Interview mit Dan Wells

Über den Serienkiller-Film, Inspirationen und warum wir Science-Fiction brauchen

Ich wollte, dass sich der Leser zugleich zuhause und irritiert fühlt; eine Technologie, die uns vertraut ist, nehmen und zu etwas sehr Extremen aufblähen.

© Dan Wells privat
© Dan Wells privat

Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen beim Start meiner Interviewreihe mit interessanten Büchermenschen, zum Beispiel mit Phantastik-Autoren, aber sicherlich nicht nur. Ich freue mich sehr darauf, mit kreativen Leuten zu quatschen, über ihre Arbeit im Business, aber auch über sie privat. Und mit niemandem könnte ich diese Reihe besser starten, als mit einem Autor, dessen Bücher zu meinen liebsten gehören und dem ich zwei Mal persönlich begegnen durfte: Dan Wells.

Phantastisch-lesen: Dan, nachdem Du zwei Jahre in Deutschland gelebt hast, bist Du zurück in die Staaten gezogen. Gibt es etwas aus Deutschland, das Du vermisst? Und was aus Amerika bist Du froh zurückzuhaben?

Dan Wells: Es gibt vieles was ich aus Deutschland vermisse. Ich vermisse es, mit der Bahn überall hinzureisen. Die Deutschen beschweren sich immer über ihre Bahn, sie ist jedoch eine der besten der Welt.
Ich vermisse Maultaschen und Schnitzel und Spätzle und Spargelcremesuppe und Döner Kebab. Ich vermisse Fasching und Martinsumzüge. Zu dieser Zeit vermisse ich die Weihnachtsmärkte, ganz besonders den Mittelalter-Weihnachtsmarkt in Esslingen, ganz in der Nähe von Stuttgart, wo ich gewohnt habe. Andererseits habe ich in Amerika wieder meine Familie um mich und hunderte von tollen Mexikanischen Restaurants. Und ich kann gegen Trump wählen, das ist ein wichtiger Pluspunkt.

Ich bin kein Serienkiller - Dan Wells © Piper
Ich bin kein Serienkiller © Piper

Phantastisch-lesen: Nun ist Deine erste „John Cleaver“ Story „Ich bin kein Serienkiller“ verfilmt worden. Wie hat es sich für Dich angefühlt, als Dein Buch verfilmt wurde?

Dan Wells: Mitzuerleben wie meine Geschichte verfilmt wurde, war großartig. Es war ein langer Prozess, mehr als sechs Jahre hat es von der ersten E-Mail bis zur ersten Vorführung gedauert, doch das war es wert. Ich habe es gemocht, wie Regisseur und Drehbuchautor meine Geschichte auf ihre Weise geprägt haben. Und dann zu beobachten, wie die Schauspieler die Figuren zum Leben erweckt haben, ganz natürlich und nah am Buch. Sie haben den Charakteren Facetten verliehen, die ich nicht kannte, bevor ich sie auf der Leinwand sah.

Phantastisch-lesen: Bist Du mit dem Ergebnis zufrieden? Trifft der Film die Atmosphäre, die Du in den Geschichten erschaffen hast?

Dan Wells: Der Film ist toll und ich bin sehr zufrieden. Ein paar Details wurden geändert, wie man es in jeder Filmadaption tut. Aber er bleibt sehr nah an den Charakteren und an dem Gefühl, das ich im Buch erzeugen wollte. Ich hoffe, der Film kommt bald nach Deutschland, denn ihr werdet ihn lieben.

Phantastisch-lesen: Wird es weitere Verfilmungen der „John Cleaver“ Reihe geben?

Dan Wells: Das wissen wir noch nicht. Das Studio hat die Rechte für die ersten drei Bücher gekauft und Schauspieler und Crew brennen darauf, weiterzumachen. Es wird darauf ankommen, wie der Film läuft, wenn er genug Geld einspielt, werden wir mehr davon sehen.

