Aphilie – Darlton, Ewers, Kneifel, Mahr, Vlcek, Voltz

Leben ohne Gefühle

Aphilie © Pabel Moewig-Verlag
Aphilie © Pabel Moewig-Verlag

Im Jahr 3540 steht die Bevölkerung der Erde im Bann der Aphilie *. Reine Vernunft und Urinstinkte bestimmen das Verhalten der Terraner, Gefühle zählen nichts mehr. Auch Reginald Bull ist der Aphilie verfallen: Er entmachtet seinen Freund Perry Rhodan und treibt ihn mit mehr als tausend Begleitern in die Verbannung. Auf der Erde greift die Aphilie indessen unaufhaltsam um sich – sechs Autoren zeigen ihre Auswüchse in unterschiedlichen Bereichen der lieblosen Gesellschaft. Die Immunen sammeln sich, um zu überleben. Als es Bull gelingt, die Fessel der Aphilie abzuschütteln, wird er ebenfalls zum Gejagten.

Plädoyer für immer wieder und mehr Perry Rhodan

Die Idee zur Aphilie stammt von Kurt Mahr, veröffentlicht im Heftroman 700 im Januar 1975. In dem Silberband 81 finden wir Altväter der deutschen Science Fiction wie Clark Darlton, H. G. Ewers, Hans Kneifel, Kurt Mahr, Ernst Vlcek und William Voltz. Wer etwas in dem Metier bewandert ist, weiß spätestens jetzt, dass ihn ein klassischer Stoff erwartet.

Wie in den meisten Perry-Rhodan-Werken geht es – gleichgültig, welche zukunftsweisende technische Raffinesse auftaucht – um den Umgang der Menschen miteinander. In dem Zustand der Aphilie ist dieser hart und herb. Kein Lachen, keine Farben in den Straßen, keine Musik. Spätestens wenn es um die Stummhäuser geht, die Komplexe, in die die Alten abgeschoben werden, sträuben sich dem Hörer bzw. Leser die Nackenhaare und es schaudert ihn. Materiell fehlt es den Insassen an nichts. Da die Aphiliker an anderen kein Interesse haben, fällt ihnen selbst nicht einmal auf, dass sie sich zu Tode langweilen. Ein selbstbestimmtes Altern gibt es nicht, weil die Logik das verbietet.

Dabei bezeichnen sich die Aphiliker selbst als weise und Regierungschef Reginald Bull – bester Freund und Weggefährte Perry Rhodans von Anfang an – als „Licht der Vernunft“.

Diese sechs im Silberband neu veröffentlichten Hefte zeigen zum einen die Perversion der gefühlskalten Menschen und zum anderen die Aktionen der wenigen übrig gebliebenen Immunen. Gefühllose Mütter bringen ihre Neugeborenen in Wärmekapseln. Die Kinder wachsen in Heimen auf. Jeder, der als immun oder non-aphil erkannt wird, darf ungestraft umgebracht werden.

Outsider jagen Kranke, Alte und Immune um des Profits willen. Zwei davon schließen sich zusammen. Sie verbindet nur die sexuelle Gier aufeinander. Alle sechs Autoren lassen den Leser mitfiebern. Sie schaffen Charaktere, die wir lieben, respektieren, verachten oder verurteilen. Ihre Handlungen und Gedanken regen wiederum uns zum Nachdenken an. Die Immunen verkörpern das Prinzip Hoffnung für alle Menschen. Da gibt es das einzige Liebespaar, Sergio Percellar und Sylvia Demmister. Gemeinsam bilden sie das „Buch der Liebe“. Rezitieren sie es, fühlen sogar Aphile während der Rezitation etwas. Logisch, dass die beiden gejagt werden und logisch, dass sie nach Borneo gelangen wollen in die Kolonie, die Roi Danton, der Sohn Perry Rhodans führt. Er blieb auf der Erde, um Wege zu finden, die aphilen Menschen zu retten.

Die Serie und dieser Silberband gewinnen durch die Sichtweisen verschiedener Autoren auf ein Thema. Es gibt so wahnsinnig viele Facetten. Die Hefte, Bücher, Hörbücher weisen Tiefgang auf und setzen den Hörer unter Spannung.

Ein begnadeter Sprecher

Sprecher Andreas Laurenz Maier füllt ein „nur“ Hörbuch derart mit Leben, dass ich immer wieder das Gefühl hatte, dass unterschiedliche Personen sprechen. Es zeugt von Können, dass er sich merken kann, welche Figur er in welcher Stimmlage wiedergibt und das bei erneutem Auftreten scheinbar mühelos repliziert. Es tauchen selbst im Jahr 3540 jede Menge Menschen auf, die am Rande der Gesellschaft leben. Gerade die schrulligen, „verrückten“ Charaktere liegen ihm, und ich habe seine Interpretation sehr genossen. Gerne wieder.

Wenn es etwas zu bekritteln gibt, liegt das in unserer menschlichen Natur, die voller Gefühle ist. Ich fand, dass Autoren und auch der Sprecher es nicht zu einhundert Prozent geschafft haben, das Nichtvorhandensein von Gefühlen darzustellen. Es gab schon Szenen, in denen ich Hass oder Ehrgeiz wahrgenommen habe. Zum Beispiel in der ganzen Regierungsclique oder als der Großvater dem am Boden liegenden verletzten Jungen helfen möchte.

Enden möchte ich mit den Worten des Rhodan-Schöpfers Clark Darlton alias Walter Ernsting, die er zum 1000. Heftjubiläum schrieb:

„Ein Ende ist noch nicht in Sicht, auch das der Menschheit Zukunft nicht. Vorbei ist’s dann mit allen Kriegen. Vernunft muß über Wahnsinn siegen.“

In 56 Jahren und mit fast 3000 Heften, weit über 200 Romanen, Silberbänden, Planetenromanen und Monaten voller Hörbücher haben die Wesen der Universen und Galaxien es immer noch nicht geschafft, das Goldene Zeitalter zu schaffen: Die Vision von Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung ist noch unerfüllt. Also müssen wir Leser und Hörer dran bleiben. Lasst Euch inspirieren von den Helden und ihren Reisen ins Innen und Außen.

*Als Aphilie, aus griechisch »a« (ohne) und »philia« (Liebe), wurde die seltsame »Krankheit« bezeichnet, unter der die Terraner auf Grund des Waringer-Effektes während des Aufenthalts im Medaillon-System im Mahlstrom der Sterne litten.

Amandara M. Schulzke

Aphilie (Hörbuch)
Perry Rhodan Silberband 81
Clark Darlton, H. G. Ewers, Hans Kneifel, Kurt Mahr, Ernst Vlcek, William Voltz.
Science-Fiction
Pabel Moewig Verlag, Eins A Medien
2012
Hörbuch
193 Tracks

Funtastik-Faktor: 75

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