Marina – Carlos Ruiz Zafón

Ein literarischer Leckerbissen zwischen Liebe und Grauen

Marina © Fischer
Marina © Fischer

Nach der Nebel-Trilogie („Der Fürst des Nebels“, „Der Mitternachtspalast“ und „Der dunkle Wächter“) schrieb der Spanier Carlos Ruiz Zafón in Los Angeles „Marina“. Der Roman, über den sein Autor sagt, dass es der am schwersten einzuordnende und sein persönlichster sei. Der Roman, mit dem er seine „Stimme“ gefunden habe. Der Roman vor seinem Meisterwerk „Der Schatten des Windes“.

„Wir alle haben ein Geheimnis.“

Ein verträumter 15 jähriger Teenager lebt 1979/1980 in einem katholischen Internat in Barcelona. Seine freie Zeit verbringt Óscar Drai damit, in den verfallsumwitterten Gassen der Stadt umherzustreifen. Eine alte Villa und eine himmlische Musik ziehen ihn magisch an und ehe er sich versieht, ist er in das Haus eingedrungen und hat eine alte Taschenuhr mitgehen lassen.

Óscar überwindet sich, die Uhr zurückzubringen und lernt die Bewohner dieses magischen Orts kennen, den ehemaligen Künstler Germán und seine Tochter Marina. Seelenverwandtschaft ist es, was Óscar bald zu einem Teil der Familie werden lässt, zwischen Marina und ihm wird sich die erste zarte Liebe entwickeln. Doch zunächst verbindet sie ihre unbändige Neugier und Abenteuerlust. Eine Dame auf dem Friedhof und das Zeichen des schwarzen Schmetterlings führen sie zur tragischen Geschichte des Prothesenherstellers Michael Kolwenik und seiner Ehefrau Ewa Irinowa. Kolweniks Leidenschaft erschuf ein Grauen, das nun erneut seinen todbringenden Schatten über Barcelona wirft. Óscar und Marina geraten mitten hinein in den Strudel bizarrer Schrecken. Und auch ihre Liebe wird von einem Geheimnis bedroht.

„Ich werde mich wieder an das erinnern, was nie geschah.“

Dass der Autor Carlos Ruiz Zafón mit diesem Roman seine „Stimme“ gefunden hat, merkt man jeder Zeile an. Obwohl auch die „Nebeltrilogie“ bereits von sprachlicher Vielfalt und Raffinesse zeugt, hat sich Zafóns Schreibstil in „Marina“ weiter entwickelt. Man könnte hier etliche der wunderbaren Metaphern zitieren und würde doch nur Fragmente aus einem Gesamtkunstwerk vorstellen. Denn dazu kommen Schauplatzbeschreibungen, die einen unmittelbar zu den mystischen Gassen und Plätzen führen, Figurenzeichnungen, die uns die Charaktere zu Vertrauten machen, selbst die, deren Handlungen kaum begreifbar scheinen. Zafón Stimme kann man kaum beschreiben, man muss sie erleben und genießen. In „Marina“ hat er sie erwachsen und anspruchsvoller klingen lassen. Eine Stimme, die wir voll ausgebildet in „Der Schatten des Windes“ erleben können.

Inhaltlich orientiert sich „Marina“ an die vorhergehenden Schauerromane der Nebel-Trilogie, besonders in der zweiten Hälfte des Romans. Zunächst führt uns der Autor in sein märchenhaftes Barcelona Ende der 70er Jahre ein, lässt Óscar, Marina und Germán einander begegnen und uns Zeugen ihrer besonderen Freundschaft und Liebe werden. Trotz düsterer Töne um Germáns Leiden und den frühen Tod seiner Frau wirken diese Anfangskapitel in „Marina“ eher positiv, wie in einem Abenteuer-Jugendroman. Die Heiterkeit der Atmosphäre verschwindet nach etwa einem Drittel und macht Platz für ein zunächst schleichendes, schließlich unverhüllt zutage tretendes Grauen. Óscar und Marina begeben sich auf die Reise in die Vergangenheit des Michael Kolwenik. Ihnen begegnen Kolweniks Weggefährten und jeder hat eine ganz andere Geschichte von dessen Leben und Taten zu erzählen. Die beiden Jugendlichen folgen einer Spur in den Wahnsinn, hinein in eine Unterwelt mit Frankenstein’ schen Zombie-Gestalten. Zafóns Horror ist dabei mal subtil, mal splatterhaft, aber nie Selbstzweck, sondern immer der Entwicklung der Handlung untergeordnet. Nach einem Showdown mit überraschenden Offenbarungen und einem wahrhaftigen Höllentrip führt uns der Autor wieder zurück zur anrührenden Melancholie seiner Geschichte. Seine Figuren stellen sich einem in aller Stille auszutragenden Kampf um Leben und Tod. Und so schreibt Zafón mit unnachahmlicher Prosa Erzählungen um Schicksale, die den Leser verzaubern und gefangen nehmen, noch lange nach dem Ende der Lektüre. Ein Ende, das in „Marina“ zu schnell kommt, denn in mancher Geschichte in der Geschichte hätte man gern länger verweilt.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Marina
Carlos Ruiz Zafón
Horror
Fischer
2011
352

Funtastik-Faktor: 86%

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