Erdsee (Sammelband) – Ursula K. Le Guin

Erdsee
Erdsee-Le Guin © Piper Verlag

Wunderschöne, poetische Fantasy mit humanitärer Botschaft

Dieser „Erdsee“ Sonderband enthält alle Bücher der Erdsee-Tetralogie: „Der Magier der Erdsee“, „;Die Gräber von Atuan“;, „;Das ferne Ufer“; und „;Tehanu“;. Der erste Teil von Ursula K. Le Guins berühmter Saga entstand bereits 1968 und gehört damit zu den unmittelbaren Nachfolgewerken von Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Mit „Das ferne Ufer“ entstand 1972 der vorerst letzte Band der Erdsee-Saga, bis die Autorin 1990 einen weiteren, den abschließenden Band „Tehanu“ publizierte. Schon aufgrund der zeitlichen Nähe, wird auch „Erdsee“ gern mit Tolkiens Fantasy-Klassiker verglichen. Es stellt sich die Frage, ob Ursula K. Le Guin im Vergleich zu Tolkien ein eigenständiges literarisches Werk erschaffen hat, dass ganz neue Aspekte in dieses Literatur-Genre einbringen konnte. „Erdsee“ hat viele Fantasy- Leser überzeugt und wurde zu einem der meist gelesenen Werke. Ein vergleichbarer Kult, wie um den „Der Herr der Ringe“ ist um „Erdsee“ allerdings nicht entstanden. Ist  Ursula K. Le Guins Fantasy Werk vielleicht etwas weniger massentauglich, weil es wie alle Bücher der Autorin philosophische Aspekte berücksichtigt?

Der Magier der Erdsee

Der junge Ged wird Sperber genannt und lebt auf Gont, einer der nördlicheren Inseln des Archipels. Die Bewohner der Erdsee gehören ganz unterschiedlichen Kulturen an, die Magie ist auf einigen Inseln sehr gegenwärtig, auf anderen weniger oder gar nicht. Die Bewohner der Erdsee vereint lediglich die Prägung als Inselvolk, durch die überall vorhandene, unmittelbare Nähe zum Meer.

Ged ist Ziegenhirt, er entdeckt eher zufällig seine magischen Fähigkeiten und lernt einige Zaubersprüche von seiner Tante, einem Zauberweib. Als sein Heimatort Zehnellern von kargischen Piraten überfallen wird, gelingt es ihm, einen undurchdringlichen Nebel zu erwirken, der das Dorf vor der Vernichtung rettet. Der schweigsame Magier von Gont, Ogion, nimmt den Jungen zu sich, gibt ihm seinen wahren Namen und lehrt ihn zunächst, die Wunder der Welt mit offenem Herzen wahrzunehmen. Aber Ged möchte mehr über Magie lernen und gelangt auf die Insel Rok, wo er die berühmte Schule besuchen will, die alle großen Magier der Erdsee ausgebildet hat. Dort lernt Ged in erster Linie, dass jedes Objekt einen wahren Namen hat, der sich von dem alltäglichen Namen unterscheidet. Dieser ist geheim, denn dessen Kenntnis bedeutet Macht über seinen Träger. Diese Namen kommen aus der alten Sprache der Drachen, in der es nicht möglich ist, eine Lüge zu formulieren.

Trotz aller Lehren, verleiten jugendliche Ungeduld und Stolz den angehenden Magier dazu, einen fatalen Zauber zu erwirken, über den er keine Kontrolle hat. Dieser Fehler wird Geds weiteres Schicksal nachhaltig beeinflussen, denn er kommt mit einer Welt in Kontakt, die ihn sein ganzes Leben herausfordern und determinieren wird.