Phantastisch-lesen: Nach drei Jahren Pause hast Du die „John Cleaver“ Reihe mit „Du bist noch nicht tot“ fortgesetzt. Warum?

Dan Wells: Die zweite „John Cleaver“ Trilogie ist entstanden weil ich in Deutschland gelebt habe, wirklich. Ich hatte die ersten drei Bände fertig und John zu einem guten Endpunkt geführt. Er hatte den Spannungsbogen durchlaufen, den ich mir für ihn ausgedacht hatte und ich dachte, dass es weiter nichts zu sagen gäbe. Dann bin ich nach Deutschland gezogen und die Erfahrung, an einem neuen Ort zu leben, hat mich über John nachdenken lassen. Seine Geschichte war zwar abgeschlossen, doch nun war er an einem anderen Ort und in einer anderen Geschichte. Diesen Gedanken hing ich einige Tage nach und dann war klar, wie die neue Story aussehen würde. Und die zweite „John Cleaver“ Trilogie war geboren.

Du bist noch nicht tot - Dan Wells © Piper
Du bist noch nicht tot © Piper

Phantastisch-lesen: Als wir uns das letzte Mal trafen (2013 in der Ludwigs Buchhandlung, Köln) haben wir uns über das Leben der Schriftsteller unterhalten. Du hast mir erzählt, dass Du zwischen Schreibphasen gern Computerspiele spielst, um Dein Gehirn wieder aufzuladen. War eines dieser Computerspiele die Inspiration für Dein neues Buch „Bluescreen“ dem Auftakt Deiner „Mirador“-Trilogie?

Dan Wells: Absolut. Ich spiele normalerweise zwar keine Wettkampfspiele wie die Figuren in „Bluescreen“, aber ich verfolge die Neuigkeiten in der Spieleindustrie. Eines Tages stieß ich auf einen Artikel der berichtete, dass eSports Spieler nun berechtigt sind, als Profi-Sportler anerkannt zu werden, so wie Football-Spieler oder Schwimmer. Das hat mich fasziniert. Ich habe zum Thema eSports und Wettkampfspiele recherchiert und begann damit, mir die Mannschaften der „European League of Legends Championship Series“ (der europäischen E-Sports Profiliga) anzuschauen. Das Spiel „Overworld“ im Buch „Bluescreen“ ist meine eigene Kombination aus „League of Legends“, „Counterstrike“ und „City of Heroes“.

Phantastisch-lesen: Wie schwierig war es eine Welt zu gestalten, die sich nur 34 Jahre in der Zukunft befindet?

Aufbruch - Dan Wells © Piper
Aufbruch © Piper

Dan Wells: Tatsächlich überraschend schwierig. Es war einfach die Zukunft von „Partials“ zu gestalten, da sie 70 Jahre entfernt angesiedelt ist und es eine Apokalypse gab, mit der ich erklären konnte, was ich falsch gemacht hatte. Science-Fiction in einer fernen Zukunft ist, glaube ich, einfacher zu gestalten. Denn es gibt mehr Zeit, in der die Welt, die Du kreierst, zustande kommt. Mit nur 34 Jahren musste ich schon bei einigen Sachen mogeln. Selbstfahrende Autos sind dafür ein gutes Beispiel. Ich glaube, die wird es zwar überall geben, doch meine Annahme, dass niemand mehr sein eigenes Auto fährt oder weiß, wie man das macht, ist wahrscheinlich falsch.

Phantastisch-lesen: Einige technische Vorrichtungen in Mirador 2050 sind uns bereits bekannt. Sollte sich der Leser dort auch ein wenig zuhause fühlen?

Dan Wells: Ich wollte, dass sich der Leser zugleich zuhause und irritiert fühlt; eine Technologie, die uns vertraut ist, nehmen und zu etwas sehr Extremen aufblähen. Es gibt bereits Sensoren, die unsere Kreditkarteninformationen vom Smartphone ablesen, sodass man bezahlen kann, indem man es nur in ihre Nähe hält. Aber was wäre, wenn diese Sensoren eine viel weitere Reichweite hätten? Was wäre, wenn sie die Informationen auch noch dann lesen könnten, wenn Du den Laden bereits verlassen hast? Wenn sie Deine Einkaufsgewohnheiten rekonstruieren und Dir Angebote machen würden, von denen angenommen wird, dass Du sie wahrscheinlich kaufen wirst? Das wird die natürliche Weiterentwicklung unserer heutigen Technologie sein und früher oder später definitiv kommen.

Phantastisch-lesen: Was würdest Du tun, wenn du eines Tages aufwachen und feststellen würdest, dass Du Dich in Mirador 2050 befindest?

Dan Wells: Das erste was ich tun würde wäre herauszufinden, wie ich ein Djinni bekomme (Interface im Gehirn zum Internet). Ich fände es toll, einen Computer in meinem Gehirn zu haben, der alles für mich erledigen kann.

Phantastisch-lesen: Hast Du einen Lieblingscharakter im Roman „Bluescreen“?

Dan Wells: Marisa ist selbstverständlich fantastisch und ich mag besonders die Zusammentreffen mit ihrem Vater. Sie haben sehr ähnliche Persönlichkeiten und doch grundverschiedene Vorstellungen, was zu vielen Konflikten führt. Anja mag ich auch sehr gern, ein verrücktes Mädchen immer auf der Suche nach etwas Neuem, ganz egal wie schräg, schwierig oder gefährlich es auch sein mag. Einiges von Anja steckt sicherlich in jedem, aber die meisten von uns haben ein bisschen mehr Selbstkontrolle. 🙂

Bluescreen - Dan Wells © Piper-Verlag
Bluescreen © Piper-Verlag

Phantastisch-lesen: Wird die mysteriöse Figur Grendel eine wichtigere Rolle im zweiten „Mirador“- Band spielen?

Dan Wells: Marisa wird verzweifelt versuchen, noch einmal mit Grendel zu reden, ihn zu finden ist im zweiten „Mirador“-Band ihre Top-Priorität.  Allerdings wird es einige neue Figuren und Hindernisse geben, die sich dem in den Weg stellen….

Phantastisch-lesen: Und wird die virtuelle Realität eine zentralere Rolle in den Folgebänden spielen?

Dan Wells: Absolut! Im ersten Buch trainieren die Mädchen ja für einen Wettkampf, zu dem es nicht kommt. Aber im zweiten Buch wird es um ein Spieltunier in der virtuellen Welt gehen, das einen hohen Einsatz fordert, für den sie vielleicht nicht bereit sind.

Phantastisch-lesen: Die „Mirador“-Serie ist nach „Partials“ Deine zweite Science-Fiction Serie. Glaubst Du, dass wir mehr Science-Fiction Literatur brauchen?

Dan Wells: Science-Fiction ist die Literatur über das Erforschen. Es sind Bücher, die uns fragen, wer wir sind und wohin wir gehen und zwar in einer Weise, wie andere Bücher das nicht können. Wir brauchen Science-Fiction, um unseren Horizont zu erweitern. Wir müssen weitermachen und fragen und das was kommt annehmen. Science-Fiction ist die wichtigste Literaturgattung, die wir haben.

Phantastisch-lesen: Wie viele „Mirador“-Bände sind geplant? Und wann erscheint der nächste Band?

Dan Wells: Es wird mindestens drei Bände geben. Doch wenn die Leser nicht aufhören, sie zu kaufen, werde ich sie bis an mein Lebensende schreiben. Der zweite englische Band erscheint im Februar und in Deutsch im Oktober 2017.

Phantastisch-lesen: VIELEN DANK, Dan, für Deine erhellenden Antworten! 🙂

Hier geht es zur englischen Original-Version des Interviews

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