Steife Prise – Terry Pratchett

Das Morgengrauen des Landlebens

Steife Prise © Manhatten
Steife Prise © Manhatten

Commander Sir Samuel Vimes ist am Boden zerstört. Ganz Ankh Morpork scheint sich gegen ihn verschworen zu haben – selbst die Verbrecher (mehr als ohnehin): Es ist Sommer und es ist nichts zu tun, was eine weitere Weigerung dagegen rechtfertigen könnte, in den Urlaub zu fahren. Und als selbst Vetinari ihm in seiner eindrücklich zurückhaltenden Art nahelegt, eine wohlverdiente Pause einzulegen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als dem Wunsch seiner Frau zu folgen und mit Familie und Faktotum Willikins auflas Landgut vor den Toren der Großstadt zu fahren. Doch wie Fred Colon es ungeschickt doch treffend formuliert: Wo ein Polizist ist, ist ein Verbrechen nicht weit …

Der Farmjunge sucht in der großen Stadt sein Glück

Das Landleben lässt sich trügerisch freundlich und sonnig für Sam Vimes an. Zumindest, wenn man von ungewohnt unbehaglichen Begegnungen mit dem Dienstpersonal (das zu haben ein Umstand ist, an den sich Vimes noch immer nicht gewöhnt hat) und ähnlich unangenehmen Treffen mit dem alten Landadel absieht. Und während er Nachts wach liegt und der dröhnenden Stille der fehlenden Stadtgeräusche lauscht, beschleicht Sam das Gefühl, das etwas, das so friedlich ist, garantiert eine Leiche im Keller hat.
Wie sich bald herausstellt, ist es nicht nur eine, sondern buchstäblich Hunderte. Und ein Verbrechen, das schlimmer ist, als ein paar (oder bergeweise) Tote. Nur: Vimes ist hier draußen nicht mehr als ein normaler (zugegeben: reicher) Bürger. Ohne Rechtsbefugnis, ohne Truppe, ohne Verbündete, mit nur einer sehr eingeschränkten Auswahl an Waffen und dem sturen Willen, ein Verbrechen ans Licht zu zerren, das vor dem Gesetz gar keines ist. Er ist fest entschlossen, aus altem Recht Unrecht zu machen – und dann jemanden für dieses Unrecht zur Rechenschaft zu ziehen.

Ein Vimes par excellence – inklusive Mord, Unwetter, Verfolgungsjagd und Zigarren (und Hühnern …)

Pratchett schreibt fieberhaft gegen die Zeit und seine Alzheimer an. Um so erstaunlicher, dass man es nicht merkt – oder nur daran, wieviel Anspruch er in seine aktuellen Bücher packt. Man merkt auch hier, wie schon in „I shall wear midnight“ („Das Mitternachtskleid“), dass er noch viel zu sagen hat und dass er es sagen will, solange er noch Zeit dazu hat.

Vermutlich ist es darauf zurückzuführen, dass dieser Roman sich wieder eine Stufe weiter von Schenkelklopfern und vordergründigen Witzen entfernt hat. Der Sprachwitz ist dabei ungebrochen hoch – für manchen vielleicht sogar zu hoch, denn seine gewohnten Wortspielereien und anekdotischen Ausflüge im Text sind womöglich noch dichter gestreut als sonst. Zugegeben, das macht einige Passagen tatsächlich anstrengender zu lesen. Einem weniger versierten und sprachgewandten Autoren hätte das leicht zum Verhängnis werden können, doch Pratchett bekommt noch jedes Mal die Kurve. auch wenn er vielleicht den einen oder anderen Leser verlieren wird, der auf die eher leichteren seiner Bücher steht.

