Die Plage – Charlie Huston

Schlaflos in einem Albtraum

Die Plage © Heyne
Die Plage © Heyne

Charlie Huston ist ein Autor, der von Krimi- und Phantastik-Fans gleichermaßen geliebt wird. Zumindest von solchen, die es etwas härter und abgründiger mögen. Huston schreibt Serien wie die Noir-Krimi-Trilogie um den „Prügelknaben“ Hank Thomson oder um den Vampirdetektiv Joe Pitt, der im fünften Teil „Ausgesaugt“ seinen letzten Auftritt hatte. Seine abgeschlossenen Romane waren die bitterbösen Noir-Thriller „Killing Game“ und „Das Clean Team“ denen 2011 der  Endzeitroman, „Die Plage“ folgte.

Eine Prionenseuche verändert die Welt

Parker Haas ist Undercover Cop im Los Angeles des Zeitalters der „Schlaflosen“. Eine Seuche, die es den Infizierten unmöglich macht, zu schlafen, befällt ca. 10% der Bevölkerung. Die Schlaflosen sind dazu verdammt, zunehmend dem Wahnsinn zu verfallen und unter grausamen Qualen zu sterben. Es gibt ein Mittel, das sie ruhig stellt und träumen lässt, „Dreamer“. Das Medikament wird Kranken im Endstadium in der Klinik verabreicht, die meisten Schlaflosen haben jedoch keinen Zugang zu der Therapie. Sie wandeln in endlosen Prozessionen durch die Straßen oder flüchten sich in die Scheinwelt des Online-Rollenspiels Chasm Tide.

Die Stadt brennt, das öffentliche Leben versinkt in Anarchie und Chaos, es herrscht das Recht des Stärkeren. Die Polizei fürchtet, dass es zu einem unkontrollierbaren Kampf um „Dreamer“ auf dem Drogenmarkt kommen wird und versucht, die Keimzelle des Schwarzmarkts auszuheben. Für diesen Job wurde Park, der an eine bessere Welt glauben möchte, ausgewählt. Doch seine Ehefrau Rose ist ebenfalls infiziert, taucht in die virtuelle Welt ab und ist kaum noch in der Lage, ihr gemeinsames Baby Omaha zu versorgen.

Ob Pulp, Noir oder Endzeitroman – in jedem Fall ein typischer Huston

Der Autor Charlie Huston ist keiner, der seinen Leser an die Hand nimmt und in sein Buch einführt, indem er Figuren und Szenerie vorstellt. Stattdessen fühlt man sich auf den ersten Seiten von „Die Plage“ unmittelbar in die Apokalypse hinein geworfen. Auch die spontanen Erzählform- und Perpektivenwechsel erleichtern nicht gerade den Zugang zur Geschichte. Man steigt zunächst in den Alltag des Cops Parker Haas ein, der ein Selbstmordattentat inmitten eines nächtlichen Verkehrsstaus erlebt. Danach wird aus der Erzählung in der dritten Person eine „Ich“-Erzählung, die des Killers Jasper. Ohne Ankündigung kommt der zweite Hauptprotagonist als Erzähler ins Spiel, zu einem Zeitpunkt, an dem man noch nicht weiß, wer eigentlich wer ist. Die dritte Erzählperspektive ist wieder die des Cops, wieder in der „Ich“- Form als Tagebucheintragungen. Damit nicht genug der anfänglichen Verwirrung. Der Autor verwendet gern und oft Kürzel und Begriffe, die den meisten Lesern unbekannt sein dürften und die erst an ganz anderer Stelle erläutert werden. Geduld und Aufmerksamkeit sind also gefragt, doch es lohnt sich, dran zu belieben.

„Die Plage“ beschreibt eine Apokalypse in einer Welt unserer Zeit, mit Mitteln und Techniken gestaltet, die wir kennen. Dennoch wirkt sie äußerst fremdartig und dystopisch. Huston entwirft das Bild einer degenerierten Gesellschaft zwischen Anarchie und virtueller Parallelwelt, die gerade deswegen so verstörend wirkt, weil er dafür weder globale Atomkatastrophen noch Außerirdische bemüht. Sondern ein reales Phänomen, eine Infektionsform, die in den 90er Jahren als BSE bekannt wurde und auf Prionen (Proteinaceous Infectious particle ) beruht; Proteinen, die pathogene Formen annehmen und diese auf gesunde Proteine übertragen können, was zu Schädigungen des Gehirns führt.

Die Entstehung und Verbreitung der hier auftretenden fiktiven Form der tödlichen familiären Schlaflosigkeit (SLP) erklärt Huston detailliert und logisch nachvollziehbar. Was „Die Plage“ zum wahrhaftigen Horror-Szenario macht, ist einerseits das Leid der Betroffenen. Vor allem ist das aber die Auswirkung der Angst und Ungewissheit auf eine Menschheit, die alle humanistischen Errungenschaften über Bord wirft. Das Bild eines moralischen Verfalls, von dem unsere Gesellschaft stellenweise nicht allzuweit entfernt scheint.

Doch zwischen den albtraumhaften Bildern und Kraftausdrücken kommen Emotionen hoch. Nicht nur Parks Tagebucheintragungen geben dessen Erinnerungen und Gefühle preis, auch Jaspers Erzählungen lassen tiefe Einblicke in die Seele des Killers zu. Huston vermeidet es sorgsam, seine Figuren zu bewerten. Stattdessen beobachtet er ihre Handlungen, beschreibt Ursache und Wirkung. Der Autor – und mit ihm der Leser – nähert sich den Figuren respektvoll, was sie umso wahrhaftiger macht, trotz der absonderlichen Welt, die sie umgibt.

Charlie Hustons Stärke liegt darin, dem Leser prägnante Bilder zu präsentieren, die er nicht erläutern muss. Dazu gehören splatterhafte Fragmente und comicartige Schnitte, an die man sich erstmal gewöhnen muss. Doch ihre Intensität spricht eine deutlichere Sprache, als es jede Erklärung tun könnte und sie lässt dem Leser die Freiheit, Hustons literarische Welt mit eigenen Augen kennenzulernen.

Die Kerngeschichte ist noch nicht einmal besonders originell. Sie entspricht auf dem ersten Blick der eines typischen Thrillers in einem Alternativweltszenario. Mit einem Antihelden, der die Welt retten will, dem knallharten Killer, der einen Auftrag erfüllt und einem klassischen durchgeknallten Bösewicht, der die Katastrophe für seinen persönlichen Profit nutzt. Doch dem Autor gelingt es, die Geschichte mit bizarren Details auszuschmücken und immer wieder neue Aspekte der Geschehnisse zu enthüllen. Und so fügen sich die verschiedenen Handlungsebenen zu einem spannenden und überraschenden Showdown zusammen, der das bis dahin Gelesene noch einmal umkrempelt. Charlie Hustons „ Die Plage“ ist mehr als die Summe aus Dystopie und Noir-Krimi, nämlich ein absolut ungewöhnlicher, fesselnder und nachhaltiger Roman.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Die Plage
Charlie Huston
Horror
Heyne
2011
544

Funtastik-Faktor: 85

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