Qube – Tom Hillenbrand

Wer gewinnt das Rennen um die Unsterblichkeit?

Qube © Kiepenheuer & Witsch
Qube © Kiepenheuer & Witsch

Mit „Aus der Welt der Hologrammatica“ betitelt amazon den aktuellen Roman von Tom Hillenbrand „Qube“. Tatsächlich erzählt der eine Geschichte, die sich drei Jahre nach dem Turing II Zwischenfall ereignet, mit dem „Hologrammatica“ endet. Auch „Qube“ beginnt wie ein Cyber-Krimi, entwickelt sich dann aber in eine andere Richtung als sein Vorgänger. Weniger Krimi, mehr Science-Fiction mit Ausflügen in die Fantasy.

Ein Agent, ein reicher Psychopath und eine Bogenschützin in einer Queste

Der Journalist Calvary Doyle wird erschossen und seine Wohnung niedergebrannt. Der Londoner überlebt indem er sich ein Kopfimplantat mit dem Scan seines Gehirns einsetzen lässt. An die Zeit zwischen dem Upload und seiner Ermordung hat er allerdings keine Erinnerung. Offensichtlich recherchierte er zum Thema Künstliche Intelligenz – was den KI-Wächtern von der UNANPAI nicht verborgen bleibt. Fand der Journalist etwas Hinweise auf verbotene KI-Aktivitäten? Der Agent Fran Bittner erhält den Auftrag herauszufinden, was hinter der Sache steckt.

Industriemogul Clifford Torus will um jeden Preis die Software zum Descartes-Hack haben. Diese ermöglicht ihm einen dauerhaften Upload seines Geistes in eine Körperhülle ohne Braincrash und Verfall des Gefäßes. Anders ausgedrückt: Unsterblichkeit. Dafür erfoltert er Informationen aus jeglichen Personen, die wissen könnten, wer die Software besitzt. Ein Hinweis führt zu Midas More, der den gigantischen Vergnügungspark Aurora Gardens betreibt. Und für ein Einladungsturnier eine interessante Siegertrophäe in Aussicht stellt.

Profi-Gamerin Persia kämpft sich als Colonel Crimson durch holographische Spielewelten und wird von einem Ölbaron für das Turnier engagiert. Obwohl es sich um ein Holo-Game handelt, wie sie es schon x-mal gespielt hat, läuft es nicht so gut wie erwartet. Denn einer ihrer Gegner übertrumpft alle Skills, gegen die sie bisher gekämpft, gesiegt oder verloren hat.

Eine andere Form von Diversität

Die Idee, dass der menschliche Geist einmal in der Lage sein könnte, in andere Körper zu schlüpfen als den, in den er hineingeboren wurde, fasziniert in mehrfacher Hinsicht. Zum einen durch die Vorstellung einer möglichen Unsterblichkeit, die hier im Buch eines der wesentlichen Themen darstellt. Das Thema Ewiges Leben ist präsent in der Science-Fiction, zu finden in einigen Büchern von Andreas Brandhorst oder in der „Otherland“ Reihe von Tad Williams.

In der Welt der Hologrammatica drängt sich die Frage nach der Geschlechtsidentität auf. Im ersten Buch fragte sich der Protagonist Galahad, mit welchem Geschlecht sein Geliebter Francesco, den er in einer weiblichen Hülle kennenlernte, auf die Welt kam. Wenn wir ehrlich sind, sind wir von der binären Unterteilung der Geschlechter in weiblich und männlich geprägt, obwohl diese nicht ausschließlich zutrifft und es nie tat. Und können uns nur schwer vorstellen, dass sich eine Frau als Mann fühlen würde, wenn sie in eine entsprechende Hülle wechseln könnte. In „Qube“ ist Fran Bittner, den wir als Francesca und Francesco aus „Hologrammatica“ kennen, die Hauptfigur. Der UNANPAI Agent und Quant schlüpft hier in verschiedene weibliche und einmal in eine männliche Körperhülle.  In der Rezension zu „Hologrammatica“ versuchte ich, einen Überbegriff für Frans Geschlechteridentität zu finden und schrieb:

„Das Konzept des Genderfluids, das Fran Bittner lebt, ist ihm [gemeint ist Galahad, der Protagonist in „Hologrammatica“] fremd.“

Ertappt fühlte ich mich, als ich in „Qube“ Frans folgende Erklärung dazu las:

„Ich meine das nicht nur bezogen auf deine wechselnden Gefäße, sondern auch auf dein fluides Geschlecht.“

Fran runzelte die Stirn.

„Mein Geschlecht ist nicht ‚fluide‘. Ich bin immer ich. Fluide ist ein Adjektiv, das Leute benutzen, die nicht damit klarkommen, dass ich nicht in ihre Schublade passe. Ich hätte dich für klüger gehalten [..]. Für weniger binär.“

Touché. Wäre ‚bigender‘ der bessere Begriff gewesen? Wahrscheinlich möchte Fran uns vermitteln, dass dieses Schubladendenken seiner Geschlechteridentität nicht gerecht wird. Und wir ihn und jede Person so annehmen sollten, wie sie gerade ist.

Die Charakterisierung Fran Bittners ist Tom Hillenbrand hervorragend gelungen. Fran ist ein körperbewusster Mensch, der glaubhaft seine Erfahrungen in weiblichen und männlichen Körpern reflektiert. Und diese für seine Aufgabe als UNANPAI Agent nutzt. Fran ist in einer Art und Weise divers, die uns die Identifikation mit ihm nicht immer einfach macht. Und gerade deswegen so gut geeignet ist, um über die gängigen Geschlechterkonzepte hinauszublicken.

Jonglieren mit mehreren Handlungssträngen fast perfekt

Ein wesentlicher Unterschied zum Vorgängerroman „Hologrammatica“ besteht darin, dass „Qube“ mit weitaus mehr Handlungssträngen aufwartet. Außer den oben beschriebenen drei Handlungsebenen folgen wir noch Franek, dem Erwähltem auf seiner Queste durch zwei Fantasy-Reiche. „Hard-boiled Wonderland and the End of the World” lässt grüßen, da diese Handlung, ähnlich wie bei Murakami, zunächst nichts mit den anderen zu tun zu haben scheint. Am Ende bildet diese schöne Geschichte einen wichtigen Puzzlestein zur Auflösung des Rätsels.

Sehr unterhaltsam lesen sich auch die Einschübe aus einem Forum von Verschwörungstheoretikern. Hier könnten die Attila Hildmanns und Xavier Naidoos dieser Welt sich noch einiges über Realitätsbezug abschauen., was eine witzige Pointe darstellt.

Persias Handlung hingegen ist eng mit den anderen verzahnt, hätte allerdings deutlich gestrafft werden dürfen. Das finale Hologame zieht sich deutlich zu lang. Selbst die Protagonisten weisen mehrfach darauf hin, dass das Spiel nicht mehr bietet, als man aus gängigen Fantasy-Rollenspielen bereits kennt. Und so fragte ich mich, warum ich seitenlang darüber lesen muss, zumal das Ende enttäuschend unspektakulär daherkommt. Schade, hier fehlte ein knalliger Überraschungseffekt wie in „Hologrammatica“.

Insgesamt bietet „Qube“ jedoch erneut einen superspannenden Mix aus Krimi, Cyberpunk und Science-Fiction. Die für das SF-Genre typischen technischen Möglichkeiten und weiten Zukunftsvisionen nehmen hier deutlich mehr Raum ein als im Vorgängerroman. Dennoch kommt „Qube“, anders als „Hologrammatica“, ohne Info-Dumping aus, obwohl die Geschichte noch vielschichtiger und komplexer ist. Tom Hillenbrand entwickelte die „Hologrammatica“ Welt weiter und integrierte denkbare Zukunftsszenarien und abstrus erscheinende Ideen plausibel in die Handlung und Szenerie. Dadurch wirken Erzählweise und Schreibstil runder und eleganter.

Eva Bergschneider

Qube
Hologrammatica Welt, Band 2
Tom Hillenbarnd
Science Fiction
Kiepenheuer & Witsch
Februar 2020
560
Barbara Thoben/ troyka

Funtastik-Faktor: 85

3 Gedanken zu „Qube – Tom Hillenbrand

  1. Hallo liebe Eva,

    auf wie viel Bände ist die Geschichte denn ausgelegt möchte ich gerne mal fragen?

    LG…schönes Wochenende…Karin..

    1. Hallo liebe Karin, das wüsste ich selber gern. Es gibt auf jeden Fall noch genug offene Fragen in der Welt der Hologrammatica, die weitere Geschichten erzählen könnten. Ich überlege sowieso, mal ein Interview mit Tom Hillenbrand anzufragen. Da wäre die Frage nach Fortsetzungen auf jeden Fall dabei. Viele Grüße, Eva

      1. Hallo Eva,

        dann hoffe ich mal das Dir so ein Treffen mit dem Autoren gelingt, denn es wäre durchaus eine gute Frage.
        Ich kenne den Autoren über seine Krimis mit entsprechenden Kochrezepten nur…

        LG…Karin..

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