Fragmente – Dan Wells

Wer bin ich und wen kann ich retten?

Fragmente © Piper
Fragmente © Piper

Kira hat ihre Freunde in East Meadow zurückgelassen, um Antworten zu finden. Auf die Frage, wer sie ist und woher sie kommt. Und auf die Frage, ob nicht die Rettung von Menschen und Partials möglich ist. Im Bürokomplex des Biotech-Unternehmens ParaGen findet sie Namen auf einer Gehaltsliste; Nandita Merchant und Armin Dhurvasula, die Menschen, die Kira als ihre Eltern kannte. In den Straßen trifft sie einen verwirrten alten Mann, der sich als ehemaliger IT-Leiter der Firma entpuppt und in einem hermetisch abgeriegelten Haus Unterlagen hortet. Eine Spur weist auf ein Rechenzentrum in Chicago, das konkretere Informationen liefern könnte. Die Partials Samm und Heron finden Kiras Unterschlupf und gemeinsam mit Computerspezialist Afa Demoux machen sie sich auf den Weg.

In East Meadow versucht der Rest der Menschheit verzweifelt, das Heilmittel gegen das tödliche Virus RM zu reproduzieren, ohne Erfolg. Die Babys sterben weiterhin. Zudem rücken Dr. Morgan und die Partial Armee auf der Suche nach Kira vor. Menschen, die in ihre Gefangenschaft geraten, müssen fürchten, als Versuchsobjekte in Dr. Morgans Experimenten zu enden. Zudem verlangt Dr. Morgan Kiras Auslieferung und erschießt Geiseln. Marcus versucht seinerseits herauszufinden, was seine Freundin Kira vor ihm verheimlicht. Doch erst einmal gilt es, Verbündete gegen Dr. Morgans Armee zu finden, zur Not aus den gegnerischen Reihen. Denn die Überlebenschancen der Menschen in East Meadow sinken täglich.

Ohne Frieden keine Chance auf Überleben

Die erste Szene des Romans „Fragmente“ zeigt uns, wie die Partial Soldaten den Tod eines Kameraden zelebrieren. Das kommt unerwartet, denn der Leser möchte nach Beendigung der Lektüre des Auftaktbands der Partials-Trilogie „Aufbruch“ sicherlich eher wissen, wie es mit Kira oder in East Meadow weitergeht. Doch es ist ein Kennzeichen der Romane von Dan Wells direkt in medias res zu gehen. Hier stellt er auf den ersten Seiten einen Konflikt vor, der in diesem Band eine zentrale Rolle spielen wird. Nämlich die Tatsache, dass die menschengleichen und empathischen Partials rasch erwachsen werden, anschließend nicht mehr altern und nach zwanzig Jahren sterben. Ihre Zeit ist also begrenzt und die Menschen könnten sich darüber freuen, dass die Tage ihres tödlichen Feindes gezählt sind. Doch das Pheromon der Partials ist das einzige verfügbare Mittel, das die Menschheit vor dem Aussterben bewahren kann.

„Fragmente“ wird in rasch abwechselnden Kapiteln überwiegend aus der Perspektive Kiras und Marcus‘ in dritter Person erzählt. Anders als in „Aufbruch“ agieren beide Protagonisten getrennt voneinander und haben lediglich sporadisch Funkkontakt. Als Sanitäter begleitet Marcus die Abwehr von East Meadow und erkennt, dass sie Verbündete finden sollten. Wie Kira wird auch ihm bald klar, dass Menschen und Partials sich gegenseitig zum Überleben brauchen.

Nach ausgiebiger Recherche in den Daten des ehemaligen ParaGen IT-Direktors, begibt sich Kira mit den zwei Partials Samm und Heron, sowie dem geistig verwirrten Afa auf eine Queste quer durch das Land. Zunächst nach Chicago, anschließend nach Denver. Diese Kapitel leben vor allem von der akribischen Detailgenauigkeit, mit der Dan Wells die Szenerie beschreibt. Vor allem der Verfall der menschlichen Infrastruktur erschwert die Reise, da er Landschaften in ihren Urzustand zurückversetzt. Flächendeckende Überschwemmungen sind die Folge, die ganze Landstriche und eine Metropole wie Chicago unter Wasser setzen. Lebensgefahr geht auch von den Folgen des Krieges aus, die das Ödland erschaffen haben. Wo die Luft vergiftet ist, kaum ein Grashalm wächst und jeder Regentropfen die Oberfläche verätzt, auf die er trifft. All das beschreibt der Autor derart plastisch und anschaulich, dass man sich mitten hinein versetzt fühlt und stets die nächste böse Überraschung erwartet.

„Es ist…als bewegten wir uns rückwärts in der Zeit. Wir sind wie Steinzeitarchäologen in den Ruinen der Zukunft.“ [S. 330]

Genauso gründlich, wie bei der Recherche für das postapokalyptische Setting und der Seuche, ist der Autor bei der Entwicklung der Konflikte vorgegangen. Wie stets bei Dan Wells bekommen auch hier die Sympathieträger Blut an den Händen und erweisen sich die vermeintlichen Bösewichter als Getriebene, die gute Gründe für ihr Handeln haben. Es ist nicht immer leicht nachzuverfolgen, welche Geschehnisse, Intrigen und Machtspiele zu der Situation geführt haben, die den Vernichtungskrieg und das Dilemma um den RM Virus ausgelöst hat. Dass es sich bei „Fragmente“ um ein Jugendbuch handelt, ist oft schwer zu glauben, da sich der Plot als äußerst komplex und vielschichtig erweist. Zudem spielt die in Young Adult Dystopien zumeist zentrale Liebesgeschichte hier weiterhin eine Nebenrolle, die allerdings überraschende Momente hat.

Ein weiterer Grund, warum man „Fragmente“ nicht aus der Hand legen mag, ist Dan Wells flüssiger und variantenreicher Sprachstil, der sich dem Inhalt anpasst. So trifft er stets den richtigen Ton, von still bis rasant, von melancholisch bis heiter, trotz des düsteren Geschehens. Die rasche Kapitelfolge fordert vom Leser Aufmerksamkeit und Geduld, vor allem wenn Cliffhänger die Helden in ausweglosen Situationen zurücklassen. Derartige Finten zur Spannungssteigerung wären in „Fragmente“ eigentlich nicht notwendig gewesen, erfüllen aber ihren Zweck. Und so ist die Rezensentin froh darüber, dass der finale Band „Ruinen“ schon in wenigen Wochen erscheint. Die Partials Trilogie ist ein faszinierendes Abenteuer mit vielen philosophischen Denkanstößen. Die Frage nach dem, was Menschlichkeit bedeutet und inwiefern Moral und Selbsterhalt vereinbar sind, stellt sich hier auf futuristische und zugleich zeitlose Art und Weise.

Eva Bergschneider

Fragmente
Partials - Band 2
Dan Wells
Science-Fiction
Piper
2014
576

Funtastik-Faktor: 88%

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