Der Elbenschlächter – Jens Lossau/Jens Schumacher

Elbenblut und Trollsprichworte

Der Elbenschlächter © Lyx Verlag

Der Elb Waiko wartet im verruchten Foggats Pfuhl auf Freier und trifft statt eines Kunden seinen Mörder. Unter unsäglichen Qualen für das Opfer extrahiert der Elbenschlächter mit thaumaturgischen (magischen) Mitteln Waikos gesamtes Blut und die Samenflüssigkeit. Der Elb ist bereits sein fünftes Opfer.

Die IAIT-Agenten Meister Hippolit und Jorge, der Troll werden mit dem Fall betraut. Während Hippolit die wissenschaftliche Untersuchung des Leichnams vornimmt, nutzt Jorge seine Szenekenntnis im Schenkenviertel von Foggats Pfuhl. Im Gasthof „Zur wilden Meuchelmuse“ gesellt sich ein Kollege Waikos an seinen Tisch, ein Strichjunge, der an der „Seuche“ leidet. Etliche Bierhumpen später hat der Ermittler eine erste, heiße Spur. Der Mörder lässt sich offensichtlich in einem Edelvulwoog (Automobil-Pendant) chauffieren.

Doch Jorges Bemühungen scheinen umsonst gewesen zu sein. Kurz darauf verkündet der Chef der Stadtwache, Glaxio, den Mörder gefasst zu haben. Publikumswirksam verhaften des Generals Soldaten den sich heftig wehrenden Benktram, der lautstark „Ich brauchte das Blut für Unja!“ lamentiert. Bei „Unja“ handelt es sich um einen tribekanischen Saugwurm, der sich von Blut ernährt und den der Beschuldigte illegal in seinem Keller gehalten hat.

Ist der Elbenschlächter wirklich schon gefasst? Mitnichten – ein altes Trollsprichwort könnte lauten: „Jetzt geht es erst richtig los“

Passt wie die Faust aufs Auge

Die Geschichte erinnert auf den ersten Blick an einen Krimi nach vertrautem Konzept. Ist hier der Plot mit einer phantastischen Welt, Fantasy-Figuren und etwas Magie aufgepeppt worden?

Das Gegenteil ist der Fall. Jens Schumacher und Jens Lossau haben Schauplätze und Figuren akribisch gezeichnet und bekannte Fantasyelemente neu interpretiert. In Sdoom scheint gegenüber den gängigen Anderswelten vieles auf den Kopf gestellt. Die zumeist als starke Rassen dargestellten Elben oder Vampire führen in der Stadt Nophelet ein Leben am Rande der Gesellschaft. Auch die magisch begabten Personen, die Versierten, sind keineswegs grundsätzlich den Nicht-Versierten überlegen. Eine breit aufgestellte Ordnungsmacht in Form der Stadtwache und des IAIT ändert nichts an dem Zerfall, der dem Land anhaftet. Andererseits gibt es bemerkenswerte Entwicklungen magischer oder dampfbetriebener Natur, wie den „Vulwoog“ oder den „Wortwurf“, was dem Roman einen Touch von „Steamfantasy“ verleiht. Widersprüchlich wirken auch die Hauptprotagonisten, gegensätzlicher könnten ihre Charaktere kaum sein.

Meister Hippolit ist der Weise; gebildet und erfahren, aber gezwungenermaßen unselbständig. Der Troll Jorge ist dagegen ein schlagkräftiger Typ, von einfachem Gemüt und unter der harten Schale herzensgut. Der greise Lichtadept und der Troll gelten beim IAIT als die besten Ermittler. Der 107 Jahre alte Hippolit steckt nach einer missglückten Verjüngungsprozedur im Körper eines albinoiden Teenagers, wodurch er nicht nur die fleischlichen Genüsse, sondern auch jegliche Autorität einbüßt. Sein Kompagnon Jorge hält nichts von den Vorschriften des IAIT oder einem nur annähernd maßvollen Alkoholkonsum. Ohne die schützende Hand des Meister Hippolit wäre Jorges Agentenlaufbahn schnell beendet. Für den thaumaturgisch ausgebildeten Meister wäre wiederum der praktische Teil seiner kriminologischen Arbeit ohne Jorge unmöglich. Nur gemeinsam sind sie stark. Bemerkenswert ist auch die Figur ihres Chefs, des Geheimrats Karliban. Als Gestaltwandler und Leiter des IAIT gibt er seinen Mitarbeitern mehr als nur ein Rätsel um seine Person auf.

Schumacher und Lossau schaffen es, dem Leser ihre Fantasywelt detailreich vor Augen zu führen, ohne dabei von der Story abzuschweifen. „Schnell hinein und Action“ könnte die Devise heißen, die Autoren bleiben hart an der Kernhandlung. Und die besteht aus einem Krimi: Morde, Ermittlungen, falsche Fährten und eine Auflösung, die nicht ganz überraschend kommt. Trotzdem ist höchster Unterhaltungswert garantiert, denn die Story ist immer in Bewegung und flott geschrieben. Allein das Ermittlerteam sorgt für Action der nicht gerade sauberen Art und amüsiert mal mit derbem, mal mit sinnfälligem Humor. Auch Nebenfiguren wie General Glaxiko haben die Lacher einer beißenden Satire auf ihrer Seite. Andere, wie Geheimrat K, sind für sinistre Überraschungen gut.

Bei dem hohen Tempo und aufgrund der Beschränkung auf das Wesentliche bleibt die ein oder andere Erklärung auf der Strecke, die ein etwas runderes Gesamtbild hätte vermitteln können.

Die Mischung macht es

Insgesamt überzeugt „Der Elbenschlächter“ als phantastischer Roman und als Krimi. Jeder Fantasy-Fan, der offen für einen etwas anderen Blickwinkel auf das Genre ist, bekommt mit diesem Roman spannende, schräge und witzige Unterhaltung geboten. Wer nicht genug von Meister Hippolit und Jorge, dem Troll bekommen kann, darf sich freuen. Schon im Oktober kommt das nächste Abenteuer in „Der Orksammler“ auf die beiden eigenwillig charmanten IAIT-Agenten zu.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Der Elbenschlächter
Meister Hippolit und Jorge, der Troll - Band 1
Jens Lossau und Jens Schumacher
Fantasy
Egmont-Lyx
2010
320

Funtastik-Faktor: 82

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