Das Kowalski Protokoll-Todesfeature – Armin Weber

Progressiv nur in Ansätzen, dafür spannend und handwerklich einwandfrei

Kovalski Protokoll - Todesfeature © Armin Weber
Kovalski Protokoll – Todesfeature © Armin Weber

Armin Weber, Phantastik-Lesern am ehesten durch die zwischen „durchwachsen“ und „richtig gut“ stark fluktuierende EXOPLANET Reihe bekannt, betritt mit „Kowalski Protokoll: Todesfeature“ ein neues Subgenre. Die Military-SF mit starker Abenteuerkomponente (oder Abenteuer-SF mit militärischem Einschlag, je nachdem, wie man will) liest sich durchgehend anders als seine vorherigen Werke. Und das ist großteils positiv gemeint, aber alles der Reihe nach.

Gestatten – Kowalski. Pitt Kowalski.

Wir begleiten Pitt Kowalski, seines Zeichens Kommandant der Chariot, und seine vielschichtig zusammengesetzte Crew. Auf der Rückreise vom Asteroidengürtel werden sie zu einem dringenden Einsatz auf dem Mars umgeleitet. Natürlich von ihrem Auftraggeber SPU, einem der wenigen Konzerne, die das Sonnensystem unter sich aufgeteilt haben. Ein Notfall ist eingetreten, ausgerechnet als Captain Kowalski mit einem persönlichen gesundheitlichen Problem kämpft. Aber dennoch wird nur kurz gezögert – und die Mission angetreten. Das ist man den Siedlern auf dem Mars schließlich schuldig. Und vor allem der SPU, die als Übermacht quasi ständig präsent ist.

Viel Bewährtes, gemischt mit etwas Innovation

Wer jetzt beim Namen „Kowalski“ nicht an einen Pinguin, sondern an einen gewissen Lunartech-Spook denkt, und auch beim Szenario mit den Eckdaten „Menschheit im Sonnensystem ausgebreitet, Minenoperationen im Asteroidengürtel, allmächtige Konzerne“ ein sanftes Deja Vu erlebt, liegt nicht vollkommen falsch. „Todesfeature“ nimmt gewisse Anleihen sowohl bei der „Avatar“ Reihe, als auch den „Expanse“ Büchern. Ersteres in den Charakteren, letzteres vor allem in der dominanten Military Komponente. Dies aber durchaus geschickt. Die Protagonisten und deren Konstellationen wirken vertraut, ohne abgekupfert oder gar plagiiert zu erscheinen. Und spätestens nach der Ankunft auf dem Mars entwickelt die Story ihren eigenen Lauf mit ihren eigenen, ganzs speziellen Antagonisten. Wenn verrückt gewordene Hologramme auf Nanotech stoßen, geht es rund – und die rasante Story beginnt, wirklich Spaß zu machen. Die Bedrohung wird geschickt aufgebaut, die Konfrontationen sind packend ausformuliert. Man fiebert mit.

Die Crew macht Laune

Richtig gut gelungen ist der Protagonist, mehr noch aber sein Zusammenspiel mit der Crew. Hier hat Weber gegenüber seinen vorigen Büchern ordentlich zugelegt, es gibt nachvollziehbare soziologische Konstruktionen und auch Spannungen. So unterscheidet Kowalski zwischen einem inneren Kreis, also Kollegen und Kolleginnen, denen er (beinahe) blind vertraut auf der einen Seite – und gewöhnlichen Crewmitgliedern auf der anderen. Das wirkt glaubwürdig, und erinnert in seinen besten Szenen an Battlestar Galactica mit den ausgeprägten Fraktionen und Seilschaften innerhalb der Mannschaft.

Wer tiefgründige Philosophie sucht, ist hier falsch.

Aber so etwas will das Buch auch gar nicht vermitteln. Was es versucht, ist einen Hauch von Gesellschafts- und Sozialkritik einzubringen. Dies gelingt aber nur sehr bedingt. Die Frage welchen Wert ein allmächtiger Konzern einem Menschleben – insbesondere einem genetisch nicht optimierten – beimisst, Profitstreben und Gier werden durchaus behandelt. Aber niemals über jenes Niveau hinaus, das man auch in jedem durchschnittlichen „Shadowrun“ Roman findet. Ebenfalls bemüht wirkt die Diversität. Trotz plakativ multikultureller Besatzung, samt fast klischeehafter Namen und gentechnisch bedingter Äußerlichkeiten wirken fast alle Protagonisten ausgesprochen weiß. Und wenn Pitt bei einer hochintelligenten und vielschichtig kompetenten Kollegin immer wieder vor allem die optischen Vorzüge mental hervorhebt, dann blitzt doch gelegentlich ein testosteronschwangerer Chauvinismus durch. Ein typisches „Machismo-Werk“ ist es aber dennoch nicht, die Machtverhältnisse sind ausgewogen.

Fazit

„Das Kowalski Protokoll – Todesfeature“ ist ein spannender, rasanter Science-Fiction-Roman mit militärischer Schlagseite, routiniert aufgebaut und handwerklich sehr gut erzählt. Wirklich herausragende Ideen oder besonders einprägsame Sequenzen sucht man jedoch eher vergeblich. Dennoch: wer Abstriche bei Tiefgang und zeitgemäßer soziologischer Projektion in Kauf nehmen kann, bekommt hier ein angenehm flüssiges Leseabenteuer, das viele Stunden lang fesselnd unterhält.

DANKE an Gastrezensentin Tamara Yùshān

Das Kowalski Protokoll-Todesfeature
Armin Weber
Science-Fiction (Military)
Independently published
Juli 2020
371

Funtastik-Faktor: 75

Ein Gedanke zu „Das Kowalski Protokoll-Todesfeature – Armin Weber

  1. Genau das meinte ich.
    Herrlich seziert, Schwachpunkte gut aufgezeigt und trotzdem hat man am Schluss das Gefühl, dieses Buch lesen zu wollen. Schöne Rezension, freut mich!

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