Der wandernde Krieg-Sergej – Michael Schreckenberg

Der Mythos von Gut und Böse

Der wandernde Krieg Sergej © Juhr Verlag
Der wandernde Krieg Sergej © Juhr Verlag

„Es wurde offenbar. Aber spät, fast zu spät. Ein Geist der weißen Herrin der Heere, der sich im Turm aufgehalten hatte, gelangte hindurch und ein Bote des roten Herrn der Männer, der dem Herrn des Turmes eine Nachricht überbringen sollte. Dann verschwand das Tor und war für immer vergangen.“

Faszinierend bereits das Buchcover. Ein Gesicht mit leuchtend grünen Augen unter buschigen Brauen blickt einem entgegen, die Gesichtshaut dargestellt durch grün schimmernde rissige ausgetrocknete Erde.

Der Herr des Turmes blickt auf die Überreste des Schlachtfelds, der Ich-Erzähler des Buches bricht aus der Pychiatrie aus, eine Amerikanerin schreibt Briefe, ein mysteriöser Mann hat sich auf Gut Neurath angesiedelt, wir lesen die Tagebucheinträge einer Redakteurin, die ihre Träume mit einer Mordserie in Zusammenhang bringt und zwei kleine Kinder verfolgen das Geschehen als Beobachter.

Aus all diesen zunächst unabhängig verlaufenden Handlungssträngen entsteht eine Geschichte über einen Krieg, der in alle Ewigkeiten durch Zeiten, Räume und Dimensionen wandert. Einen Krieg, in dem die Menschen nur als Kanonenfutter dienen. Einen Krieg zwischen Dämonen, gottgleichen Wesen oder was auch immer. Kein Krieg zwischen Gut und Böse, sondern ein Krieg, aus dem die Vorstellung von Gut und Böse erst entstanden ist: Der wandernde Krieg.

Rache

Bei einem Brand in einer psychiatrischen Anstalt ergibt sich für den Insassen Sebastian Kant die Gelegenheit, auszubrechen. Drei Jahre hat er in der Anstalt verbracht, nachdem er auf seinem Rachefeldzug geschnappt wurde. Seine Frau Sarah wurde von den Mitgliedern eines mysteriösen Zirkels gefoltert und umgebracht. Nun kann Kant nicht eher ruhen, bevor er auch den letzten aus diesem Zirkel eigenhändig umgebracht hat. Drei sind noch übrig und seine Rache ist grausam. Zwei Freunde sind ihm noch geblieben: Sandra und Mark. Die beiden helfen ihm zunächst unterzutauchen, bis sich die Aufregung um seinen Ausbruch etwas gelegt hat. Er erhält eine neue Existenz und verbringt als Sergej Hoffrichter die nächsten beiden Jahre auf Mallorca.

Zurück aus dem selbtauferlegten Exil hat er nur das eine im Sinn: seine Rache zu vollenden. Bei der Ankunft auf dem Flughafen hat er einen Zusammenstoß mit einer hübschen jungen Frau, die er wenig später in einer für sie bedrohlichen Situation wiedertrifft und lieben lernt. Er öffnet sich ihr gegenüber, doch alles kann er ihr nicht erzählen. Und auch sie schafft es nicht, ihn von seinem Plan abzubringen …

Die Zusammenhänge erarbeiten

Obwohl der Leser zu Beginn damit zu tun hat, sich die Zusammenhänge zu erarbeiten, ist er dennoch gleich gefesselt von der Handlung um den Erzähler Sergej. Geschickt wechselt der Autor das Tempo. Nach schnell zu überfliegenden Abschnitten mit viel direkter Rede nimmt er durch die Tagebuchberichte wieder Tempo heraus. Und je mehr Zusammenhänge mit fortschreitender Handlung entstehen, um so schneller erfolgen die Wechsel zwischen den Handlungssträngen, bis das Buch zum wahren Pageturner wird.

Über allem steht der beeindruckende vielschichtige Charakter von Sergej, der alle Facetten von Schwarz bis Weiß durchläuft, dabei aber als Rächer für das Gute der Sympathie der Leser sicher sein kann. Als ruhender Gegenpol dazu die Amerikanerin Erin Simpson, ein rundum liebenswertes Wesen. Und auf der anderen Seite Bodo von Reudh, der geheimnisvolle Unbekannte. Gerade die Charakterzeichnungen sind es, die der Autor gegenüber seinem Roman „Der Finder“ enorm verbessert hat.

Für sein Setting hat sich der Autor die fiktive Stadt Langenrath ausgedacht, irgendwo in der Nähe von Leverkusen, in der er bereits seinen Roman „Der Ruf“ angesiedelt hat und die es bereits zu einer eigenen Webseite gebracht hat. Und so mischt sich die Kleinstadt-Atmosphäre mit dem Unheimlichen, das über der Stadt liegt.

Leider kann der Showdown nicht ganz an die sonstige Qualität des Buches anknüpfen. Hier geht es mir teilweise etwas zu wirr und planlos zu und ich vermochte der Handlung nicht mehr in allen Einzelheiten zu folgen.„Der wandernde Krieg“ ist ein Roman, der sich irgendwo zwischen Urban Fantasy und Stephen-King-Horror a la „The Stand“ bewegt, dabei jedoch die ausgetretenen Pfade vermeidet und weitgehend eigene Wege beschreitet.

Diese Rezension von Peter Kümmel erschien bereits auf www.phantastik-couch.de. Sie wurde hier mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht.

Der wandernde Krieg-Sergej
Michael Schreckenberg
Horror
Juhr-Verlag
2012
415

Funtastik-Faktor: 84%

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