Insgesamt fängt der Roman langsamer an und hat eine etwas düsterere Stimmung als seine bisherigen Vimes-Romane. Das aber ist wohl auch dem Thema geschuldet. Denn in „Snuff“ geht es nicht nur um die Wortbedeutung des Titels, die „Schnupftabak“ lautet. Das zwar auch – aber vor allem bezieht sie sich auf die Übersetzung „auslöschen“. Wie im Ausdruck „snuff movie“. Oder „snuff a life“ – ein Leben auslöschen. Es geht um Völkermord – unbemerkten, gesellschaftlich akzeptierten Völkermord, um Sklaverei, um Klassengesellschaften und das „das haben wir schon immer so gemacht“, das sich durch sämtliche Schichten zieht. Es dreht sich um Kavaliersdelikte, die als Verbrechen geahndet werden – und um Schwerverbrechen, die wie Kavaliersdelikte behandelt werden.

Der Unterschied zwischen Recht und Gesetz

Vimes als eine der aufrechtesten – vielleicht (neben Granny Weatherwax) DIE aufrechteste Polizistenfigur muss diesmal sogar gegen seine persönlichen Prinzipien verstoßen um ebendiesen, seinen ganz persönlichen Überzeugungen gerecht zu werden: Er muss gegen Das Recht verstoßen, um das, was recht ist, zu vertreten. Darüber hinaus ist er der vermutlich vielschichtigste Charakter, den Pratchett je erschaffen hat – und es gelingt ihm erstaunlicherweise doch noch, Vimes hier noch einige weitere zu verschaffen.

Ein Abschied auf Raten?

Vielleicht ist es ebenfalls der Erkrankung des Autoren geschuldet, aber er verpasst Vimes, seiner Familie und der ganzen Geschichte ein besonders ausführliches Happy End der speziellen Sorte. wieder bekommt man das Gefühl, als könnte das sehr wohl die letzte Begegnung mit einigen der beliebtesten Figuren des Scheibenweltuniversums sein – mit einer würdigen Verabschiedung, falls es denn der Fall sein sollte. Ich denke, Pratchett muss jetzt immer damit rechnen – und er will wohl einen „Jordan“ (so genannt nach Robert Jordan, der seine legendäre Reihe „Das Rad der Zeit“ nicht befriedigend fertig schreiben konnte, weil er vorher verstorben ist) unbedingt vermeiden.

Es trübt ein Wenig die Leichtigkeit, die wir von ihm bei Behandlung schwerer Themen gewohnt sind – aber gleichzeitig verleiht es diesem Buch eine Tiefe mit der er besser als jeder andere Fantasyautor beweist, dass sich Unterhaltung, Action, Fantasy und zutiefst humanistische, intelligente „hohe“ Literatur in ein und demselben Werk nicht ausschließen. Ich kann an diesem Buch mehr denn je nachvollziehen, warum in Verlagen der Gedanke aufgekommen ist, ihn „raus aus der Fantasyecke“ zu holen. Richtiger wäre es jedoch, ihn als das herauszustellen, was er ist: einer der Eckpfeiler der modernen Fantasy. Ein Beispiel dafür, dass sie weit intelligenter und tiefsinniger sein kann, als so manches, was im Feuilleton gelobt wird. Und vor allem – er erreicht mehr Menschen. Einfach, weil er dabei noch immer Spaß macht.

Hoffen wir einfach, dass Pratchett noch ein paar Jahre gegönnt sind, um weitere Bücher zu schaffen, die uns noch ein Wiedersehen mit alten Freunden von der Welt auf der Schildkröte ermöglichen. Aber wenn nicht – dann ist dieses Buch zumindest ein gelungener Abschied von der Stadtwache. Und auf jeden Fall ein wichtiges Buch.

Einen Punkt Abzug gebe ich aber zusätzlich: Für eine geradezu perfekt dafür geeignete Szene, in der TOD völlig unerwartet NICHT auftrat. Warum das so ist, würde mich wirklich interessieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht zu den Dingen gehört, die er vergessen hat.

Diese Rezension bezieht sich auf die bereits erschienene englischsprachige Originalausgabe. Daher auch die englischen Originalnamen. die deutsche Übersetzung „Steife Prise“ erscheint am 12. September 2012.

Nachtrag zur deutschen Übersetzung

Zugegeben: Der neue Pratchett-Übersetzer Gerald Jung hat ein schweres Erbe zu tragen. Ihm fiel die Übersetzung der neuen Pratchett-Romane zu – und das, nachdem die deutschen Fans seit beinahe 20 Jahren die Übersetzungen von Andreas Brandhorst gewohnt sind und als Maßstab sehen. Mit der vom Verlag Manhattan ausgegebenen Direktive, Pratchett auch einem Nicht-Fantasy-Publikum zugänglich zu machen, dürfte er sich in einem Dauerspagat befinden, der eigentlich nur in die Hose gehen kann. Und dafür macht er, egal was viele Fanstimmen empört sagen, eine ganz ordentliche Figur.

Tatsächlich gelingt es ihm, die Sprache Pratchetts ein klein wenig besser einzufangen als Brandhorst, indem er zum Beispiel vom ausschließlich vertraulichen ´Du´, unabhängig von Status, Dienstrang oder Bekanntheitsgrad, abrückt und ein vorher in deutschen Pratchetts nicht existierendes, förmliches ´Sie´ einzuführen. Aus einem plump vertraulichen „Wünschst du noch etwas, Frau Käsedick.“ wird so jetzt ein korrekteres „Wünschen Sie noch etwas, Lady Käsedick.“ (Bis zu einem „Wünscht Ihr noch etwas, ..“ hat er sich dann aber doch nicht durchringen können). Finde ich persönlich wesentlich stimmiger – allerdings stößt schon das auf erbitterten Widerstand vieler eingefleischter Pratchett-auf-Deutsch-Leser.

An dieser Stelle stolpern wir aber gleich über ein zweites Problem: die alte, gewohnte Eindeutschung der Namen. Natürlich muss er schon eingeführte Bezeichnungen beibehalten, so gut oder schlecht sie auch im Einzelnen sein mögen. An dieser Stelle wird er aber sehr inkonsequent bzw. beweist auch in der Übersetzung nicht unbedingt das glücklichste Händchen. Wenn ein dienstliches ´Sir´ zu einem flapsigen ´Chef´ wird, kann das schon mal weh tun – genauso stolpert der Leser aber auch über stehen gelassene englische Begriffe, die unglücklich mit deutschen Namen gemischt werden (aus ´William Butler´ einen ´Willibald Butler´ zu machen liegt angesichts der bisherigen, brandhorst’schen Überkonsequenz der Übersetzung einfach nicht nur knapp daneben. Wobei ich, nebenbei bemerkt, noch immer froh bin, dass Brandhost wenigstens auf die Übersetzung von Fred Colon verzichtet hat). Warum aus dem Ortsnamen ´Ham-on-Rye´ im Deutschen ein ´Ham-am-Egg´ werden musste, wird wohl auch sein Geheimnis bleiben. Besser gelungen dann schon ein Übertrag, der mir bei Brandhorst schon eher weh getan hätte: ´Captain Sillitoe´ wird nicht etwa zu ´Kapitän Albernzeh´ sondern tatsächlich zu ´Kapitän Sillenbrock‘. Und auch die ´Wonderful Fanny´ zur ´Dicken Ditte´ zu machen ist eine ordentliche Arbeit.

Anstrengend wird es erst bei den Wortspielen, für die Pratchett so berühmt ist. Hier hat Jung oft genug den – sagen wir  – übervorsichtigen Weg gewählt und kurz mal 2-3 Zeilen weggelassen (weshalb man im Deutschen z.B. auf die Ball-Einladungsszene „Well, said Vimes, that’s a lot of – ´´Don’t you dare, Sam!“-Szene komplett verzichten muss). Und dort, wo er sich daran versucht hat, ist es ihm leider viel zu häufig nicht gelungen – oder aber er hat sie einfach falsch verstanden. „Apparently quite interested in frogs, although I might have misheard her mother“ mit „Anscheinend sehr an Kutten interessiert, aber es könnte sein “ zu übersetzen – nein, das klappt so nicht. Und das ist leider nicht die einzige Stelle.

Beim Titel selbst ´Steife Prise´ können sich die Geister wieder scheiden. Ich denke, es gab schlimmere (ich erinnere an den Spoilertitel des Jahrzehnts, ´Weiberregiment´). Steife Prise ist immerhin ein ganz cleveres Wortspiel auf sowohl den aufkommenden Sturm, den Schnupftabak als auch die nautische ´Prise´ also das im Krieg eroberte Schiff. Es geht der kritische Unterton des englischen Titels verloren, aber das war wohl schwer zu vermeiden.

Insgesamt muss man sagen:

Die öffentliche Kritik an der Übersetzung ist weit heftiger als sie es verdient

Sie hat sich von dem entfernt, was die deutschen Leser seit langem gewohnt sind – aber sie ist tatsächlich näher an Pratchetts originalem Tonfall und durchaus lesbar. Denn im Gegensatz zu Pratchetts Sprache und Ton, die sich in den letzten 15 Jahren deutlich verändert und verfeinert haben, ist die Übersetzung bislang immer auf dem eher flachen Schenkelklopfer-Niveau der frühen Scheibenweltromane geblieben. Jungs Neuinterpretation schließt jetzt zumindest ein wenig die inzwischen immens klaffende Stillücke. Und man muss ganz ehrlich sein: Pratchett dürfte wirklich ein extrem harter Auftrag für jeden Übersetzer sein.

Wenn die deutsche Ausgabe heftigere Kritik verdient, dann ist diese wohl an Manhattan selbst zu richten. Erstens ist mit der Pratchett-typischen, emphatisierenden Sondertypografie (Stichwort: Schinken-Tomate-Salat-Sandwich) sehr schlampig umgegangen worden, so dass sie schlicht nicht funktioniert, sondern nur wie ein Fehler im Satz wirkt. Zweitens:

Das Cover. Das Cover!

War es schon bei der Neuauflage von ´Voll im Bilde´ eher voll daneben und hat bei den ´Unsichtbaren Gelehrten´ eher für Brech- als für Kaufreiz unter den deutschen Lesern gesorgt, ist das neue Cover von SNUFF! alias ´Steife Prise’ ein neuer Tiefpunkt. Deutlich an das britische Original des genialen Künstlers Paul Kidby angelehnt, sieht es aus, wie der untalentierte Versuch eines Hobbykünstlers, selbiges in einem der billigeren 3D-Renderingprogramme nachzubauen. Das Ergebnis wirkt erschreckend schlampig, billig und lieblos. Und lässt die Frage offen, auf wen Manhattan als Zielgruppe schielt. Die alten Leser, die sich mit Grausen abwenden können es nicht sein, ebenso wenig die restlichen Fantasy-Fans, denn die sind in unserem Genre schon seit Ende der 90er eine um Klassen höhere Illustrationsqualität gewohnt.

Auf ernste Nicht-Fantasyleser? Kann eigentlich auch nicht sein, denn dafür sieht das Objekt des Anstoßes schlicht und einfach zu primitiv aus. Niemand, der Pratchett vielleicht wegen seiner erzählerischen Brillanz und humanistischen Nähe zu Dickens schätzen würde, würde zu einem Cover greifen, das einem schlechten Browserspiel entnommen scheint. Genau genommen fällt mir keine einzige Zielgruppe ein, die man mit diesem Cover begeistern könnte. Ich vermute, der Verlag kann sich glücklich schätzen, dass sich die alte Genre-Weisheit bewahrheitet: Pratchett verkauft sich, weil ‚Pratchett’ draufsteht. Egal, wie es aussieht. Trotzdem: Wenn man Paul Kidby schon nicht bezahlen kann oder will – warum greift man nicht auf einen fähigen Illustrator zurück? Unsere Hochschulen haben genügend davon.

Abschließend würde ich der deutschen Ausgabe gut 10 bis 12 Punkte von meiner eigentlichen Wertung abziehen. Was eben NICHT an Pratchett und seinem Roman liegt, sondern an Übersetzungsverlusten und Aufmachung.

Diese Rezension von Tom Orgel erschien bereits auf www.phantastik-couch.de. Sie wurde hier mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht.

Steife Prise
Scheibenwelt-Romane
Terry Pratchett
Fantasy
Manhatten
2012
448

Funtastik-Faktor: 90%

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