Next – Michael Crichton

Gene im Dutzend billiger

Next © Goldmann
Next © Goldmann

Viele medizintechnische Errungenschaften, die vor Jahren in der Öffentlichkeit als Frankenstein-Techniken gefürchtet oder mit dem Argument, die Ärzte würden Gott spielen, abgelehnt wurden, sind inzwischen Routine geworden. Kaum jemand stellt den Nutzen von In-vitro-Fertilisation oder der Organtransplantation ernsthaft in Frage. Unbehagen bereiten heute hingegen Bilder von geklonten Säugetieren wie Mäusen, denen ein menschliches Ohr auf dem Rücken wächst.
„Was kommt als nächstes?“, fragen sich viele kopfschüttelnd. Auch der amerikanische Autor Michael Crichton beschäftigte sich mit dem Thema Gentechnik und verarbeitete seine Ideen und Standpunkte in seinem leider letzten Science-Thriller „Next“. Crichton, dem wir viele spannende Thriller mit Ideen verdanken, die ihrer Zeit stets voraus waren, verstarb im Alter von 66 Jahren am 4. November 2008 in Los Angeles an Krebs.

Eine Fülle gentechnischer Fehltritte

Frank Burnet hatte Krebs. Sein Arzt diagnostizierte eine Geschwulst im Unterleib und überwies ihn an einen Spezialisten der UCLA (University of California, Los Angeles). Dr. Gross leitete eine Therapie ein, machte seinem Patient aber keinerlei Hoffnung auf Heilung. Ein Jahr später war der Krebs vollständig abgeklungen und Burnet wurde als geheilt entlassen. Ein weiteres Jahr später ordnete der Arzt Tests an, bei denen in regelmäßigen Abständen Gewebeproben entnommen wurden. Burnet glaubte an einen Rückfall und ließ die Untersuchungen über sich ergehen. Er unterschrieb alle Formulare, bis er schließlich eines bekam, dass die kommerzielle Nutzung seiner Proben genehmigen sollte. Die UCLA hat Burnets Zellen, die besonders viel Zytokin produzieren, ohne sein Wissen an die Biotechnologiefirma BioGen verkauft. Frank Burnet klagt nun gegen die Universität, es geht um einen Streitwert von drei Milliarden Dollar.

Der Wissenschaftler Henry Kendall schleuste vor Jahren seine eigene DNA in Eizellen eines Schimpansenweibchens ein. Die Austragung eines Embryos war nie geplant. Nach einem Krankheitsbefall, wurden die Schimpansen in eine Quarantänestation verlegt und dort kam ein Nachkomme zur Welt. Henrys ehemaliger Arbeitgeber will nun den illegal entstandenen Affen töten. Nachträgliche Untersuchungen des Biologen zeigen, dass dem Tier der molekulare Marker fehlt, der Affenblut von dem des Menschen unterscheidet, Schließlich begegnen sich Forscher und Forschungsprodukt.

„Hallo“ sagte der Schimpanse. [..] Er sah Henry an. „Bist Du meine Mutter?“

Michael Crichton belässt es in „Next“ nicht bei der Jagd auf eine Person mit profitablen Körperzellen oder der Konstruktion einer Mensch-Schimpansen-Chimäre. Er berichtet außerdem über einen Nachwuchsforscher, der seinem Bruder ein Retro-Virus verabreicht, das ein Reifungsgen stimuliert, eine Riesenschildkröte mit einer Werbefläche auf dem Panzer und viele weitere Horrorstories aus dem Gentech-Labor.

Dabei überzeugt der Autor einmal mehr durch umfangreiches Wissen. Was Crichton an futuristischen Konzepten entwickelt, unterfüttert er mit fundierten Details. Sie spiegeln die biotechnologische Forschung der letzten Jahre und den aktuellen Stand im Bereich der Genpatente wieder. Dadurch wirken auch abstrus erscheinende Ideen beängstigend realitätsnah. Crichton geht in seiner Zukunftsvision noch weiter und entwirft das Bild einer degenerierenden Gesellschaft, getrieben vom schönen Schein und grenzenlosen Kommerz.

„Ein primitives, kulturloses Volk, Menschen, die sich gegenseitig auf den Rücken klopfen, während sie sich immer weiter verschulden“

Angesichts der am Erscheinungsdatum des Roman (in USA 2006) vorherrschenden weltweiten Finanzkrise möchte man den Roman „Next“ fast prophetisch nennen.

Thriller oder populärwissenschaftlicher Report?

Die ständigen Handlungs- und Schauplatzwechsel vereiteln leider die erzählerische Dichte, die man sonst von dem Autor kennt. Durch unzählige handelnde Personen wirkt der Roman überladen, die vielen Settings erschweren die Übersicht. Eine Stärke dieses Romans liegt allerdings darin, dass Crichton sein Biotech-Drama nicht drohend, sondern provokant und mit sarkastischem Unterton erzählt. Die absurden Aktionen seiner profitgierigen Heilsversprecher und die Ignoranz der Juristen passen perfekt in dieses überzeichnete Weltbild, dem der Gegenwartsbezug nie abhanden kommt.
Gerade noch rechtzeitig besinnt sich der Autor darauf, dass er einen Thriller und keinen Essay über die Entwicklung des Gentechnik-Business schreibt. In den letzten Kapiteln führt er einige Handlungstränge zusammen und kreiert ein teils überraschendes, teils vorhersehbares Finale mit einem knalligen Show-Down und einer eindringlichen Botschaft.

Michael Crichton führt uns den Abgesang an die freiheitlichen Grundrechte vor Augen, wenn die Gene, die uns zu Individuen machen, zur bloßen Handelsware verkommen. „Next“ liest sich wie eine Ansammlung von zeitnahen Zukunftsvisionen, die der Autor in eine Romanhandlung gepresst hat. Crichtons letztes Werk ist ist kein atemberaubender Sci-Fi Thriller wie „Jurassic Park“, sondern überzeugt als zynisches Portrait eines kommenden Gentech-Zeitalters.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Next
Michael Crichton
Science-Fiction
Goldmann
2007
544

Funtastik-Faktor: 75

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