Interview mit Justin Cronin

Über Strukturen, Beziehungen und essentielle Fragen in der Passage-Trilogie

Justin Cronin © Julie Soefer
Justin Cronin © Julie Soefer

„Ich habe einfach vier herkömmliche Formen weiblicher Stärke genommen und auf vier Charaktere verteilt. Amy hat die spirituelle und intuitive Stärke, Sara die mütterliche, Lore die sinnliche und Alicia die der Kriegerin.“

Almut Oetjen  sprach mit Justin Cronin über sein Leben und über die Passage-Trilogie. Ihre Fragen an den Autor thematisieren alle drei Bände, daher waren leichte Spoiler im Interview nicht zu vermeiden.

Phantastisch-lesen: Beginnen wir damit, wer Sie sind. Würden Sie uns etwas über sich erzählen? Soweit ich weiß, sind Sie als Autor von Belletristik angefangen und haben sich mit der Passagen-Trilogie der Genreliteratur zugewandt.

Justin Cronin: Ich bin ein Ehemann, Vater von zwei beinahe erwachsenen Kindern, der zufällig Romane schreibt, damit seinen Lebensunterhalt bestreitet und hierüber sehr glücklich ist.

Phantastisch-lesen: Beschreiben Sie uns bitte einen typischen Arbeitstag als Autor. Sind Sie ein organisierter Autor?

Justin Cronin: Ich bemühe mich, organisiert zu sein. Im Allgemeinen schreibe ich von 9-15 Uhr, treibe danach ein wenig Sport (derzeit schwimme ich überwiegend), hole meinen Sohn von der Schule ab, so sieht ein Tag aus.

Der Übergang - Justin Cronin © Goldmann
Der Übergang © Goldmann

Phantastisch-lesen: Wieviel von der gesamten Story wussten Sie bereits, als Sie mit dem Schreiben von „Der Übergang“, dem ersten Teil der Trilogie, begannen? Lag die Gliederung der Trilogie oder wenigstens des ersten Bandes da bereits vor?

Justin Cronin: Ich hatte einen Entwurf für das erste Buch und Zusammenfassungen für die beiden anderen Teile. Als ich zu den beiden folgenden Teilen überging, plante ich mehr ins Detail.

Phantastisch-lesen: Ihre epische Erzählung ist beeindruckend. Jeder Teil der Trilogie folgt der klassischen Struktur von Anfang, Mitte und Schluss. Innerhalb dieser Struktur jedoch wechseln Sie zwischen Zeiten und Orten vor und zurück. Das übliche Vorgehen, über die Realität zu schreiben besteht in der linearen Textvermittlung, was unserer Wahrnehmung widerspricht. Wie kontrollieren Sie Ihr Material, die Entwicklung von Charakteren und Set Pieces? Arbeiten Sie mit Zeitlinien, Flussdiagrammen oder Spreadsheets?

Justin Cronin: Ich mache nicht so viele Aufzeichnungen. Ich versuche alles im Kopf zu behalten. Auf diese Weise fühlt sich der Text für mich natürlicher an. Wenn man die Story und die Charaktere kennt, hat man so ziemlich alles was man braucht.

Phantastisch-lesen: Glauben Sie, die Fragmentierung des Inhalts erhält das Leserinteresse über eine Spanne von drei Büchern in ungefähr sechs Jahren? Ohne Verständniseinbußen könnte man die Lektüre mit „Die Zwölf“ beginnen, gefolgt von „Der Übergang“. „Die Spiegelstadt“ jedoch muss zwingend als Schlussteil gelesen werden. Stimmen Sie dem zu?

Justin Cronin: Ich glaube, die Bücher werden am besten in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung gelesen. Ich konzipierte das Projekt als eine einzelne Geschichte, die nur zufällig in drei Teile zerlegt wurde.

Phantastisch-lesen: Dystopische Romane für junge Erwachsene haben als Kernstück für gewöhnlich eine Liebesgeschichte, die oft genug das Hauptanliegen zu sein scheint, wobei das dystopische Setting  in den Hintergrund rückt. Das Kernstück Ihrer Trilogie ist offenbar die Horrorgeschichte. Diese enthält aber eine religiöse Unterströmung, in der es um Liebe und Erlösung geht. Ich habe den Eindruck, die Horrorstory würde ohne diese Themen nicht funktionieren, die irgendwann an die Oberfläche gelangen.

