Die Windgängerin – Bernhard Hennen

Menschen, Elfen und Zwerge kämpfen um Macht und Anerkennung

Die Windgängerin © Heyne
Die Windgängerin © Heyne

„Die Windgängerin“ ist der zweite Teil der „Drachenelfen“-Serie, die die Vorgeschichte zum „Elfen“-Zyklus beschreibt. Sie wirft einen Blick in die Zeit bevor die Elfenkönigin Emerelle die Zwerge aus der Albenmark verbannt hat und in der die Völker das Geheimnis des Zauberwebens ergründen wollen. Was zwangsläufig zu Konflikten führt.

Keine Sieger

Als Racheakt an den Zwergen, die einen der ihren getötet haben, planen die Drachen mit ihren Soldaten, den Drachenelfen, die Vernichtung der Zwergenstadt. Nachdem die Drachenelfen-Anwärterin Nandalee erneut als Spionin in Zwergengestalt in die Tiefe Stadt eingedrungen ist, macht sie dort eine Entdeckung, die ihr noch einen persönlichen Grund gibt, die Zwerge zu hassen. Ihr Mentor aus ihrer Zeit als Jägerin ist Gefangener der mächtigen Zwergin Amalaswintha und wird bestialisch gequält. Noch bevor die Elfe Duadan befreien kann, geht der Sturm auf die Zwergenstadt los. Doch das kleine Volk hat eine gigantische Verteidigungsmaschinerie aufgefahren, die unter den vermeintlich überlegenen Gegnern zahlreiche Opfer fordert. Nandalee hingegen lässt die Angst um das Überleben ihrer Sippe eigene Pläne schmieden.

Der Unsterbliche Aaron, in dem der Bauer Artax steckt, rekrutiert Männer vom Land als Soldaten für die Schlacht gegen den Unsterblichen Muwatta, in die ihn der Löwenhäuptige drängt. Dazu gesellen sich die ehemaligen Piraten um Volodi und die zwielichtigen Jaguarmänner. Kann Aaron, der seinerseits für ein gerechteres Daia kämpfen will, diese wenig homogene Truppe in ein schlagkräftiges Heer verwandeln? Oder wird er die Menschen, die von ihm ein besseres Leben erhoffen, sinnlos opfern? Zudem hält Muwatta einen Trumpf in der Hand, Aarons Geliebte Shaya wurde ihm als Ehefrau verkauft.

Nun geht es richtig los

Der Fokus dieses zweiten Bandes um die „Drachenelfen“ liegt im Vergleich zum Auftaktband, welcher die Völker und ihre Konflikte vorgestellt hat, auf mehr Action. Der Roman beginnt und endet mit zwei epischen Schlachten und somit ist ein klarer Rahmen vorgegeben, innerhalb dessen sich die Handlung entwickelt. Noch ein weiterer Aspekt macht dieses zwar deutlich kürzere, aber mit 840 Seiten (plus ausführlichem Anhang!) immer noch opulente Werk flüssiger lesbar; die Schauplätze wechseln weniger häufig. Es gibt nur vereinzelte gedankliche Einschübe der Drachen oder Auszüge aus Chroniken, die die Handlung unterbrechen. Man stellt schnell fest, dass „Die Windgängerin“ die Früchte erntet, die im Auftaktband gesät wurden, die Story wirkt rund.

Wie bereits in der Rezension zu „Drachenelfen“ angemerkt, hat Bernhard Hennen viele interessante Figuren angelegt. Er schickt sie in weitere gefährliche Abenteuer, was ihnen ein hohes Maß an Entwicklung abverlangt. Eine Ausnahme von dieser Regel ist der Bauer Artax alias Aaron, was aber kein Nachteil für ihn ist. Er hat sich in seiner Rolle als Unsterblicher gefunden und setzt sich gegen die inneren Stimmen der vorherigen Unsterblichen durch, was ihn handlungsfähiger macht. Artax hat das Ziel, das Los seiner Landsleute zu verbessern, wird aber in einen Machtkampf der Devanthar gedrängt und versucht diesen für seine Zwecke zu nutzen. Artax kommt hier einer heldentauglichen Figur am nächsten. Man kann sich dennoch des Eindrucks nicht erwehren, dass ihm die wahrhaft schwierigen Prüfungen noch bevorstehen. Seine Heerführer und Soldaten sorgen dagegen für Überraschungen. Es macht Spaß zu verfolgen, wie einfache, kampfunerfahrene Bauern über sich hinauswachsen und sich den Respekt ihrer Offiziere verdienen.

Auch Nandalee wandelt sich enorm. Die Fast-Drachenelfe befindet sich in Zwergengestalt inmitten des Sturms auf die Tiefe Stadt, was ihr in vielerlei Hinsicht die Augen öffnet. Zum einen begreift sie die Grausamkeit dieses Racheakts, andererseits besinnt sie sich auf ihre Verantwortung gegenüber ihrer Sippe. Hennen entwickelt Nandalee von der Rebellin zu einer reiferen und lernfähigen Persönlichkeit, und man erahnt in ihr bereits die Weisheit und Stärke die besondere Charaktere ausmacht. Gonvalon und Shaya werden zu tragischen Helden, man darf gespannt sein, welches weitere Schicksal ihnen der Autor zugedacht hat.

Insgesamt hat sich Hennen in „Die Windgängerin“ verstärkt der Nebenfiguren angenommen, aber auch neue Charaktere hinzugefügt. Das bisher eher negative Bild über die Zwerge relativiert sich, weil wir mehr aus ihrer Perspektive erzählt bekommen. Zudem bereichert der Autor dieses Volk um die selbstbewusste, kultivierte aber auch hinterhältige Zwergin Amalaswintha, einen interessanten und kontrastreichen Charakter.

Große Völkerschlachten prägen das Bild. Wir betrachten die Vorbereitungen zum Krieg und das Kampfgeschehen jeweils aus verschiedenen Perspektiven, aus der Sicht der mächtigen Kontrahenten, bis hin zum kleinen Soldaten. Entsprechend vielschichtig wird der Krieg beschrieben, in all seinen grausamen Facetten, mit allen fragwürdigen Absichten. Auch wenn der Autor nicht mit Blut und Gewalt geizt, stehen stets Gedanken, Gefühle und das Leid der Betroffenen im Vordergrund. Das macht die Schlacht nicht weniger spannend, im Gegenteil. Das Kampfgeschehen erhält emotionale Tiefe und wirkt daher umso bewegender. Im Mittelteil des Romans erleben wir als Kontrastprogramm Nandalees und Shayas persönliche Überlebenskämpfe als Kriegspfand der Mächtigen. Vielleicht sind diese Kapitel noch brutaler, als die über das Sterben auf den Schlachtfeldern.

Insgesamt kommt „Die Windgängerin“ düsterer daher als „Drachenelfen“, was nur folgerichtig für das „große Ganze“ der Rahmenhandlung ist. Der Kontinent Nangog ist dem Untergang geweiht und „Die Windgängerin“ erzählt einen Ausschnitt aus den dramatischen Ereignissen, die dazu führen. Wir befinden uns mitten darin und dürfen uns auf die weitere Reise mit Nandalee, Artax, den Drachen und Zwergen freuen.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits auf www.phantastik-couch.de

Die Windgängerin
Drachenelfen - Band 2
Bernhard Hennen
Fantasy
Heyne
2012
840

Funtastik-Faktor: 80

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