Schattenkrieg – Andreas Saumweber

Urban & Low-Fantasy – ein spannender Cross-Over

Schattenkrieg ©Aufbau-Verlag
Schattenkrieg ©Aufbau-Verlag

Der „Schattenkrieg“ beginnt 1998 auf einer Ölplattform vor Norwegen. Unerklärbare Erdaufwerfungen sorgen dafür, dass die Bohrinsel Statfjord C versinkt und weite Teile der Küsten Nordeuropas durch verheerende Ölteppiche verseucht werden. Darunter auch Inverness im Norden Schottlands, wo Keelin als Krankenschwester arbeitet. Ihre bizarren Albträume von einem altertümlichen Dorf werden zur Realität, sie flüchtet in die Innenwelt. Eine Welt der Druiden, die Keelin anhand ihrer Aura als ihresgleichen erkennen. Diese Innenwelt lehnt jegliche moderne Entwicklung ab und bleibt einer mittelalterlich anmutenden Lebensart treu. Als die Außenwelt der zweite Weltkrieg heimsuchte, siegten hier die keltischen Stämme über die Germanen. Seit dem ward längst nicht die letzte Schlacht geschlagen, denn die Schatten kamen und drohten, das Nordeuropa der Innenwelt zu erobern. Der Waldläufer Derrien, Kriegsheld einer in Norwegen ansässigen bretonischen Druidenfamilie, warnt vor einem erneuten Erstarken des Schattenlords Rushai und seiner Armee aus menschlichen Marionetten und Untoten.

In der Außenwelt befindet sich die Bundeswehr auf einer Friedensmission im Kosovo. Ein junger weiblicher Leutnant,Veronika Wagner, erhält dort das Kommando über einen Zug Soldaten, der immer wieder in hasserfüllte, blutige Kämpfe mit der Bevölkerung gerät. Sie selbst entgeht aufgrund ihrer wundersamen Gabe, Gefahren intuitiv zu erahnen, nur knapp dem Tod. Um anschließend festzustellen, dass die Probleme ihrer Männer vor allem einer monströsen Brutalität des Zugführers geschuldet sind. Finstere Mächte scheinen die Welten diesseits und jenseits der Grenze in den Untergang zu führen.

Trotz einiger Schwächen …

Andreas Saumweber hat sich für den Auftakt seiner Autorenlaufbahn mit der dreiteiligen „Druidenchronik“ viel vorgenommen. Vor allem die Komplexität der Geschichte mit mehreren Handlungsebenen und in zwei verschiedenen phantastischen Welten spielend, macht es schwer, einen roten Faden zu entwickeln. Eine echte Herausforderung für einen Nachwuchsautor.

„Schattenkrieg“ erzählt die Geschichten mehrerer mehr oder weniger wichtiger Personen abwechselnd aus deren Perspektive. Nur auf den ersten Blick wirken die vielen Handlungsstränge zusammenhanglos, denn sie ergänzen sich zunehmend oder erzählen das selbe Geschehen aus einer anderen Perspektive. Dabei vermeidet der Autor überwiegend effektheischende Cliffhänger und erschafft, trotz der vielen Schauplätze, Erzähler und Episoden, einen stringenten düsteren Plot. „Schattenkrieg“ endet mit einer spektakulären und äußerst brutalen Schlacht, die allerdings erst den Anfang eines Krieges um beide Welten, die Innen- und Außenwelt, darstellt.

Die Verknüpfung dieser beiden Welten ist ein Aspekt, der nicht immer überzeugt, denn es bleiben zu viele Fragen offen: Warum verweigert die Innenwelt jeglichen Fortschritt? Was hat es mit den weltübergreifenden Phänomenen auf sich? Wer sind die Schatten? Warum können sie unzählige Menschen aus der Außenwelt rekrutieren und die Druiden nur weitere Druiden?

