The Timetraveler’s Wife – Audrey Niffenegger

Ob SF oder Liebesroman, in jedem Fall außergewöhnlich

The Timetraveler's Wife © Zola Books
The Timetraveler’s Wife © Zola Books

Als Clare Henry in der Newberry Library in Chicago kennenlernt, kennt sie ihn bereits ihr ganzes Leben. Henry ist aufgrund eines genetischen Defekts ein Zeitreisender. Immer wieder wird er aus seiner Gegenwart heraus gerissen und in die Zukunft oder Vergangenheit geschleudert. Steuern kann er diese Zeitsprünge nicht, sie treten allerdings in Stresssituationen vermehrt auf. Und Henrys Unterbewusstsein scheint Einfluss auf Zeit und Ort zu nehmen, denn er landet oft an entscheidenden Stationen seines Lebens. Vor diesem Hintergrund versuchen Clare und Henry, als sie sich endlich in Henrys Gegenwart begegnen, ein normales Liebespaar zu sein. Clare hat Henry viele Male getroffen, Ereignisse und Dates, die für ihn noch in der Zukunft liegen.

Sie lieben sich, bauen sich einen gemeinsamen Bekanntenkreis auf, heiraten, wollen Kinder und gemeinsam alt werden. Dazwischen gerät Henry in eine andere Zeit, an einen anderen Ort, immer nackt und nicht selten in eine gefährliche Situation. Sein Rettungsanker ist zuweilen sein zeitgemäßes Ich, oder eben Clare, die Kleidung und Nahrung für ihn versteckt. Die Ereignisse in anderen Zeitebenen nehmen immer wieder Einfluss auf Clares und Henrys Gegenwart – und führen beide in immer skurrilere Situationen.

Liebe durchdringt Zeit und Raum

Man könnte sicherlich fragen, ob dieses Buch überhaupt auf phantastisch-lesen.com gehört. Sicherlich steht in „The Time Traveler’s Wife“ die Clare-und Henry-Liebesgeschichte im Vordergrund, die allerdings ohne das klassische Science-Fiction-Thema Zeitreise und deren Konsequenzen, wie die Autorin sie beschreibt, nicht funktionieren würde. Vielleicht möchte man diesen ungewöhnlichen Roman nicht auf der Genre-Ebene ansiedeln, was seiner Schönheit und Innovation allerdings keinen Abbruch tut.

Episodenhaft beschreibt Audrey Niffenegger Clares und Henrys gemeinsames Leben. Zur Orientierung sind die Jahreszahlen und Altersangaben der Protagonisten über den Kapiteln dringend nötig, wenn man den Überblick behalten will.

Der an Chronologie gewöhnte Leser hat zunächst Schwierigkeiten, in das Buch hinein zu finden. Schnipsel aus der Vergangenheit, Alltagsgeschichten, in denen gar nichts Besonderes passiert, bizarre und verwirrende Begebenheiten, die sich durch die Begegnung der verschiedenen Zeitebenen ergeben und einige wichtige Höhepunkte wechseln einander scheinbar ungeordnet ab. Irgendwann fällt einem auf, dass der Erzählrahmen durchaus chronologischer Natur ist, was sich jedoch lange der Wahrnehmung des Lesers entzieht.

Was dieses Buch auszeichnet, sind große und facettenreiche Gefühle, nicht nur Clares und Henrys Liebe und Leidenschaft, sondern auch ihre Lebensfreude, Humor, Ängste, Trauer, Wut und Enttäuschung. Ebenso nah wie die Personen, geht einem der Zeitgeist, den die Autorin aufleben lässt. Man atmet die punkig-rebellischen 80er, die weniger politischen, dafür flippigen 90er Jahre und die ernüchternde Gegenwart. Historische Ereignisse wie der 11. September 2001 wirken ein wenig in die Handlung hinein montiert, die Schilderung der alltäglichen Atmosphäre gelingt der Autorin besser.

Das klassische Zeitreise-Paradoxon wird hier auf ungewöhnliche Weise dargestellt. Es gibt lediglich eine Regel: Aktiv beeinflussen kann Henry den Lauf der Dinge nicht. Jedoch sind Selbstbegegnungen mit dem eigenen Ich, mit Lebenden und Toten in anderen Zeitebenen und die Konsequenzen dieser Ereignisse auf die Gegenwart ein zentraler Bestandteil, oft die Triebfeder der Handlung. Nur begrenzt hält sich Henry an etwaige Verhaltensregeln. Er erzählt wenig über das, was sich in der Zukunft ereignen wird. Allerdings gibt er Clare eine Liste mit Zeitpunkten, wann er wo auftauchen wird. Ebenso beeinflusst Henry ihr Tun, auf der Grundlage der Geschehnisse, die er in der Zukunft erfahren hat, was wiederum Folgen – positive und negative – nach sich zieht.

Höhepunkte gibt es eher wenige in der Handlung, in der Mitte des Romans sind beträchtliche Längen zu beklagen. Doch das Durchhalten lohnt. Was Audrey Niffenegger am Ende an Dramatik präsentiert, hat viel Ähnlichkeit mit der Inszenierung einer klassischen Tragödie.

Interessant ist es, als deutscher Muttersprachler die Originalausgabe zu lesen, Henry ist nämlich ein Rilke-Liebhaber. Viele Zitate des Dichters sind passend in die Handlung integriert, wirken manchmal in der Übersetzung ungewohnt, was ihre Wirkung jedoch nicht beeinträchtigt. Audrey Niffenegger schreibt prägnant und klar, setzt Wortspiele und Metaphern ein, stets treffsicher und inspirierend.

Dieser Roman ist sicherlich keiner, der Hardcore SF-Fans begeistert, dafür steht die Liebe zu sehr im Vordergrund. Tiefe Emotionen sollte man genau so wenig scheuen wie gedankliche Experimente zum Thema Zeitreisen, dann kann man mit „The Time Traveler’s Wife“ einen aufwühlenden und intelligenten Roman genießen.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

The Timetraveler's Wife
Audrey Niffenegger
Phantastik/Belletristik
Zola Books
2003
544

Funtastik-Faktor: 87%

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