Phantasmen – Kai Meyer

Der Nahtod – ein originelles Endzeitmotiv

Phantasmen © Carlsen
Phantasmen © Carlsen

Emma und Rain, siebzehn und neunzehn Jahre jung, warten in der Wüste Desierto de Tabernas in Andalusien auf das Erscheinen der Geister ihrer Eltern, die drei Jahre zuvor bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Die Geister der Verunglückten erscheinen, es fehlen jedoch zwölf. Zum ersten Mal lächeln sie und töten einen Amerikaner, der ihrem Totenlicht zu nah kommt.

Nach der ersten Smilewave rast der Norweger Tylor auf einem Motorrad auf die Mädchen zu, er befindet sich auf der Flucht vor Söldnern. Nach seinen Recherchen wurde der Absturz inszeniert, um einer Personengruppe habhaft zu werden, die ein Nahtoderlebnis eint. Tylors Freundin Flavie befand sich unter den Entführten. Doch was geschah mit diesen Menschen und warum? Steckt die obskure Sekte „Tempel des liebenden Lichts“ dahinter und gibt es einen Zusammenhang zu den Geistern und ihrem tödlichen Lächeln?

Der Autor  Kai Meyer hat auf seiner Lesung zu „Phantasmen“ auf der Leipziger Buchmesse 2014 die ersten vierzig Seiten, bis zu der Stelle, an der das tödliche Lächeln zum ersten Mal auftritt, vorgelesen. Am Ende ging ein Raunen durch die Zuhörerschaft und nach der Lesung wurden Signiertisch und Verkaufsstand von WerkZeugs nahezu gestürmt. Die ersten Seiten von „Phantasmen“ versprechen phantastische Spannung pur mit einer kreativen Storyidee, die noch nicht in zig Dystopien für junge Erwachsene vorkommt. Um es vorweg zu nehmen, diese beiden Versprechen hält das Buch bis zu seinem Ende. Die Idee, Geister von den Toten auferstehen zu lassen und damit das Ende der Zivilisation einzuleiten, hat Kai Meyer in einer so originellen, wie gruseligen Handlung verarbeitet. Dennoch fällt das Fazit der Rezensentin nicht ganz so begeistert aus, wie anfangs erwartet. Doch der Reihe nach.

Als Ich-Erzählerin tritt die neunzehnjährige Rain Mazurski auf, die mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Emma in die spanische Wüste fährt. Die beiden Schwestern sind alles andere als gewöhnliche Jugendliche. Rain fällt schon mit ihren knallroten Dreadlocks auf und leidet unter einem Trauma, das massive Panikattacken  auslöst. Emma leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, die sich in fehlender Empathie äußert und manchmal mit überdurchschnittlicher Intelligenz einhergeht. Emmas Sprüche wirken oft kalt und taktlos, ihre logischen Schlussfolgerungen beinahe wahrsagerisch.
Emma ist die eigentliche Hauptperson des Romans, und mit ihr kann sich der Leser trotz ihres fremdartigen Charakters am ehesten anfreunden. Ihre Situationsanalysen und emotionslosen, aber zweckdienlichen Aktionen sind es, die die Story voran bringen.  Man bewundert ihre Unvoreingenommenheit und ihren messerscharfen Verstand.

Was sich hinter Rains Afrika-Trauma verbirgt, erfahren wir erst nach über der Hälfte des Romans. Eine ergreifende Episode, die der Figur Tiefgang verleiht. Trotzdem bleibt die Ich-Erzählerin insgesamt ein wenig blass. Sie wirkt gebrochen und versucht die innere Leere durch die Liebe zu ihrer Schwester zu füllen, die sie um jeden Preis behütet.  Was ihr allerdings fehlt ist eine charakterliche Weiterentwicklung. Sobald Rains Handeln das typische Muster verlässt, zum Beispiel bei den Annäherungsversuchen an Tyler oder der plötzlichen Überwindung des Traumas in einer bedrohlichen Situation, wirkt es unnatürlich. Schon weil  dem Leser der Hintergrund für diese  Verhaltensänderung verborgen bleibt.
Der Draufgänger im Trio Tyler ordnet sein Handeln überwiegend dem Ziel unter, das Schicksal seiner Freundin aufzuklären. Nach und nach entwickelt sich eine enge Freundschaft. Der Autor hat das Motiv einer aufkeimenden Liebe zwischen Tyler und Rain auffällig hintergründig gehalten, was positiv hervorsticht und zu der expandierenden Endzeitstimmung  passt.

Was macht eigentlich die Faszination einer Dystopie aus?  

Der Leser erlebt ein düsteres Endzeitszenario, herbeigeführt durch technische Entwicklungen, deren Anfänge aus unserer Zeit stammen. Die Spannung liegt darin, dass der Autor in plausibler Weise einen bekannten Prozess zu einer Bedrohung weiter entwickelt, so dass der Leser einen Eindruck von „das könnte wirklich geschehen“ bekommt. Kai Meyers Geister-Apokalypse „Phantasmen“ entspricht in der Hinsicht diesem Muster, dass es Nahtod-Erforschung bereits heute gibt und die Katastrophe von Menschen hausgemacht ist. Es ist allerdings wenig nachvollziehbar, wie es dazu kommt, dass todbringend lächelnde Geister die Apokalypse herbeiführen.  Wir erfahren zwar, wer für die Misere verantwortlich ist, erhalten ein vages Bild, wie es geschehen ist. Aber warum derjenige tut, was er tut, verbleibt im Dunklen. Davon abgesehen bleiben viele weitere Fragen unbeantwortet und einige Szenarien erscheinen schlichtweg zu konstruiert. Als Beispiel sei das Eingangsszenario genannt; das mit dem Flugzeugabsturz erreichte Ziel hätte man viel einfacher haben können. Als nächstes wundert man sich darüber, dass nur so wenige Angehörige und kein einziger Medienvertreter dem Phänomen beiwohnen möchten. So geht es weiter. Wir folgen Rain, Emma und Tyler durch zahlreiche Gefahren über Berge von Leichen zu den Verursachern der Apokalypse. Und fragen uns oft, wie bestimmte Ereignisse möglich sind, erhalten kaum Hintergrundinformationen. Es spricht prinzipiell nichts dagegen, ein Handlungsmotiv der Fantasie des Lesers zu überlassen, aber hier bekommt er einfach zu wenig Stoff zum Spekulieren an die Hand.

Trotz der geäußerten Kritik bleibt nach der Lektüre von „Phantasmen“  ein überwiegend positiver Eindruck zurück. Die Figuren faszinieren als ungewöhnliche Individuen und nehmen den Leser mit in ein apokalyptisches Road-Movie voller Gefahren und gruseliger Abenteuer. Das Thema Nahtoderfahrung, Leben nach dem Tod, Glaube und Unsterblichkeit  verarbeitet. Kai Meyer in einer düsteren Atmosphäre und so vielschichtig, wie ideologiefrei. Er lässt dem Leser Raum, sich eigene Gedanken dazu zu machen. Des Autors Schreibstil besticht durch Prägnanz und einem passend jugendlichen Stil, der trotzdem schön und raffiniert bleibt. Mit etwas Substanz, die die Handlung unterfüttert, wäre “Phantasmen“ nicht nur eine guter, sondern ein außergewöhnlicher dystopischer Roman.

Diese Rezension von mir (Eva Bergschneider) erschien zuerst bei Booknerds.de

Phantasmen
Kai Meyer
Horror/Dystopie
Carlsen Verlag
März 2014
400

Funtastik-Faktor: 75

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2 Gedanken zu „Phantasmen – Kai Meyer

  1. Das Buch hat mir sehr gut gefallen, auch wenn du damit recht hast, daß die Figuren recht blaß bleiben. Aber die Spannung ist kaum auszuhalten .
    Das Ende kam ein klein wenig abrupt, aber es war noch in Ordnung.
    Danke schön für dieses spannende Buch.

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