Dieses Hintergrundwissen gehört in den Auftaktband einer Trilogie und hätte der Geschichte mehr Tiefgang verliehen. Ebenfalls zu beklagen sind einige logische Brüche, wie z.B. ein spontaner Wechsel der Jahreszeiten. Am Anfang jedes Kapitels schreibt der Autor, wann und wo die folgenden Ereignisse stattfinden, was dem Leser die Orientierung erleichtert. Auf Seite 419 befinden wir uns im Kosovo, an einem Dezembertag, der eine Seite später als „sonniger Frühlingstag“ beschrieben wird. Eine Unstimmigkeit (und nicht die einzige), wie sie vermutlich den meisten Autoren passieren kann, die aber spätestens beim Lektorat ausgemerzt werden sollte. Hin und wieder erscheint auch die sprachliche Qualität etwas lässig und an Anglizismen angelehnt. So ärgerlich derartige Fehltritte auch sind, sie ändern nichts daran, dass Andreas Saumwebers „Schattenkrieg“ das wichtigste Kriterium moderner Fantasy erfüllt. Denn hier lesen wir einen originell strukturierten, vor allem aber unglaublich spannenden Fantasy-Roman, in dem keine der 800 Seiten langweilt.

…ein mutiges Werk

Das liegt auch an den vielen ausgefeilten Charakteren. Die schottische Druidin Keelin kam als Flüchtling in die Innenwelt, gibt sich dort kämpferisch, aber auch verletzlich und kommentiert diese archaische Welt aus der Sicht einer modernen Frau. Ein unerschrockener Kämpfer wie Derrien büßt beim Leser immens an Wohlwollen ein, als er Vergewaltigungen als ein Vergnügen für Sieger beschreibt. Mancher zunächst passive Akteur setzt plötzlich entscheidende Akzente, mancher Held strauchelt und auch die vermeintlich Guten intrigieren um Macht und persönlichen Vorteil.

Hier wird kein Sympathieträger aufgedrängt, sondern Persönlichkeiten in ein grausiges Abenteuer geschickt, das jeden einzelnen verändert und reifen lässt. So entwickeln sich die mystischen Kräfte der Druiden auch bei jedem anders und individuell. Jeder Druide hat ein bestimmtes Baumzeichen, dass seinen Charakter prägt und ihn für bestimmte Fähigkeiten empfänglich macht. Nichts wirkt aufgesetzt, niemand wirklich überlegen.

Saumweber wagt phantastische Interpretationen von politischen Konflikten des ausgehenden 20. Jahrhunderts, wie dem Kosovokrieg, wofür er in Leserkommentaren häufig kritisiert wird. Nach dem Empfinden einiger Leser tut er dies augenscheinlich nicht immer politisch korrekt, was ich allerdings nicht nachvollziehen kann. Denn die Geschehnisse sind aus der Handlung logisch ableitbar und werden immer ins richtige Licht gerückt, was in einer phantastischen Story eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Auch die Gewaltdarstellungen stoßen manchem Leser auf, aber die gehören nun einmal zu mittelalterlichen Kämpfen dazu. „Schattenkriege“ wurde für ein erwachsenes Publikum geschrieben, ist keine „Kuschelfantasy“. Der Autor mag sprachlich nicht immer ganz sauber formulieren, aber sein leidenschaftlicher Stil ist ein Bonus des Romans. In jeder Szene Geräusch, Geruch und Gefühl, eben das, was Fans der Low-Fantasy an die Buchseiten fesselt. Hat man einen solchen Stil je einem George R. R. Martin zum Vorwurf gemacht?

Alles in allem ist Andreas Saumweber ein couragiertes und innovatives Erstlingswerk gelungen, eines deren Folgebände ich wirklich weiter verfolgen möchte. Leider wird der Lesegenuss durch die genannten logischen Unstimmigkeiten und sprachlichen Schnitzer geschmälert. Trotzdem darf man sehr gespannt sein, welche Mysterien und Schrecken „Schattensturm“ und „Schattenfluch“ zu bieten haben.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Schattenkrieg
Die Druidenchronik Band 1
Andreas Saumweber
Fantasy
Aufbau Verlag
2010

Funtastik-Faktor: 77

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