Last Days on Earth – Julian Frost (Susanne Gerdom)

Weltuntergang kann sehr unterhaltsam sein

Last Days on Earth © Piper
Last Days on Earth © Piper

Karla van Zomeren ist eine Weiße Hexe und arbeitet als Ermittlerin des MID. Sie ist sauer. Ihr Partner liegt im Koma und ihr wird der Fall entzogen, bei dem sie dem größten Gangsterboss der Stadt Verbindung zu terroristischen Anschlägen nachweisen wollte. Ein Jahr Arbeit für die Katz und dann erweist sich der ihr neu zugewiesene Partner auch noch als Katastrophe. Raoul Winter ist nicht nur ein Dunkelmagus, sondern er ist nach ihrer Einschätzung auch noch komplett verrückt. Der neue Fall dagegen scheint wenig spektakulär zu sein, Diebstähle von Büchern, aber da die Bestohlenen wohlhabende Leute oder staatliche Institutionen sind, und alles darauf hindeutet, dass der Dieb ein Magier ist, benötigt die Aufklärung jeweils einen Ermittler von beiden magischen Zweigen. Die Diebstahlserie entpuppt sich jedoch als komplizierter Fall mit einem weit größeren Hintergrund und schon bald sind Karla und Raoul in ein Weltuntergangsszenario verstrickt.

Wir schreiben das Jahr 2012, in dem nach landläufiger Meinung die lange Zählung des Maya-Kalenders endet und der Weltuntergang am 21. Dezember bevorsteht. Als der Piper Verlag an Susanne Gerdom mit dem Wunsch herantrat, einen Weltuntergangsthriller zu schreiben, wusste die Autorin, die sich hinter dem Pseudonym Julian Frost verbirgt, von den Mayas und ihrem Kalender recht wenig. Ihr Kenntnisstand über Weltuntergangstheorien und sonstigen Irrsinn wuchs an und ´Last Days On Earth´ ist das Ergebnis. Ein spannender, origineller Thriller mit einem großartigen Ermittlerduo. Weltuntergang einmal anders, ohne nervige Beschreibungen von einstürzenden Hochhäusern oder Flammeninfernos, -das wirkt in Kinofilmen beeindruckender-, sondern mit einer liebevoll entwickelten Alternativ-Welt im Urban-Fantasy-Style und erwachsenen Helden, keine Teenies.

Die blonde Hexe und der Dunkelmagus

Der Roman beginnt nach allen Regeln der Kunst mit einem spannenden Vorspiel, – blutig und neugierig machend-, und fährt mit einer erstklassigen Einführung der beiden Hauptprotagonisten fort. Die ersten Kapitel sind wie eine intelligente, moderne Screwball-Komödie, in der sich Karla und Raoul einen köstlichen Schlagabtausch liefern, und etliche Details in den dialogreichen Szenen zum Schmunzeln verleiten. Durch die lebendige Schreibweise wird man schnell in die geradlinige Handlung eingebunden, die aus wechselnder Sicht von Karla und Raoul erzählt wird.

Karla, eine attraktive Weiße Hexe mit hehren Prinzipien, aber frustriert und mit einem miesen Gehalt. Sie ist nicht gewillt, ihre Abneigung gegen Dunkle Magie aufzugeben, und ihre schlechte Meinung findet in der Person Raoul Winters nur Bestätigung. Raoul, reich und exzentrisch, leidet darunter, dass der Mensch nur ein begrenztes Wesen ist. Er ist ein Informationsjunkie, der einen hohen Preis für seine Sucht zahlt. Wie die beiden sich zusammenraufen, ist köstlich zu lesen.

Man könnte dem Roman vorwerfen, dass der globale Aspekt hinter Karla und Raouls Problemen und der Ermittlung zurückstecken muss. Wer einen klassischen Weltuntergangsthriller erwartet, könnte enttäuscht sein. Aber das ist in meinen Augen eher ein positiver Aspekt. Last Days On Earth ist ein Beweis dafür, dass Spannung nicht abhängig ist von der Menge vergossenen Blutes, -keine Angst, es fließt schon einiges-, oder der Anzahl an Leichen und Grausamkeiten, sondern sich durch aktionsgeladene Szenen und routiniert aufgebaute Handlung auszeichnet. Wenn dann noch so glaubhafte und hervorragend ausgearbeitete Charaktere hinzukommen wie hier, dann steht dem Lesevergnügen nichts mehr im Weg. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Nette Bonbons sind überzeichnete Namen wie Vadim Sonofabi ̂c und Vittore Perfido, damit verleiht die Autorin der Thematik ein Augenzwinkern, mit kleinen Seitenhieben und Anspielungen auf reale Dinge und Geschehnisse würzt sie das an sich düstere Weltuntergangsthema.

Nicht nur traditionelle Lichtflüchter

Die Welt ist stimmig, modern, von der Technik ähnlich wie unsere, aber von Magie bestimmt, mit einer Vielfalt von fantastischen Wesen. Karlas Schwester arbeitet zum Beispiel als Sicherheitshexe in einem Kernkraftwerk. Es gibt auch etwas ähnliches wie unser Internet. Die Idee, sich Informationen aus dem Zwischenreich über dort herumschwirrende, gestaltlose Daimonen holen zu müssen, liest sich vorzüglich, aber in echt würde wohl jeder gerne auf so eine fiese Prozedur verzichten. Oder wer würde Vergnügen daran finden, festgeschnallt Ætherdampf über eine Gesichtsmaske einatmen zu müssen, um sich ins Æthernet einklinken zu können? In Karla und Raouls Welt sind normale Menschen ohne Magiebegabung bedauernswerte Leute mit Handicap, auch wenn Nichtmenschen und Untote noch um gleich Rechte wie normale Bürger kämpfen müssen. Dafür dürfen sie aber Steuern zahlen, und das ist auch gut so, denn immerhin sind die meisten Banken im Besitz von Drachen. Wie man sieht, eine interessante, bunte Welt, um die es schade wäre, wenn sie untergeht. Wer erfahren möchte, ob sie untergeht oder bestehen bleibt: Lesen.

Ich hoffe auf weitere Fälle für das Ermittlerduo van Zomeren und Winter.

Diese Rezension von Anja Helmers erschien bereits auf www.phantastik-couch.de. Sie wurde hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlicht.

Last Days on Earth
Julian Frost (Susanne Gerdom)
Fantasy
Piper
2012
432

Funtastik-Faktor: 85%

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