Die Gräber von Atuan

Diese Geschichte spielt auf einer der Inseln des Kargad Reiches, das eine ganz eigene Kultur und Sprache hat. Hauptfigur ist die junge Tenar, die dazu ausgewählt wurde, die wieder geborene Hohe Priesterin der Gräber von Atuan, die Verzehrte, zu werden. Nach der Zeremonie wird Tenar zu Arha. Sie führt fortan ein isoliertes Leben in der Grabstätte von Atuan, zu der nur Frauen und Eunuchen Zutritt haben. Arha erlernt die Pflichten einer Hohen Priesterin, muss jeden Winkel des dunklen Gräber-Labyrinthes blind ertasten können und die Todesarten für die Opfersklaven bestimmen. Bei einem ihrer zahllosen Rundgänge durch das Labyrinth entdeckt sie einen Fremden, einen Mann, der offensichtlich in die heiligen Grabstätten einzudringen versucht. Ged, der inzwischen ein mächtiger Zauberer geworden ist, sucht den fehlenden Teil des Ringes von Erreth-Akbe, auf dem die zerbrochene Rune des Friedens eingraviert ist. Es wäre eigentlich Arhas Pflicht, den Eindringling auf der Stelle töten zu lassen, aber statt dessen, schließt sie ihn ein und beginnt,  Gespräche mit ihm zu führen. Für die beiden beginnt eine Zeit voller Auseinandersetzungen, Gefahren und neuer Erkenntnisse, die das Schicksal des Kargischen Reich und das der jungen Tenar entscheidend verändern sollen.

Das ferne Ufer

Der junge Arren, Prinz von Enlad, kommt nach Rok, um den Erzmagier um Rat zu fragen. Die Magie scheint in seinem Land und auf anderen Inseln der Erdsee verloren zu gehen, die Zauberer können sich nicht mehr an ihre Fähigkeiten und Kenntnisse erinnern. Ebenso geraten Lieder und Gedichte in Vergessenheit, die Menschen scheinen ihrer Lebensfreude und Kultur beraubt worden zu sein. Ged, inzwischen oberster Magier der Meister auf Rok, beschließt, mit Arren die Länder zu besuchen, in denen dieses Phänomen auftritt, um die Ursache heraus zu finden Der junge Arren wird auf dieser Reise in den Süden und zu den äußersten westlichen Inseln selbst ein Opfer dieser Lethargie. Dadurch gerät sein Meister Ged, dem er unbedingte Treue geschworen hatte, in tödliche Gefahr. Im letzten Moment mit der Hilfe eines isoliert auf dem Wasser lebenden Volkes davon gekommen, liegt ein weitaus gefährlicheres Ziel dieser bizarren Reise noch vor ihnen. Ged und  sein Gefährte werden mit dunklen Gefahren und Mysterien aus der Vergangenheit des Zauberers konfrontiert, die ihm dieses mal alles abverlangen werden.

Tehanu

Tenar lebt nun auf Gont. Sie hat der Welt der Magie den Rücken gekehrt, geheiratet, zwei Kinder groß gezogen und ein Leben als einfache Bauersfrau geführt. Nachdem ihr Ehemann gestorben ist und die Kinder das Heim verlassen haben, steht ein neuer Lebensabschnitt bevor. Sie hat ein Findelkind bei sich aufgenommen, dass von Männern, die mit ihrer Mutter reisten,  grausam geschändet und verbrannt worden ist. Die kleine Therru ist ein schweigsames und ängstliches Kind, dass eine geheimnisvolle Begabung zu haben scheint, die sie noch nicht versteht. Tenar wird eines Tages zu ihrem Ziehvater Ogion, gerufen, gemeinsam mit Therru begleitet sie die letzten Tage des schweigsamen Zauberers. Ogions letzte Worte an Tenar lauten „;Warte hier auf…“; und so beschließt sie, mit Therru vorerst in Ogions Haus in Re Albi zu bleiben. Schließlich bringt der Drache Kalessin ihr einen vertrauten und doch von Grund auf veränderten Gast, der sich selbst vollständig verloren zu haben scheint. Tenar wird ihrem alten Freund zu einem wertvollen, neuen Ich verhelfen und zugleich durch einen Kampf mit brutalen und mächtigen Gegnern, das wahre, besondere Wesen ihrer Adoptivtochter enthüllen.

Elementare Fragen…

Der amerikanischen Fantasy- und Science Fiction Autorin Ursula K. Le Guin ist mit „Erdsee“ in direkter Nachfolge zu Tolkiens richtungweisendem Werk „Der Herr der Ringe“ ein ganz besonderes, poetisches Werk gelungen, dass die Fantasy-Literatur zweifellos weiter entwickelt hat.

