Die Vereinigung jiddischer Polizisten – Michael Chabon

Spleenig, hintergründig und mit köstlichem Humor

Die Vereinigung jiddischer Polizisten © KiWi
Die Vereinigung jiddischer Polizisten © KiWi

Michael Chabon gilt in Deutschland bisher als Geheimtipp, obwohl sein Roman »Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay« von vielen Lesern gefeiert und 2001 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Obwohl der Autor selbst den Roman als einen hardboiled Krimi betrachtet, konnte Die Vereinigung jiddischer Polizisten (orig: The Yiddish Policemen’s Union) in diesem Jahr zwei der wichtigsten Phantastik-Preise abräumen, den Nebula-Award als bester Roman und den Locus-Award in der Kategorie SF-Novel. Als Krimi und Gesellschaft-Utopie hat Chabons neues Werk sicherlich gute Chancen, ein breit gefächertes deutsches Publikum zu begeistern.

So hätte die Zeitgeschichte aussehen können: Drei Monate nach der Ausrufung des Staates Israel, bricht dessen Verteidigung zusammen und die Juden werden erneut vertrieben. Im hohen Norden Amerikas, in Alaska bauen sie sich eine neue Heimat auf, Sitka erhält eine zeitlich begrenzte Autonomie. Dieser Sonderstatus nähert sich nun seinem Verfallsdatum, in knapp drei Monaten soll Sitka wieder zu Alaska gehören. Man munkelt, dass höchstens vierzig Prozent der jüdischen Bevölkerung ein Bleiberecht erhält. Wer nicht über familiäre Kontakte in anderen Staaten unter kommen kann, wird erneut heimatlos sein.

Ein ermordeter »Tzaddik ha-Dor« (Gerechter seiner Generation)

Einer von ihnen ist der Alkoholiker und Polizist Meyer Landsman, der im schäbigen Hotel Zamenhof residiert. Einer seiner Mitbewohner, ein Junkie, der sich nach dem Schachgroßmeister Emanuel Lasker benannt hat, wird erschossen in seinem Zimmer aufgefunden. Als Frank kannte man ihn im Schachclub »Café Einstein«, wo er regelmäßig den alteingesessenen Spielern das Geld für einen Schuss abzockte.

Die Spur führt Landsman und seinen halbindianischen Partner Berko Shemets zu den Verbovern, einer ultraorthodoxen jüdischen Sekte. Der Ermordete war der Sohn des Rabbi Shpilman und galt als hoch intelligenter Mensch, der die Gabe hatte, Segen zu erteilen. Was hat Mendel Shpilman in die Drogensucht getrieben und schließlich zu seiner Ermordung geführt? Landsmans und Shemets Ermittlungen kommen dem religiösen Übereifer der Verbover »Schwarzhüte« in die Quere.

Ein Alternativweltroman der besonderen Art

Michael Chabon verändert in Die Vereinigung jiddischer Polizisten wesentliche Ereignisse der modernen Zeitgeschichte. Dabei erwähnt er einen Atombombenabwurf 1946 auf Berlin eher beiläufig, denn im Mittelpunkt steht die Entwicklung der jüdischen Kultur in der abgeschiedenen Enklave in Alaska.

Statt Hebräisch ist Jiddisch ist die Sprache der Sitka-Juden und auch in Chabons Roman allgegenwärtig. Die Menschen gehören vielerlei Gruppen an, die die jüdischen Gesetze mehr oder weniger strikt befolgen, andere widerum praktizieren ihren Glauben lediglich an den Feiertagen. Vor allem die jiddischen Sprache und auch die Fremdartigkeit der jüdischen Kultur machen es dem Leser etwas schwer, in den Roman hinein zu finden. Zunächst sucht man recht häufig in dem gut sortierten Glossar nach der Übersetzung oder Erklärung eines Begriffs. Doch die Mühe lohnt sich. Bald fühlt man sich in dieser mit viel Selbstironie und Liebe zum Detail gezeichneten Umgebung heimisch und genießt den rabenschwarzem Humor. Dafür sorgen schon die charismatischen Figuren.

Sympathisch und skurril

Da wären einerseits der Slivowitz trinkende Landsman, der wie der Antiheld des klassischen Noir-Krimis herüber kommt. Aus Zugehörigkeitsgefühl zu dem ebenfalls gescheiterten Schachgenie, verfolgt der Polizist den Mord, auch nachdem sein Boss und Ex-Ehefrau Bina Gelbfish den Fall ad acta gelegt hat. Als Vorzeigepolizist agiert Berko Shemets, ein orthodoxer Jude und Halbindianer, der Ehefrau und Kinder hat und sich gute Chancen ausrechnet, in Sitka bleiben zu können. Dazu gesellen sich die jüdische Polizeichefin mit Sinn für das Praktische und der kleinwüchsige und großmäulige Indianer-Cop Willie Dick. Die Figuren in Die Vereinigung jiddischer Polizisten überzeichnet zu nennen, wäre untertrieben. Wirklich jedes jüdische Klischee wird bis zum geht-nicht-mehr persifliert. Dennoch fällt die Identifikation mit diesen schrägen und liebenswerten Vögeln leicht.

Der Antiheld kriegt ständig auf die Mütze und wächst immer mehr über sich hinaus. So enttarnen Landsman und seine Mitstreiter den Tod des Mendel Shpilman als Teil eines terroristischen Komplotts, das der weltpolitischen Landkarte einen komplett veränderten Anstrich verleihen soll.

Beißender Spott und …

Sarkasmus sind die vorherrschenden Stilmittel, mit denen Michael Chabon seinen aberwitzigen Krimi erzählt.

»Ich bin bestimmt kein gläubiger Mensch, weiß Gott nicht« wirft Dick ein. »Aber ich fühle mich zu dem Hinweis genötigt, dass der Messias schon mal da war und ihr Schweine den Hurensohn abgemurkst habt.«

Bitterböse zieht der Autor, der natürlich selbst Jude ist, über den Eskapismus seiner Glaubensbrüder her und karikiert sie in einer dem Untergang geweihten, fiktionalen jüdischen Welt. Zugleich ist diese Schauplatz eines absurden und doch logischen Krimi-Plots, den der Autor schrittweise aufbaut und mit einem exaltierten Finale abrundet.

Die Vereinigung jiddischer Polizisten ist ein im doppelten Wortsinn phantastischer Kriminalroman. Diese schrill erzählte, irreale Satire gehört schon jetzt zu den Kultromanen und Michael Chabon zu den Autoren, die die Literatur-Szene mit ausgefallenen Ideen bereichern.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.krimi-couch.de

Die Vereinigung jiddischer Polizisten
Michael Chabon
Alternativwelten
Kiepenheuer&Witsch
2008
432

Funtastik-Faktor: 95%

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