Drachenelfen – Bernhard Hennen

Elfen und kein Ende – das Prequel zur Saga

Drachenelfen © Heyne
Drachenelfen © Heyne

Die beste Bogenschützin der Elfen, Nandalee erwischt den falschen Troll, einen Prinzen an einem heiligen Ort. Sie muss ihre Sippe verlassen. Der Drachenelf Gonvalon rettet sie vor dem Erfrieren und bringt sie zu seinen Herren, den Drachen. Fasziniert sind diese von der Elfe. Sie hat enorme Schwierigkeiten ihr verborgenes Auge zu öffnen. Aber ihre Gedanken sind für die Drachen, die mit ihren Kriegern, den Drachenelfen und Schülern überwiegend telepathisch kommunizieren, nicht lesbar. Nandalee ist anders – und gefährlich. Das wird besonders deutlich, als sie erneut tötet, dieses mal einen Mitschüler. Sie wird in die „Weiße Halle“ umgesiedelt und soll dort den Schwertkampf erlernen. Erneut wird sie abberufen. Der „Dunkle“ nimmt sie mit auf die Jagd nach einem Mörder, der es auf die Alben abgesehen hat.

Bauer Artax wurde in den Körper eines Unsterblichen transferiert. Wie ein Schizophrener hört er die Stimmen seiner Vorgänger. Doch so will er nicht werden, kein drakonischer Herrscher sondern ein Weltenverbesserer. Die Zeit dafür scheint gekommen, als er Prinzessin Shaya vom Volk der Ischkuzaia trifft und mit ihr ein Geheimnis der fremden Welt Nangog ergründet. Doch er muss sich auf eine gigantische Schlacht vorbereiten.

Intrigen und düstere Prophezeiungen machen beide Hauptfiguren, Elf und Mensch, zum Spielball im Machtkampf der Menschengötter und Drachen. Jedoch greift noch eine weitere Partei in die Speichen des Schicksals der Welten Albenmark, Daia und Nangog.

Krieg der Götter

Nicht weniger als acht „Elfen“-Romane hat der Autor Bernhard Hennen bereits verfasst. Den ersten Zyklus „Die Elfen“ mit fünf Bänden, den zweiten „Elfenritter“ mit drei Bänden, nun geht eine weitere Trilogie „Die Drachenelfen“ an den Start. Im Fahrwasser des High Fantasy-Hypes nach der „Herr der Ringe“-Verfilmung entstanden, gelten die Elfen als ein Standardwerk der deutschen Völkerfantasy. Bernhard Hennen schaffte es- sich aus Tolkiens Schatten zu lösen, indem er eigene komplexe Fantasy-Welten, durch magische Verbindungswege die „Albenpfade“ miteinander verbunden, erschuf und diese zwar mit den klassischen Völkern wie Zwerge, Trolle und eben Elfen besiedelte, ihnen aber eine eigene und sehr weitreichende Geschichte und Kultur verlieh. „Die Drachenelfen“ erzählt nun die Vorgeschichte der „Elfen“-Reihe. Wir erfahren, welche Rolle ihnen in der Neuordnung des Multiversums um die Albenmark zugedacht war, was sich in der Welt der Menschen (Daia) und einer eigentlich den Göttern vorbehaltenen dritten Welt (hier Nangog, später die Zerbrochene Welt) zugetragen hat. Es sind die Götter dieser Welten, denen hier eine zentrale Rolle zukommt, denn wir erfahren, wie es zum großen Krieg zwischen den Alben und den von ihnen erschaffenen Unsterblichen, den Drachen und Devantharen gekommen ist. Genügend Stoff also für ein weiteres großes Epos mit faszinierenden Abenteuern und Heldentaten.

Vertraut und doch anders

Eine besondere Stärke des Autors, die zur Originalität der Elfen-Werke im Vergleich zu vielen anderen Völker-Fantasy Büchern beigetragen hat, ist seine wertfreie Gestaltung der Charaktere. Einige der Figuren in „Drachenelfen“ sind vielleicht noch ambivalenter gezeichnet, als die der anderen Elfen-Bücher. Zudem fällt auf, dass die Elfen hier keineswegs zentral agieren, sie sind nur eines von vielen Völkern, die die Handlung prägen.

Die Hauptfiguren sind die Elfe Nandalee und der Mensch Artax. Beide begegnen sich nur kurz, haben aber etwas gemeinsam. Denn beide sind in ihrer Rolle gefangen, weigern sich jedoch sich der Übermacht ihrer Herren zu beugen.

Artax ist bereits als widersprüchliche Person angelegt, denn er ist ein einfacher, rechtschaffener Bauer, der sich plötzlich im Körper eines Unsterblichen, des Despoten Aaron wiederfindet. Wir erleben, wie Artax sich mit und in dieser Rolle entwickelt, wie er an den inneren Stimmen seiner „Vorgänger“ fast zerbricht und mit ihnen umzugehen lernt. Wie er strauchelt, aber trotz aller Zwänge lernt, seine eigenen Moralvorstellungen in seine Entscheidungen als Herrscher einzubringen. Wie er sich mutig den Intrigen der Götter, den mystischen Gefahren Nangogs und nicht zuletzt der Liebe stellt. Artax kommt einer Identifikationsfigur am nächsten. Dennoch ist auch sein Handeln nicht immer nachvollziehbar, was zu seiner Person und Rolle passt. Mit ihm als Hauptfigur kann sich der Leser auf manche Überraschungen freuen.

Nandalee hat Hennen vielleicht ganz bewusst von den anderen Elfen in seinen Romanen abgegrenzt, denn sie kommt oft wenig „elfisch“ herüber. Zu unbeherrscht, vielleicht zu menschlich sind oft ihre Äußerungen und Aktionen. Auch sie ist an den Dienst für die Drachen gebunden, was ihr als freiheitsliebende Jägerin äußerst schwer fällt. Dazu kommt das ihr eine noch nicht näher beschriebene besondere Macht innewohnt. Diese führt einerseits dazu, das selbst die Drachen sie nicht so kontrollieren können, wie ihre anderen Krieger. Andererseits tötet Nandalee unabsichtlich oder fremdbestimmt einen Mitschüler, und auch der tödliche Schuss auf den Troll mag nicht zufällig getroffen haben.

Ausgespart hat der Autor eine detaillierte Beschreibung der Gesellschaft der Elfen. Keine der bekannten Städte wird genannt, sie leben in einfachen Sippen und wenden normalerweise keine Magie an. Insgesamt wirken die Elfen kulturell noch nicht so weit entwickelt, was im Gesamtkonzept der Elfen-Bücher Sinn macht. Soweit hat Hennen sich, was seine Figuren angeht, einerseits von seinen bisherigen Büchern abgegrenzt und dennoch den Elfen-Kanon nicht verlassen.

Mysteriös und unergründlich kommen die Drachen daher. Hennen grenzt sie nicht nur farblich (weiß, smaragdgrün, purpur, golden, lichtblau) voneinander ab, sondern auch charakterlich, als besonnen oder kriegerisch veranlagt. Weise sind sie, sie nutzen ihr Wissen als uraltes unsterbliches Volk und die Gabe der Gazala, die der Vorhersicht. Unberechenbar sind ihre Aktionen, schon weil sie nicht geschlossen agieren, sondern jeweils eigene Interessen verfolgen. Stolz, eigenwillig und launisch wie Diven, aber wie Drachen wirken sie nur bedingt. Noch geheimnisvoller erscheinen die Devanthare, die Götter der Menschen. Intrigant und machtgierig erscheinen sie, weitestgehend bleiben ihre Absichten dem Leser (noch) verborgen. Hoffentlich erfährt man in den Folgebänden etwas mehr über sie, denn allein ihre Verwandlungskunst bietet viel Charakterpotenzial. Ein Wiedersehen gibt es mit den Zwergen, von denen man seit dem ersten Elfen-Band nichts mehr gehört hat. Ihr Auftreten sorgt für viel Humor und auch sie sind mit ihrem Ansinnen, aus Drachenblut und Koboldkäse einen Unsterblichkeitstrank zu brauen, für Überraschungen gut.

Sprachlich ein Genuss

Wir haben es also mit einigen Handlungssträngen zu tun, die zunächst unabhängig voneinander auf verschiedenen Welten spielen und ganz am Schluss auf Nangog zusammenfinden. Die Reisen der beiden Hauptfiguren Nandalee und Artax sind ungemein mitreißend beschrieben. Einen erzählerischer Trick, den man auch von George R. R. Martin kennt, gelingt auch Hennen vorzüglich; nämlich die selbe Handlung aus den  Perspektiven verschiedener Protagonisten zu schildern und dadurch Details zu offenbaren, die das Geschehen in ein anderes Licht tauchen. Trotz der immens hohen Seitenzahl von 1066 Seiten, war lediglich der Einstieg mit Nandalees Aufenthalt in der Höhle des weißen Drachen ist etwas langwierig. Hennen wechselt regelmäßig die Schauplätze und Handlungsebenen, vielleicht etwas zu häufig. Zudem streut er immer wieder kurze Passagen und Sequenzen, in denen er, ganz in Thriller-Manier, den Wegen und Gedanken des mysteriösen „ER“s folgt, oder auch Auszüge aus historischen Chroniken ein. So interessant und kurzweilig diese Einschübe auch sind, oft reißen sie den Leser zu unmittelbar aus einem Geschehen der Haupthandlung heraus. Dadurch wird der Lesefluss unnötig oft unterbrochen und das Gesamtwerk erscheint nicht so kompakt, wie es könnte, hätte Hennen die Kapitel etwas großzügiger strukturiert. Das auch „Drachenelfen“ trotz dieser Zerrissenheit viel Lesevergnügen bietet, liegt nicht nur an den vielschichtigen Charakteren und ihren spannend hintergründigen Abenteuern, sondern auch an der schon häufig gelobten Sprachgewalt des Autors. Seine Liebe zu kleinen Details, die er so plastisch zu beschreiben vermag, das jeder Leser sein Bild von einem Luftschiff, einem Wald, einer Stadt oder einer Höhle vor Augen hat, erschafft wieder die einzigartig dichte Atmosphäre, die alle Elfen-Romane auszeichnet.

Der Kenner der bisherigen Elfen Bücher wird zahlreiche Verweise auf diese finden und sich daran erfreuen, jedoch ist „Drachenelfen“ auch für Neueinsteiger lesbar. Leichter würde der Einstieg in die Drachenelfenwelt allerdings fallen, wenn es ein Glossar gäbe.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Drachenelfen
Drachenelfen - Band 1
Bernhard Hennen
Fantasy
Heyne
2011
750

Funtastik-Faktor: 77%

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