Das Gleismeer – China Miéville

Mit dem Maulwurfszug zum Horizont

Das Gleismeer © Heyne
Das Gleismeer © Heyne

Das Gleismeer – ein unendliches, verbundenes, verknotetes, chaotisches Wirrwarr aus Gleisstrecken verbindet Inseln, auf denen sich verschiedene Siedlungen und Städte geformt haben. Die Gleise stammen aus einer Welt vor langer Zeit, sie wurde von konkurrierenden Bahnkonzernen vergiftet und zerstört. Der Bereich zwischen den Gleisen ist nun höchst gefährlich, denn abscheuliche Kreaturen bevölkern das Erdreich. Und den Himmel, den ohnehin ein dichter Smog verdeckt. Und doch ziehen Menschengruppen wie Gleisnomaden, Piraten, Jäger, Händler und Sammler über die Gleise. Sie fahren in Zügen mit allerlei Antriebsarten, zum Beispiel mit Dampf- oder Dieselantrieb, mit Segeln, Sklaven und Fusionsenergie.

Sham wurde von seinen Cousins auf die Medes, einen Zug der Maulwurfsjäger geschickt. Famulus des Chirurgus Dr. Fremlo soll er dort werden, obwohl er viel lieber das Handwerk der Artefakter erlernen würde, die Dinge aus vergangener Zeit aus den Weiten des Gleismeers sammeln. Die Maulwurfjagd ist für Naphi, die Kapitänin der Medes nicht nur ein Job, sondern eine Obsession. Die Crew jagt den ultimativen Moldywarp, einen gelblichen Riesenmaulwurf, dem Kapitänin Naphi den Verlust ihres Arms zu verdanken hat. Ein Datenfund in einem Zugwrack führt die Mannschaft zu der Stadt Manihiki  und Sham zu den Geschwistern Shroake. Was Sham ihnen zu erzählen hat, ist für ihn, Dero und Caldera sowie die Maulwurfsjäger der Aufbruch in ein Abenteuer jenseits ihrer Vorstellungskraft.

Sonderbar und klassisch

China Miévilles Art der Phantastischen Literatur (siehe auch: „Perdido Street Station“) wird oft als ein Gegenentwurf zu Tolkiens High-Fantasy beschrieben und Weird Fiction, also sonderbare Erzählung genannt. Man könnte auch sagen, dass sich „Das Gleismeer“ irgendwo zwischen Postapokalypse, Cyber- und Dieselpunk bewegt. Doch all der bizarren Besonderheiten zum Trotz geht es letztendlich um einen klassischen Plot mit dem jungen Sham Yes ap Soorap, der erwachsen wird und seinen Platz im Leben sucht. Der Leser folgt ihm und seinen Begleitern auf einer klassischen Queste. Ist „Das Gleismeer“ also als Jugendbuch geeignet?

Abacat Naphis Jagd nach dem weiß-gelben Riesenmaulwurf erinnert ganz klar an den Plot von „Moby Dick“ von Herman Melville. Ob der Autor des berühmten Klassikers und dieses postapokalyptischen Abenteuers eine verwandtschaftliche Beziehung verbindet, ist nicht bekannt.
Als wichtige Protagonisten kommen im Verlauf der Geschichte noch die Geschwister Dero und Caldera aus der Stadt Manihiki dazu. Sehr glaubwürdig beschreibt der Autor die Entwicklung der Charaktere. Sham wirkt anfangs ungeschickt, überrascht jedoch schließlich mit einer genauen Beobachtungsgabe und einer sturen Entschlussfreudigkeit. Seine bedingungslose Freundschaft zu den Geschwistern, aber auch zu Käpt’n Naphi sorgt dafür, dass sich Sham in sein Abenteuer stürzt und die Story vorangetrieben wird.

Eine Queste auf Gleisen

Der Weltenentwurf ist komplexer, als er auf den ersten Blick erscheint. Die Gleismeer-Welt besteht aus Gleisen zwischen wenigen Städten, einem Erdreich mit mehr oder weniger degenerierten Tieren, seltsamen Maschinenwesen wie Zugengel, und viel, viel Müll aus jüngerer und fernerer Vergangenheit. Sham und seine Begleiter durchqueren nur einen Teil des Gleismeers und doch erfährt der Leser viele Details aus der Welt jenseits der Gleise. Entweder durch die Dialoge der Protagonisten, oder aus kurzen Kapiteln, in denen sich der Erzähler direkt an den Leser wendet. Das ist mitnichten langweiliges Infodumping, sondern sehr unterhaltsam. Auf ein bis zwei Seiten kompakt erzählt, erfährt man zum Beispiel im Kurzkapitel 5, wie der Unter- und Oberhimmel aussieht.

„Uns interessiert die Vielfältigkeit der Welt.“ [S. 35]

Und die eingeschobenen Informationsblöcke zeigen sehr anschaulich, wie vielfältig diese anscheinend triste Welt tatsächlicht ist.

& was hat es damit auf sich?

Gewöhnungsbedürftig ist anfangs, dass im Text anstatt der Konjugation „und“ stets das Zeichen & gebraucht wird. Doch auch dafür gibt es einen guten Grund:

„Es gab eine Zeit, da bestand das Zeichen & aus mehreren verschiedenen Buchstaben. Rückwirkend mag einem das absurd erscheinen, aber so ist es einmal & lässt sich nicht ändern. [..] Die Pfade des Gleismeers führen überallhin, nur niemals geradewegs von A nach B. [..] Welches Zeichen wäre besser dafür geeignet, um das Gleismeer zu symbolisieren, als , sondern sehr unterhaltsam „&“ per se?“ [S. 157]

Nicht allein für sachliche Erklärungen unterbricht der Erzähler die Story, sondern auch um Änderungen im Handlungsverlauf zu kommentieren („Zeit für die Shroakes? Noch nicht.“ – S. 292) oder über Erzählelemente zu philosophieren (Mise en abyme S. 106).
China Miévilles sprachliche Kreativität zeigt sich auch in Wortschöpfungen, die sich der Leser selbst aus dem Zusammenhang erschließt. Der Begriff Epave ist dem französischen épave (Wrack, Treibgut) entnommen, oder ein Foto benennt Miéville Flachografie. Fast schon sinnlich wirken des Autors Beschreibungen der Geräusche, die der Zug je nach Fahrweise auf den Schienen erzeugt, zum Beispiel schekka-tschaschek.

Und so hat diese bizarre Geschichte mit seinen eher düsteren Schauplätzen und teilweise recht gruseligen Szenen alles andere als eine depressive Grundstimmung. Mut, Witz und Leidenschaft der Protagonisten lassen den Leser mitfiebern, sodass man sich gern auf das merkwürdige Setting einlässt und sich an dessen Ideenreichtum erfreut. Daher ja, „Das Gleismeer“ ist auch ein guter Jugendroman und erzählt ein spannend-schräges Abenteuer in einer intelligenten Coming of Age Geschichte.

Über „Moby Dick“ hinaus werden viele andere Werke gewürdigt. Der Danksagung des Romans kann man entnehmen welche bedeutenden Phantastik-Autoren dem Roman „Das Gleismeer“ Pate standen.

Diese Rezension von mir (Eva Bergschneider) erschien zuerst bei Booknerds.de

Das Gleismeer
China Miéville
Steampunk/ Dieselpunk
Heyne
Januar 2015
400

Funtastik-Faktor: 88

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar