Berlin-Rostiges Herz – Sarah Stoffers

Steampunk-Sherlock Holmes

Berlin-Rostiges Herz - Sarah Stoffers © Amrûn Verlag
Berlin-Rostiges Herz © Amrûn Verlag

Erfinderin Mathilda hat sich nach vielen Jahren fest vorgenommen, ihrer Schulfreundin und geheimen Jugendliebe Rosa an deren Geburtstag ihre Liebe zu gestehen. Der begabte Zauberer Fidelio, der kurz vor seiner Meisterprüfung steht, trägt aufgeregt einen Verlobungsring für Rosa in der Tasche. Bevor beide dazu kommen, ihren Plan auszuführen, geschieht ein Mord. Mathilda gilt als Hauptverdächtige und flieht durch das verfallene Berlin des zweiten Zeitalters. Sie und Fidelio wollen jeder für sich die Wahrheit heraus finden. Dabei geraten sie in den Strudel der Feindschaft zwischen den Erfindern, die vor Jahrhunderten den Supergau ausgelöst hatten und den Zauberern, die die Menschen vor den Erfindern beschützen.

Steampunk-Postapokalypse in Berlin

Mathilda hatte klein beigegeben vor der Wacht, der Geheimpolizei Berlins. Sie baut und repariert nur noch Kleinteile. Der große Traum vom Fliegen mit einem Himmelsstürmer liegt brach. Ihr Cousin Ismail versuchte, sie für die Rebellion und Revolution zu gewinnen. Rosa zuliebe verweigerte sie sich. Fidelio trägt das Geheimnis seiner Abstammung mit sich herum. Doch welche Rolle spielen die Großmeister der Zauberer, was versteckt die Wacht in den Katakomben der Stadt? Und dann gibt es die undurchsichtige Artistin Ling, die alle paar Monate im schwimmenden Viertel auftaucht.

Die postapokalyptische Stadt Berlin des zweiten Zeitalters füllt die Autorin Sarah Stoffers mit Phantasie, Liebe und Detailreichtum. Der Leser riecht den Duft oder den Gestank der verschiedenen Stadtviertel förmlich. Er sonnt sich auf den vornehmen Plätzen der Zuckerbäcker und passt auf, wohin er seine Füße in den maroden Gegenden setzt. Er klettert über wackelige Stege und Brücken und verschwindet im Moloch der Arena, die als Ruine aus dem ersten Zeitalter überdauert hat. Die Berliner feiern gern, zum Beispiel die neueste Kreation des Zuckerbäckers Güldenstern – mit einem Macaron aus seinem Hause war Rosa vergiftet worden. Es wimmelt von Menschen in Anzügen, Kostümen und Nadelstreifen, gewagten Hüten und zig Accessoires, die die Welt des Steampunk ausmachen. Dazwischen die Trillerpfeifen der Gendarmen und Wachtmeister auf der Jagd nach dem Mörder.

Ismail: „Wir sind die Guten in dieser Geschichte. Alles, was wir wollen, ist endlich Grechtigkeit.“ [S. 227]

Liebe unter Frauen und Jagd auf einen Mörder

Mathilda und Fidelio sind nicht nur Konkurrenten um Rosas Liebe, sondern Feinde und symbolisieren damit den jahrhundertealten Konflikt zwischen Rostfressern und Fingerschnipsern. Aus diesem Status quo entsteht ein Spannungsbogen, der die ersten drei von fünf Teilen dominiert. Sie stellen sich auf ihrer eigenen Suche nach dem Mörder ihrer Vergangenheit und entdecken Schritt für Schritt im Roman, was sie wahrhaft vom Leben wollen. Beide überdenken ihre Ziele ernsthaft und erlangen Erkenntnisse über sich selbst. Das hebt die Geschichte aus einer simplen Schnitzeljagd hervor. Genauso innig, wie Stoffers das Ambiente zeichnet, gibt sie den Protagonisten Gesicht, Gefühle, Vergangenheit, Triebe und Geheimnisse. Selbst die Nebencharaktere fallen durch eine detaillierte Beschreibung mit Verstand und Gefühl auf.

Die Hamburger Autorin kann bildgewaltig schreiben, das bereitet große Freude den ganzen Roman hindurch. Sie erfindet überraschende Bilder und Vergleiche. Doch zeigt sich ein Wermutstropfen des Buches. Es wimmelt vor lauter unnötigen Tippfehlern, so, als wäre es überhaupt nicht Korrektur gelesen worden. Das stört den Lesefluss auf manchen Seiten nachhaltig.

„Berlin – Rostiges Herz“ mit seiner zwingenden Story ist ein nicht-aus-der-Hand-legen-können-Roman. Was sich die Autorin alles ausgedacht hat: Jesses! Sie führt den Leser permanent in die Irre. Nachdem er den Hauch einer Idee hat, wer der beziehungsweise die MörderIn sein könnte, platzt die Seifenblase ein paar Kapitel später. Wie in einem guten Gesellschaftskrimi erwarten den Leser Intrigen, Lügen, Geheimnisse, unklare Loyalitäten und die Liebe. Ob es einen zweiten Band geben wird? Ein Geheimnis wartet auf seine dringende Auflösung.

Amandara M. Schulzke

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Berlin: Rostiges Herz
Sarah Stoffers
Steampunk
Amrûn Verlag
Oktober 2018
425

Funtastik-Faktor: 76

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