Die Flucht – Ally Condie

Steinige Wege und schwierige Entscheidungen

Flucht„Die Flucht“ ist der zweite Teil der Young Adult Dystopie Reihe „Cassia und Ky“ von der in Utah lebenden Autorin Ally Condie. Die Autorin führt ihre Geschichte um den Ausbruch zweier junger Menschen aus einer repressiven Gesellschaft, die sogar die Wahl des Lebenspartners diktiert, nun in eine andere Richtung. Aus der komfortablen Siedlung der Gesellschaft im Auftaktband „Die Auswahl“ geht es für Cassia und Ky nun in die lebensfeindlichen Canyons.

Ky wird aufgrund seines Status als Aberration in den Kampfgebieten der äußeren Provinzen als Kanonenfutter verheizt. Schon viel zu viele seiner Kameraden musste er begraben und er weiß, es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Feind ihn erwischt. Eine Flucht ist die einzige Chance zu überleben und ein möglicher Weg zu Cassia. Gemeinsam mit Vick, ebenfalls ein Überlebenskünstler und Eli, der ihn an Cassias Bruder erinnert, flieht Ky in die Canyons. Hier kennt er sich aus, denn hier war er einst zuhause. Sein Vater gehörte dem Widerstand, der sogenannten Erhebung an. Als der ein zu hohes Risiko einging, wurde die ganze Siedlung ausgelöscht, allein Ky überlebte. Die Erhebung kam nicht zur Hilfe. Das kann Ky ebenso wenig verzeihen, wie die Schuld seines Vaters am Tod der Dorfbewohner. Ky, Vick und Eli entdecken eine verlassene Farm und lernen Hunter kennen. Auch er hat wenig für die Erhebung übrig.

Cassia hat im Arbeitslager ein klares Ziel vor Augen; nämlich Ky zu finden und mit ihm der Erhebung beizutreten. Ausgerechnet ihr von der Gesellschaft zugewiesener Partner Xander verhilft ihr zu Hinweisen, wo die Erhebung zu finden ist. Mit Indie gelingt ihr die Flucht in die Canyons, doch der Weg ist beschwerlich. Können Xanders blaue Pillen den Hunger und die Strapazen bewältigen helfen? Was hat ihr Großvater über die Erhebung gewusst? War auch er im Widerstand? Fragen, auf die Cassia Antworten finden will, sobald sie wieder mit Ky vereint ist.

Zwischen dem was war und was kommt

» An einem Ort jenseits der Grenzen auf der Landkarte der Gesellschaft wird der Steuermann ewig leben und lenken«
[S.77]

Ihrem angenehmen ruhigen Erzählstil ist die Amerikanerin Ally Condie in „Die Flucht“ treu geblieben. Obwohl es an dramatischen Ereignissen nicht mangelt, kommt die Geschichte mit wenigen aktionsreichen Szenen aus. Es treten keine strahlenden Helden hervor, die die Welt aus der Diktatur der Gesellschaft befreien. Im Mittelpunkt stehen zwei junge Menschen, die sich nicht lieben dürfen und erkannt haben, wie inhuman ihre vermeintlich perfekte Gesellschaft ist.
Die Autorin erzählt „Die Flucht“ in kurzen Passagen abwechselnd aus Cassias oder Kys Perspektive in Ich-Form. Über Seiten begleitet der Leser die Gedanken und Gefühle der Protagonisten und kommt ihnen dadurch sehr nah. Gerade Kys Vergangenheit nimmt einen breiten Raum ein und zeigt seine vielschichtige Persönlichkeit. Entschlossen und mutig einerseits, aber auch verunsichert und gebrochen. Wir erleben hautnah, wie die Erlebnisse an ihm Spuren hinterlassen. Auch Cassia reift durch das raue Leben außerhalb der Gesellschaft zu einer selbstbewussten Frau, doch ihr fehlen die Ecken und Kanten, die Ky so authentisch machen. Sie hat ihr Ziel klar vor Augen und ihre Entschlossenheit treibt sie voran. Allein die Tatsache, dass sie Ky einst eine gefährliche Arbeit zuteilen musste, lässt sie innerlich zweifeln.
Abgesehen von der Flucht aus der Gesellschaft, drückt sich der Freiheitsgedanke, der diesem Roman zugrunde liegt, hier am stärksten in der Poesie aus. Cassia lässt sich von jenen Gedichten, Geschichten und Liedern inspirieren, die nicht zu den einhundert genehmigten Werken der Gesellschaft gehören. In „Die Flucht“ kommt dem Gedicht „Überqueren der Barre“ von Alfred Lord Tennyson eine zentrale Rolle zu. Die letzten zwei Verse

»So hoffe ich, wenn ich die Barre überquert, Ihm, meinem Steuermann, ins Gesicht zu blicken.« [S.11]

geben Cassia ein Ziel. Nämlich das, die Widerstandsbewegung gegen die Gesellschaft zu finden, von der die Flüchtlinge nicht einmal wissen, ob es sie noch gibt. Der Steuermann wird zum Symbol für die Erhebung und die Frage, wer dahinter stecken könnte, treibt Cassia um.

Zweifel und Ratlosigkeit

„Die Flucht“ wirft den Leser ohne Einleitung mitten in eine rundum verwandelte Geschichte hinein, was den Wiedereinstieg etwas erschwert. Zudem erscheinen bereits bekannte Aspekte der Story in einem anderen Licht. Der Konflikt der Dreiecksbeziehung mit Xander erhält neue Nahrung und auf Cassias und Kys Liebe fallen Schatten des Misstrauens. In der zweiten Hälfte des Buchs geht hauptsächlich darum, zu entscheiden, wohin die Flucht führen soll. In der finalen Phase entgleitet der Autorin die Story. Was man an Erkenntnissen aus der Storyentwicklung mitgenommen hat, erscheint auf einmal unwichtig. Dagegen bleiben Aspekte, die den Leser schon zu Anfang ins Grübeln gebracht haben, unhinterfragt. So bleibt dieser Mittelteil der Trilogie den runden Abschluss schuldig. Es wirkt fast so, als hätte das Ende an einem Wendepunkt ankommen müssen, ohne dass der Autorin dafür genug Entwicklungsspielraum geblieben wäre.

Fazit:

Cassias und Kys Flucht in die Canyons und die Suche nach der Erhebung gestaltet sich in vielerlei Hinsicht schwierig, was die Handlung nicht nur spannend macht, sondern auch dramatische emotionale Momente hineinbringt. Allerdings sind einige Geschehnisse im Finale schwer nachzuvollziehen und man hofft, dass der dritte Teil „Die Ankunft“ Erklärungen mitbringt. Insgesamt bleibt der Roman „Die Flucht“ jedoch als ein wunderbar geschriebenes, poetisches und düster romantisches Abenteuer in Erinnerung, das Lust auf das Cassia und Ky Finale macht.

Eva Bergschneider

Die Flucht
Cassia und Ky-Band 2
Ally Condie
Science-Fiction
Fischer
2012
464

Funtastik-Faktor: 68%

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar