Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Die Geschichte von Gondolin

Der Fall von Gondolin - J.R.R. Tolkien © Klett-Cotta
Der Fall von Gondolin © Klett-Cotta

Die Handlung ist im Ersten/Ältesten Zeitalter Mittelerdes verortet. Die Noldor-Städte von Beleriand sind nach und nach in die Hände Melkos (auch: Morgoth) gefallen und zerstört worden. Als nur noch Gondolin bleibt, eine gut versteckte Stadt, über deren Lage Melko nichts weiß, schickt der Meeresgott Ulmo Tuor dorthin. Tuor soll den Elben-König Turgon vor dem bevorstehenden Angriff durch Melko warnen. Er verliebt sich in Turgons Tochter Idril. Gondolin wird von Meglin verraten, der seine Cousine Idril vergeblich begehrt und aus Rache Melko die Lage der Stadt bekannt gibt. Melko schickt eine Armee aus Orks, Drachen und Balrogs, um Gondolin zu vernichten. Tuor und Idril gehören zu den wenigen Überlebenden der Zerstörung. Durch ihren Sohn Earendel (auch: Earendil), Vater von Elrond und Elros, wird es später möglich, Melko zu besiegen.

Das Buch und seine Gestaltung

Im Vorwort zu „Beren und Lúthien“ mutmaßt J.R.R. Tolkiens Sohn und Herausgeber der nachgelassenen Bücher, Christopher, es werde wohl sein letztes Werk sein. Im Vorwort zu „Der Fall von Gondolin“ aktualisiert der nunmehr 94-Jährige, dieses Buch werde es wohl „sicherlich“ sein.
In der Covergestaltung reiht sich „Der Fall von Gondolin“ ein in das Konzept, dem auch die beiden Bände „Die Kinder Húrins“ und „Beren und Lúthien“ folgen:

Goldrahmung auf Vorderseite Buchrücken und Rückseite, Autorenname in Goldprägung, Umschlagbild des bekannten Illustrators Alan Lee, der für seine Designs zu Peter Jacksons Verfilmung des Herrn der Ringe den Oscar erhalten hat. „Der Fall von Gondolin“ ist angereichert mit acht ganzseitigen Farbabbildungen und 15 schwarz-weißen Illustrationen Lees. Mit der Gondolin-Erzählung liegen die drei „Großen Geschichten der Ältesten Tage“ in einheitlicher Aufmachung vor.

Der Inhalt des Buchs

Christopher Tolkien ordnet die Gondolin-Erzählung in das schriftstellerische Werk seines Vaters ein, bevor er im Prolog Grundlagen liefert, die von der Entsendung der Neun Valar, der Lenkung der Welt und dem Beginn des Ersten Zeitalters handeln.
Der Prolog enthält auch „Die Flucht der Noldoli aus Valinor“, ein in Stabreimen verfasstes Gedichtfragment, das nach 150 Versen abbricht. Wie bereits in einigen Verserzählungen zuvor, hat der Verlag sowohl das Original wie auch die deutsche Übertragung abgedruckt.
Daran schließt der Hauptteil an, DER FALL VON GONDOLIN überschrieben. Dieser Teil enthält die Geschichte in all ihren überlieferten Formen beziehungsweise Entwicklungsphasen in chronologischer Folge mit Einleitungen und Kommentaren Christopher Tolkiens.

„Die ursprüngliche Geschichte“ erzählt auf 83 Seiten und in einem Stück, wie Ulmo Tuor nach Gondolin schickt, der verborgenen Elbenstadt. Zuvor veröffentlicht wurde dieser Text als „Der Fall von Gondolin“ in „Das Buch der verschollenen Geschichten, Teil 2“ (Teil III, S.221ff.). Tolkien schrieb die Ursprungsfassung während eines Hospitalaufenthaltes, nachdem er im Ersten Weltkrieg die Schlacht an der Somme 1916 überlebt hatte (mehr dazu in „Tolkien und der erste Weltkrieg“ –  John Garth). Über Tuor erfahren wir in dieser Fassung der Geschichte, dass er ein hervorragender Musiker ist.

Es folgt „Der früheste Text“, eine Einführung mit Anmerkungen zu den Notizen J.R.R. Tolkiens, dann auf fünf Seiten ein überarbeiteter Text „Turlin und die Verbannten von Gondolin“, auf weiteren fünf Seiten „Die Geschichte in der Fassung der Skizze der Mythologie“ von 1926. Hierin entdeckt Melko das versteckte Tal, in dem Gondolin liegt, bevor Meglin von den Orks gefangengenommen wird und dessen Standort verrät. Auch über Tuors Abstammung erfahren wir hier etwas. Auf 16 Seiten schließt die „Geschichte in der Fassung der Quenta Noldorinwa“ an, ein Silmarillion-Text. Dieser folgt der Darstellung der vorhergehenden Skizze und arbeitet Tuors Pfad stärker aus.

Schließlich bietet „Die letzte Fassung“ auf 62 Seiten einen Text, der ausführlich von Tuors Jugend berichtet und in dem die Bezüge zu „Der Herr der Ringe“ am schönsten sichtbar sind. Christopher Tolkien beschäftigt sich in den anschließenden Kapiteln unter Verwendung von Quellen J.R.R. Tolkiens mit der Entwicklung und den verschiedenen Enden dieser Geschichte. „Die letzte Fassung“ bietet einige schöne Beschreibungen, sie bricht jedoch abrupt ab, weil Tolkien das Thema nicht weiterbearbeitet hat. Christopher Tolkien gibt einen Ausblick darauf, was, den Aufzeichnungen seines Vaters folgend, der Fortgang der Geschichte hätte werden können. Ferner lesen wir einige Hinweise zu möglichen anderen Entwicklungen und Details, die weggelassen wurden.

Zum Abschluss gibt es einen umfangreichen Anhang mit einem Namensverzeichnis, weiteren Anmerkungen und zwei Stammbäumen der Fürsten der Noldor und des Hauses Beor. Weiter ist eine Karte von Beleriand und Umgebung beigelegt.

Die dritte große Erzählung des Ersten Zeitalters

Zum ersten Mal ist diese für Tolkien wichtige Geschichte, die letzte der drei großen Geschichten des Ersten Zeitalters, als Einzelveröffentlichung erhältlich. Bislang war das Material in verschiedenen Publikationen und nur zum Teil in deutscher Übersetzung zugänglich.
Christopher Tolkien bringt eigener Aussage zur Folge mit „Der Fall von Gondolin“ ein Jahrzehnte währendes Projekt zu Ende, in dessen Verlauf er kritisch durchgesehene und kommentierte Ausgaben der Arbeiten seines Vaters herausbrachte, die dieser zu Lebzeiten nicht fertigstellte. „Der Fall von Gondolin“ folgt „Beren und Lúthien“, welcher am zehnten Jahrestag von „Die Kinder Húrins“ veröffentlicht wurde. Ein wenig überraschend wurden diese beiden Bücher internationale Bestseller im Kielwasser der Ringe-Trilogie von Peter Jackson.

Keine durchgehende Geschichte

Wenn man die einzelnen Stücke gelesen hat, stellt man fest, dass Tolkien unglücklicherweise die Gondolin-Erzählung nicht vollendet hat. Er hinterließ mehrere Versionen der Geschichte, geschrieben von 1916 bis 1951. Christopher Tolkien erklärt die Unterschiede zwischen den Versionen und warum sein Vater im Zeitverlauf konzeptionelle und inhaltliche Änderungen vorgenommen hat.
Die Lektüre des Buchs hat Ähnlichkeiten mit der Arbeit in einer archäologischen Ausgrabungsstätte. Neben zwei großen finden sich kleinere Stücke, die sich in vielfältiger Weise zusammensetzen oder in die Nähe eines größeren Stückes bringen lassen.
Das Buch lässt sich natürlich von der ersten bis zur letzten Seite auf traditionelle Weise lesen. Die knapp vierzig Seiten, auf denen Christopher Tolkien transparent und detailreich „Die Entwicklung der Geschichte“ erörtert, bietet einen brauchbaren Ausgangspunkt für eine Tolkiens Argumenten nachspürende Lektüre. So gelingt es, ohne dass Unmengen von Material vorliegen und mit viel Aufwand durchforstet werden müssen, tiefer in Details vorzudringen, sich in offener Weise mit den Möglichkeiten der Texte auseinanderzusetzen. Die große Stadt Gondolin lernen wir nicht in voller Pracht kennen. Wir können uns lediglich fragmentarische Vorstellungen bilden.
Sollte die Arbeit mit dem Text dann doch einmal ein wenig anstrengen, bieten die schönen Farb-Illustrationen von Lee eine willkommene Entspannung.

Eine Rezension von Almut Oetjen

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Der Fall von Gondolin
J.R.R Tolkien, Hrsg.: Christopher Tolkien, Übersetzer: Helmut W. Pesch
Fantasy
Klett-Cotta
August 2018
352

Funtastik-Faktor: 80

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