Justin Cronin: Ich glaube nicht, dass die Passagen-Trilogie eine Horrorstory ist. Ehrlich gesagt, lese ich keinen Horror und bin mit diesem Genre nicht sehr vertraut. Ich habe „Der Übergang“ als eine durch die Charaktere getriebene Geschichte konzipiert. Zufällig müssen sie nur die ganze Zeit um ihr Leben laufen. Soweit es um die Familie als Thema geht – was gibt es denn sonst noch?

Phantastisch-lesen: Im Zentrum der Geschichte stehen für mich zwei Beziehungen: Die Vater-Tochter-Beziehung zwischen Amy und Wolgast sowie die traurige Beziehung zwischen Alicia und Zero. Zwischen Amy und Alicia gibt es weitere Parallelen, die sie zu so etwas wie übernatürlichen Schwestern machen. Während Amy und Alicia die Hauptfiguren der beiden ersten Bände zu sein scheinen, ist Zero/Tim Fanning scheinbar die Hauptfigur des dritten Bandes. Sehen Sie Ihre Trilogie als eine Geschichte über starke weibliche Charaktere, einschließlich Zero, wobei die Männer in die zweite Reihe gerückt sind?

Justin Cronin: Die weiblichen Charaktere bringen die Geschichte voran. Die Männer machen in den Romanen zwar wichtige Dinge, aber die Frauen sind die Hauptverantwortlichen. Ich habe einfach vier herkömmliche Formen weiblicher Stärke genommen und auf vier Charaktere verteilt. Amy hat die spirituelle und intuitive Stärke, Sara die mütterliche, Lore die sinnliche und Alicia die der Kriegerin.

Phantastisch-lesen: Der Name von Wolgast ist eine interessante Wahl, weil dieser eher ungewöhnlich und ein wenig bekannter Name für einen Menschen zu sein scheint. Wolgast ist jedoch eine ganz bekannte Stadt im Nordosten Deutschlands. Liegt Ihre Absicht für die Namenswahl darin, eine Verbindung Wolgast-Peenemünde-Wernher von Braun-V2 herzustellen? Dies liegt nahe, weil Sie in Ihrer Trilogie andere Nazi-Bezüge herstellen.

Justin Cronin: Kein Zusammenhang. Wolgast habe ich nach einem Freund benannt, der eine harte Zeit durchmachte. Ursprünglich habe ich den Namen als Platzhalter verwendet, nur um die Person benennen zu können, bis ich einen anderen Namen hätte, aber ich habe zu lange gewartet, und der Name blieb haften.

Phantastisch-lesen: Fanden Sie es hart, Amy in „Die Zwölf“ für ungefähr 300 Seiten aus der Handlung verschwinden zu lassen?

Justin Cronin: Nein, das war der Plan. Der Handlungsentwurf erforderte dies.

Die Zwölf - Justin Cronin © Goldmann
Die Zwölf © Goldmann

Phantastisch-lesen: In „Die Zwölf“ sind manche Menschen größere Monster als die Virals. Horace Guilder wird zu einem Nazi in all seiner Banalität und Monstrosität, der als Karikatur eines Sektenführers endet. Stimmen Sie dem zu?

Justin Cronin: Ja. Er ist wie alle bösen Bürokraten, vollständig banal, ein Mann, der auf seine eigenen Pressemitteilungen hereinfällt.

Phantastisch-lesen: Gibt es einen Grund dafür, die faschistische Gesellschaft in „Die Zwölf“ in den nördlichen USA zu platzieren, während die Kräfte, die die Menschheit retten, sich in Texas entwickeln, dem Staat, den ein Charakter im Buch so sehr hasst?

Justin Cronin: Nicht wirklich – Ich bin nur mit beiden Orten zufällig vertraut, und sie funktionieren in der Geschichte. Schriftsteller wählen viele Dinge in einer Geschichte nur aus, weil sie in Kategorien von Zeit, Raum und Handlung Sinn ergeben. Iowa funktioniert hier gut, weil es sich in der Mitte des Landes befindet; Texas ergab Sinn für mich, weil ich dort seit 14 Jahren lebe. Ich glaube, die Qualitäten des Selbstvertrauens, für die der Staat sich historisch rühmt, kämen während einer Vampir-Apokalypse ganz gelegen.

Phantastisch-lesen: Lassen Sie mich sagen, dass ich in diesem Zusammenhang sehr mag, auf welche Weise Sie Ihre Charaktere auf deren Essenz zurückführen. Was macht einen Menschen zum Menschen, was macht einen Vampir zum Vampir? Die Virals sind gruselige Hybride, die tief im Inneren ein Wissen von, oder eine Erinnerung an ihre frühere Existenz als menschliche Wesen haben. Gleichwohl sind sie nicht mehr menschlich. Im Gegensatz dazu sind Horace Guilder und seine Handlanger so verabscheuungswürdig wie sie menschlich sind. Würden Sie dem Gedanken zustimmen, dass die Wahrnehmung dafür, was es bedeutet, menschlich zu sein, zum Herzstück Ihrer Trilogie gehört?

Justin Cronin: Das ist absolut ein Teil dessen. „Was es bedeutet, menschlich zu sein“ ist die zentrale Frage jeglicher Literatur.

Phantastisch-lesen: Bei der ersten Lektüre von „Die Passage“ dachte ich: dies wird eine Quest. Aber ich lag daneben. Tatsächlich hat Ihre Trilogie mehr von einer Odyssee, besonders der zweite Band. Deshalb war ich versucht zu fragen: wer wartet am Ende auf Amy? Aber Sie kamen zum Ausgangspunkt zurück, indem Sie ein anderes Ende wählten als ich erwartete. Hatten Sie dieses Ende von Beginn an im Sinn?

Justin Cronin: Ich kannte das Ende von Beginn an. Das Ende ist tatsächlich *im* ersten Satz des ersten Buchs enthalten. Ich denke, ein Buch muss sich auf diese Weise selbst kennen, um das Vertrauen des Lesers zu verdienen.

Phantastisch-lesen: Neben der Odyssee hallt auch die Ilias nach, insoweit die Bücher von Krieg und Zorn handeln. Zudem gibt es eine Stadt namens Homer. Diese Bewegungsbahn wird komplementiert durch Themen wie Theologie und Glauben, Project NOAH, die Zusammenfassungen zu Beginn des zweiten und dritten Bandes, die wunderbar die Genesis imitieren. Außerdem gibt es weitere biblische Bezüge.
Können diese Bezugnahmen auf einige der bedeutendsten Bücher des westlichen Kulturraums in einer Geschichte über ursprüngliche Kräfte und den Anbruch einer neuen Welt, oder, was manche Charaktere zu etablieren versuchen: Weltordnung, überhaupt vermieden werden?

Justin Cronin: Nun ja, ich fand sie sicherlich unvermeidlich. Auch wollte ich sie nicht vermeiden. Meiner Meinung nach ist es ein Fehler, zu glauben, irgendein Buch könne „vollkommen neu“ sein. Hinter jedem Schriftsteller befindet sich ein gewaltiges Bücherregal mit Einflüssen, die Geschichten, die ihnen erzählt haben, wie sie leben und schreiben sollen. Die „Passagen-Trilogie“ ist angefüllt mit Bezügen, sowohl offenen wie auch verdeckten, auf andere Bücher und Geschichten.

Die Spiegelstadt - Justin Cronin © Goldmann
Die Spiegelstadt © Goldmann

Phantastisch-lesen: Wie fühlten Sie sich nach Beendigung der Trilogie, die für einige Jahre ein wichtiger Teil Ihres Lebens gewesen sein muss?

Justin Cronin: Der Abschluss jedes Romans ist für mich eine Erfahrung der Schwermut. Einen Roman zu schreiben ähnelt sehr dem Aufziehen eines Kindes. Die Arbeit besteht darin, es dahin zu bringen, wo es einen verlassen wird.

Phantastisch-lesen: Einige Ihrer Leser wüssten gerne, ob Sie bereits an Ihrem nächsten Buch arbeiten und worin es darin gehen könnte. Deshalb die Frage: „Was kommt als nächstes?“

Justin Cronin: Im Moment sichte ich gerade ein paar lange Zeit verschobene Projekte um herauszufinden, welches mich darum bittet, als nächstes geschrieben zu werden. Ich kann hierzu aber nicht mehr sagen.

Phantastisch-lesen: Vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit zur Beantwortung der Fragen genommen haben, und die besten Wünsche für Ihr nächstes Buch.

Vielen Dank, Almut Oetjen für die wunderbaren Fragen und die Übersetzung des Interviews! :-)

Hier geht es zur englischsprachigen Version des Interviews

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