Die Geschichte über die Magie der Erdsee und den Zauberer Ged beschäftigt sich mit ganz zentralen Fragen der Philosophie und des Humanismus. In „Der Magier der Erdsee“ erkennt Ged früh, dass die Macht der Magie nicht unbesonnen und für den persönlichen Vorteil eingesetzt werden darf. Die Magier auf Rok lehren ihn, dass auch ein Zauber, der ein unbedeutendes Ding wie einen kleinen Stein dauerhaft verwandelt, nur nach sorgfältiger Abwägung aller Konsequenzen erwirkt werden darf, weil sich durch ihn die ganze Welt verändert. Dennoch erliegt Ged seiner menschlichen Schwäche, dem Stolz und begeht einen Fehler, der ihn letztlich sein Leben lang verfolgen wird.

Den Zauberern der Erdsee ist zwar die magischer Begabung angeboren, die Zauberkunst muss aber dennoch wie ein Handwerk oder eine Wissenschaft erlernt werden. Erst wenn der Zauberer den wahren Namen eines Lebewesens oder einer Sache kennt, hat er Macht über sie. Daraus erwächst eine immense Verantwortung, denn diese Macht kann sinnvoll genutzt, oder missbraucht werden.

„Die Gräber von Atuan“ und auch „Das ferne Ufer“ beschäftigen sich mit Themen wie Menschlichkeit und Individualismus und der Frage, was das „wahre Selbst“ wirklich ausmacht.

In „Tehanu“; werden die Themen Toleranz und Versöhnung besonders in den Vordergrund gestellt. Am Beispiel der Drachen zieht sich die Frage, warum der Mensch ablehnt, was er nicht versteht, als ein roter Faden durch alle vier Teile von „Erdsee“. Solidarität und Freundschaft sind ebenfalls zentrale Inhalte des gesamten Werkes.

…eingebettet in spannender, wunderbar erzählter Fantasy

Der Leser könnte nun denken, „Erdsee“ habe den Unterhaltungswert eines Sachbuches oder in der Geschichte sei der erhobene Zeigefinger allgegenwärtig – glücklicherweise wäre das weit gefehlt.

„Erdsee“ ist nicht nur in einem wunderbar poetischen Stil geschrieben, es ist auch ungemein spannendes und mitreißendes Buch. Dabei verzichtet die Autorin weitgehend auf Kampf und spektakuläre Aktionen. Es sind mehr die menschlichen Tragödien und die inneren Kämpfe der Protagonisten, die den Leser so in seinen Bann ziehen, dass er schon mal zu Schlafen vergessen kann. Die Hauptfigur Ged ist, trotz seiner übernatürlichen Fähigkeiten, ein Mensch mit Schwächen, mit dem sich der Leser durchaus identifizieren kann. Einer der reizvollsten Aspekte des Buches ist, dass die Hauptfigur keineswegs immer im Mittelpunkt steht. Lediglich im ersten Teil wird das Geschehen aus der Perspektive des angehenden Zauberers erzählt, in den anderen Bänden erfährt der Leser die Geschichte aus der Sicht zweier wichtiger Weggefährten. Sowohl deren Charakterzüge mit individuellen Stärken und Schwächen, als auch die der anderen, zum Teil sehr sonderbaren und immer einzigartigen Persönlichkeiten, machen die „Erdsee“ zu einer Welt, in der der Leser vollkommen eintauchen kann.

Ein literarisches Geschenk

Es ist schwer, überhaupt Kritikpunkte zu finden. Jeder Leser wird in einem beinahe 1000 Seiten langem Buch Passagen finden, die ihm zu lang geraten sind. Einige wenige Szenen kann man als zu pathetisch empfinden. Leser, die sich für das Fantasy-Genre in erster Linie aufgrund der Abenteuer und der übernatürlichen Elemente begeistern können, werden von „;Erdsee“ vielleicht weniger begeistert sein, denn diese Komponenten befinden sich, obgleich sie vorhanden sind, eher im Hintergrund.

Insgesamt hat die Autorin Ursula K. Le Guin mit „Erdsee“; aber zweifellos einen literarischen Hochgenuss für jeden Leser erschaffen, der sich für tiefgründigere Fantasy-Literatur mit philosophischem Hintergrund begeistern kann.

  • (1968) Der Magier der Erdsee
    A Wizard of Earthsea
  • (1970) Die Gräber von Atuan
    The Tombs of Atuan
  • (1972) Das ferne Ufer
    The Farthest Shore
  • (1990) Tehanu
    Tehanu: The Last Book of Earthsea

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Erdsee (Sammelband)
Erdsee - Band 1-4
Ursula K. Le Guin
Fantasy
Piper
1995
924

Funtastik-Faktor: 97%

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar