulaweyo arbeitet als Spezialistin für virtual reality (VR) in der Technischen Universität von Durban/Südafrika.!Xabbu gehört dem fast ausgerotteten Volk der Buschmänner an. Er möchte die Kultur seiner Ahnen festhalten und von Renie die Netzprogrammierung erlernen. Doch die hat gerade andere Sorgen, ihr Bruder Steven scheint im VR im so genannten inneren Distrikt in Schwierigkeiten zu stecken. Gerade hat sich Renie einen Zugang organisiert, als Stevens Freund ihr panisch mitteilt, dass Steven während des gemeinsamen Netzbesuches auf einmal das Bewusstsein verloren hat. Steven wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo allerdings niemand seinen Zustand erklären kann. Renie recherchiert Informationen über dieses Koma, offensichtlich sind in Ländern mit hoher Netzabdeckung viele Kinder davon betroffen. Renie hat im inneren District ein Tool bekommen, dass eine geheimnisvolle goldene Stadt zeigt. Als ihre ehemalige Professorin Susan van Bleeck versucht, das Bild zu entschlüsseln, löst sie eine Kaskade von Gewalt und Verrat aus. Renie und !Xabbu fliehen zu einem stillgelegten Militärstützpunkt, wo sie V-Tanks aktivieren, mit denen sie unbegrenzte Zeit ins Netz gehen können. Susans Freund, der sich „der Einsiedlerkrebs“ nennt und den unkonventionellen Netzbereich „Treehouse“ erschaffen hat, bringt sie auf die Spur des „Otherland“ Netzwerkes, eine gigantische Simulation zahlloser Welten, so perfekt, dass sie von der  realen Welt nur schwer zu unterscheiden ist.

Orlando und Sam

Die amerikanischen Teenager Orlando Gardiner und Sam Fredericks verbringen ihre Freizeit mit dem Abenteuer-Netzspiel „Midland“. Orlando leidet im realen Leben an Progerie, einer Krankheit, die ihn vorzeitig altern lässt. In der Realität erschöpft ihn jede Bewegung, in „Midland“ ist er „Thargor der Barbar“, ein unbesiegbarer Held, der mit seinem Freund Sam als „Pithlit der Dieb“ viele Gefahren übersteht. Das letzte Abenteuer wird der Figur Thargor zum Verhängnis, gerade als er ein seltsames Zeichen, ein Bild mit einer goldenen Stadt entdeckt hat, wird er völlig überraschend von einem eigentlich schwächeren Gegner getötet. Orlando vermutet, dass dieser Spielzug manipuliert wurde und stellt mit Sam und seinem Computeragenten Beezle Nachforschungen an. Auch sie erreichen das „Treehouse“und bekommen schließlich Zugang zu „Otherland“. Dort machen sie eine beängstigende Erfahrung; sie können nicht mehr offline gehen.

Mr. Sellers und Christabel

Mr Sellers wird auf einem schwer bewachten Militärstützpunkt festgehalten. Seine Erscheinung ist wenig bedrohlich; ein alter verkrüppelter Mann, mit einer Haut, die wie geschmolzenes Plastik aussieht. Er scheint ein VR-Spezialist mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zu sein, der trotz massiver Einschränkungen kontinuierlich an einem geheimen Projekt arbeitet. Mit Hilfe der kleinen Christabel, der Tochter eines Militärpolizisten, plant Sellers ein gewaltiges und gefährliches Vorhaben.

Die Gralsbruderschaft

Sie sind die mächtigsten Männer der Welt, Herren von „Otherland“ und treten in Gestalt der agyptischen Götter auf. Ihr Lebenswerk, eine autarke Welt für einen erlesenen Kreis, ist ihnen heilig, die Erreichung eines endgültigen Ziels steht unmittelbar bevor. Wie konnte ein so umfangreiches Netzwerk erschaffen werden? Wie kann der Betrieb von so vielen Welten aufrecht erhalten werden?

Otherland – ein opulentes Werk

„Otherland – Stadt der goldenen Schatten“ ist der erste Teil der umfangreichen „;Otherland“; Tetralogie und mit 919 Seiten der zweit längste Teil. Der vierte Teil „Meer des silbernen Lichts“ ist mit 1065 Seiten ist noch etwas umfangreicher, die Teile 2 „Fluss aus blauem Feuer“ und 3 „Berg aus schwarzem Glas“ sind mit jeweils ca. 800 Seiten auch nicht gerade schnell gelesen. Die „Otherland“ Bände haben keine in sich abgeschlossene Handlung. Dementsprechend werden im ersten Teil eine Reihe von Handlungsebenen eingeführt, deren Zusammenhang lange nicht offensichtlich ist. Schauplätze und Handlungsstränge wechseln einander ab, enden häufig mit einem Cliffhänger und werden ständig durch die „Netfeed-Nachrichten“ unterbrochen, die mit der eigentlichen Handlung wenig zu tun haben und einen Hintergrundkommentar darstellen. Dieser Aufbau macht „Otherland“ nicht gerade flüssig zu lesen. Das Tempo wird dadurch einerseits konstant hoch gehalten und das ganze Buch wirkt rastlos und gehetzt. Tad Williams beschreibt andererseits jeden Schauplatz und jede Szene außerordentlich detailreich, dadurch wirkt das Geschehen teilweise unnötig in die Länge gezogen und bringt die Handlung nicht erkennbar weiter. Mancher Leser empfindet Tad Williams Detailverliebtheit als zu exzessiv, andere sind von seinem Ideenreichtum begeistert. Dem Autor gelingt eine einzigartig phantasievolle und zugleich realistische Erschaffung einer Welt die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt und dennoch an jeder Stelle gut nachvollziehbar ist. Tad Williams Erzählstil ist so intensiv und mitreißend, dass man als Leser völlig in „Otherland“ eintaucht und sein eigene Welt ausblendet. „Otherland“ weist hohes ein Suchtpotential auf, wer ohne Mühe die 919 Seiten von „Stadt der goldenen Schatten“ durchgehalten hat, wird eine Weile in Tad Williams virtueller Realität verbleiben und die weiteren drei Bände lesen. Leser, die sich bereits beim ersten Band von der Fülle der Handlungsebenen und der umfangreichen Beschreibung der virtuellen Welten erschlagen oder gelangweilt fühlen, tun sich dagegen mit dem Erwerb der nachfolgenden Bände keinen Gefallen.

Einzigartig gezeichnete Charaktere

Die Erschaffung seiner Protagonisten gelingt Tad Williams mindestens genauso exzellent, wie die Gestaltung der Schauplätze. Trotz der hohen Anzahl beinahe gleichwertiger Charaktere, ist jede einzelne individuell, mit besonderen Schwächen und Stärken und speziellen Bedürfnissen ausgestattet. Der Autor stellt ganz unterschiedliche Charaktere Seite an Seite, z.B. bilden Renie und !Xabbu ein sehr heterogenes Team, die praxisnahe Analytikerin und der spirituelle letzte Vertreter seiner Kultur. Ähnliches gilt für Orlando und Sam, der schwer kranke Junge kämpft verbissen um die Auflösung dieses komplexen Rätsels, während Sam sein weniger fanatischer, aber loyaler Freund und Wegbegleiter ist, der im Laufe der Geschichte erwachsener und reifer wird.

Zahlreiche Attribute sind für die Charakterisierung des  „Otherland“ Epos verwendet worden, wie „Achterbahnfahrt der Phantasie“ oder „ultimative Cyberspace-Saga“ und besonders gern wird der Vergleich mit dem Urvater des heutigen Literaturgenre Fantasy strapaziert.

Der Tolkien des 21. Jahrhunderts…

…ist Tad Williams sicherlich nicht, denn er hat kein Werk erschaffen, dass vergleichsweise richtungweisend für ein Literaturgenre war, wie „Der Herr der Ringe“. Dennoch ist „Otherland“ unbestreitbar ein innovatives Epos, auch wenn die Grundidee nicht neu ist. Die Komplexität von „Otherland“ macht dieses Werk zu einem einzigartigen Genre-Mix aus Fantasy und Science-Fiction. Tolkien Fans, die sich auch für „Otherland“ begeistern können, werden sich zudem über eine unübersehbare Hommage an  „Der Herr der Ringe“ freuen.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Stadt der goldenen Schatten
Otherland- Band 1
Tad Williams
Fantasy
Klett-Cotta
1997
915

Funtastik-Faktor: 85%

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar