Die Galerie der Lügen – Ralf Isau

Luegengalerie
Galerie der Lügen © Ehrenwirth Verlag

Science-Thriller oder Ideologie?

Der deutsche Schriftsteller Ralf Isau, der durch Fantasy-Romane für Kinder wie die Neschan- Trilogie bekannt wurde, schreibt nicht zum ersten mal ein Phantagon für Erwachsene. „Die Galerie der Lügen“ ist allerdings mehr, als ein Roman, in dem jeder Leser eine andere Mischung literarischer Genres erblickt. Isau hinterfragt die Evolution und präsentiert eine auf dem Schöpfungsgedanken basierende Hypothese, die er als „Intelligent Design“ bezeichnet.

Botschaften eines Kunstdiebs

Die Statue „Der schlafende Hermaphrodit“ wird im Museum Louvre in Paris in die Luft gesprengt, ein Wachmann und die Attentäterin kommen ums Leben. In der Modern Tate Gallery in London verschwindet „Le Dormeur téméraire“ oder „Der unachtsame Schläfer“ von René Magritte. Weitere Einbrüche ereignen sich stets Sonntags im wöchentlichen Abstand. Der Dieb scheint ein Faible für Symbolik zu haben, denn er hinterlässt Figuren aus dem Bild des belgischen Surrealisten. Die Polizei steht vor einem Rätsel: Wie gelingt es dem Täter, die Sicherheitstechnik auszuschalten? Können die zurückgelassenen Gegenstände auf Ziele weiterer Kunstdiebstähle hinweisen? Ein im Louvre hinterlassener Fingerabdruck führt nach England, zu der umstrittenen Publizistin Alex Daniels.

Wahrheit und Lüge

Die Journalistin bestreitet, mit den Einbrüchen zu tun zu haben. Doch erst der unerklärliche Befund, dass der Fingerabdruck mit dem einer weiteren Person übereinstimmt, verhilft ihr zur Freiheit. Er gehört auch zu einer Frau, die Alex zum Verwechseln ähnlich sieht, der tödlich verunglückten Terri Lovecraft. Daniels veröffentlicht nun eine Artikelserie über ein mutmaßliches Motiv für die Einbruchserie, die „Galerie der Lügen“. Sie glaubt, dass der Täter die Widerlegung von Darwins Evolution, die „Intelligent Design“ Theorie auf diese Weise in das Licht der Öffentlichkeit rücken will. Zudem scheint Alex selbst der Schlüssel zu einem dunklen Geheimnis zu sein, das Fragen berührt, die sie sich täglich stellt: Wer waren ihre leiblichen Eltern? Ist sie aufgrund ihrer körperlichen Besonderheit zur Adoption freigegeben worden? Und sind die in den Ermittlungen auftauchenden Personen, die ihr mehr als nur äußerlich gleichen, ebenfalls Hermaphroditen?

Intersexualität und Humangenetik

So wie die meisten Romane Ralf Isaus lässt sich „Die Galerie der Lügen“ nicht eindeutig einem Genre zuordnen, denn er vereinigt Thriller- als auch Science-Fiction-Elemente. Als Thriller überzeugt der Roman, denn der Autor inszeniert spektakuläre Verbrechen und baut anschließend mit einer zunehmend komplexeren Handlung einen Spannungsbogen auf, der sich in einem explosiven Show-Down entlädt. Die Hauptfiguren erinnern ebenfalls an amerikanische Crime-Stories; ein cooler Typ und und die Geheimnisvolle.

Der Ermittler, ein ehemaliger Militärpolizist, entspricht dem Klischee des reichen, attraktiven aber naiven Machos, der mit einer rätselhaften Partnerin an seiner Seite versucht, das Rätsel aufzudecken. Alex hingegen ist psychologisch ausgefeilter charakterisiert. Ihre Phobien, hervorgerufen durch die besondere Lebenssituation, ein Hermaphrodit zu sein, sowie ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten sind durchaus glaubwürdig.

Der Autor diskutiert die Frage nach dem Selbstverständnis der zweigeschlechtlichen Menschen. Alex Lebensgeschichte zeigt die innere Zerrissenheit und schwierige Selbstfindung der Intersexuellen. Der Autor verdeutlicht, wie viel Leid die Hermaphroditen durch die in zwei Geschlechter getrennte Wahrnehmung der Gesellschaft erfahren.

„Die Galerie der Lügen“ beschäftigt sich darüber hinaus mit Ethik und Wissenschaft.; die Frage „Darf der Mensch, was er kann“ zieht sich als roter Faden durch den Roman. Der technologische Stand der Klontechnik in „Die Galerie der Lügen“, der in die 80er Jahre eingeordnet wird, ist Science-Fiction. Zwar verzichtet der Autor auf die Konstruktion bis dato unbekannter Prozesse, doch gerade weil immer mehr Details dieses Forschungsbereichs öffentlich diskutiert werden, erscheint nicht nur die zeitliche Einordnung, sondern vor allem die unterstellte Zielsetzung nicht nachvollziehbar.

Weniger wäre mehr

Als Grundlage für eine spannende Story hätten die Themen Hermaphrodismus, Klonforschung und Kunstdiebstähle mit einem wissenschaftskritischen Motiv völlig ausgereicht. Stattdessen breitet der Autor seine Sicht der Intelligent-Design Hypothese stark aus. Doch weder mit Hilfe der Zitate kluger Köpfe noch durch gebetsmühlenartige Wiederholungen wird diese stichhaltig präsentiert. Schon an den oftmals hölzernen Formulierungen wird deutlich, wie gewollt sich die „Intelligent Design“-Abhandlungen in den Text einfügen. So leiten steife Fragesätze wie: „Wie meinen Sie das“ oder wenig originelle Aussagen wie „In der Schule war ich in Biologie nie besonders gut“ einen langen Monolog ein. Info-Dumping nennen das die Briten. Isau-Leser wissen: Das kann er besser, wenn er einfach Geschichten erzählt, ohne ideologische Standpunkte zu unterbreiten. Empfehlen kann man „Die Galerie der Lügen“ nur eingefleischten Anhängern des „Intelligent Design“, alle anderen müssen schon sehr wohlwollend über diese kaum nachvollziehbare Ideologie hinweg lesen, um den ansonsten soliden Science-Thriller genießen zu können. Schade, denn die seit einiger Zeit hochkochende Diskussion um Kreationismus-Unterricht an Schulen verleiht dem Thema eine besondere Würze.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Die Galerie der Lügen
Ralf Isau
Fantasy
Bastei-Lübbe/Ehrenwirth
2005
637

Funtastik-Faktor: 49%

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