Nachtschatten – Hanna Kuhlmann

Von Göttern und Dieben

Nachtschatten ©Hanna Kuhlmann
Nachtschatten ©Hanna Kuhlmann

Als der Dieb Shivari in seinem Elendsviertel der Stadt Vesontonio den Gott des Wassers trifft, ändert sich sein Leben schlagartig. Junicus ist des ewigen Lebens müde geworden und sein Funke wird auf den magisch begabten Shivari übertragen, der nun von Tag zu Tag etwas mächtiger und stärker wird.

„Warum stielst Du? [..] Du brauchst so etwas wie Besitz oder Geld nicht. Warum also?“
Ich starrte ihn ungläubig an. Anscheinend hatte er mich in den vergangenen Monaten doch nicht so gut kennen gelernt, wie ich angenommen hatte. „Weil ich es kann.“  [Pos. 1188]

Die Prüfung zum Meisterdieb in der Diebesgilde des Schwarzen Drachen hätte Shivari fast das Leben gekostet, doch nun kann er eine noch gefährlichere Aufgabe bewältigen: den Diebstahl des Siegelrings des Hochfürsten und Herrschers Radovan. Doch der göttliche Funke hat andere Pläne mit Shivari. Die Welt der Götter ist im Aufruhr und im Spiel um die Macht gelten die Regeln der Ehre nicht mehr. Auch die Unterwelt wird in diesen Kampf hineingezogen, sowie die Fürsten der Provinzen Nyrias. Eigentlich will Hochfürst Sharion Vanira aus Lehan nur seinen abtrünnigen Sohn finden und zur Räson bringen. Doch auch Vico, oder Fuchs wie ihn alle aufgrund seiner Haarfarbe nennen, steckt mittendrin in diesem magischen Gefecht.

Wechselnde Perspektiven sorgen für Abwechslung und Verwirrung

Shivari erzählt uns seine Abenteuer als Ich-Erzähler. Der Dieb und angehende Gott ist in „Nachtschatten“ sicherlich die Figur, die die erschreckendsten Dinge und die gravierendsten Veränderungen durchlebt. Dieses unmittelbar von Shivari zu erfahren macht den Protagonisten schnell zum Sympathieträger und zur Identifikationsfigur. Die Erzählung Shivaries in der Ich-Perspektive hat allerdings den Nachteil einer sehr eingeschränkten Sichtweise. Manchmal kann man Shivari nicht ganz folgen, weil er einen Kommentar oder einen Namen einwirft, den der Leser nicht zuordnen kann. Der wird zwar meistens anschließend erklärt, trotzdem ist man aus dem Lesefluss gebracht. Shivari enthüllt erst im Mittelteil des Romans seine wahre Identität, was eine echte Überraschung ist. Leider nutzt die Autorin dies für die Handlung lediglich in der Weise, die der Leser erwartet.

Fuchs, oder Fürstenerbe Vico, ist ein weiterer Erzähler (3. Person) und gelegentlich schildern auch Aran, der Leibwächter des Fürsten Sharion (Fuchs‘ Vater) und Hochfürst Radovan die Ereignisse. Diese Erzählweise ergänzt manchmal die Informationen, die Shivaries Passagen vermissen lassen, aber nicht immer. Bisweilen wird dieselbe Szene aus mehreren Perspektiven beleuchtet, was immerhin hilft, die komplexen Zusammenhänge zu erklären. Fuchs ist die zweite Hauptfigur und ebenfalls ein sympathischer Charakter, der gegen seine vermeintliche Bestimmung aufbegehrt. Leider wird überhaupt nicht klar, wie er als Adeliger sich der Unterwelt Versontonios so ohne weiteres anschließen kann, zumal dieses dem in der Stadt aufgewachsenen Straßenkind Shivari verwehrt wird und die Diebesgilden viel Wert auf Abschottung legen

Originelle Geschichte, die jedoch einige Fragen offen lässt

Komplex ist diese Geschichte, die immer wieder zwischen den Ereignissen in der Unterwelt Vesontonios, dem Hof des Hochfürsten oder den Elendsvierteln, in denen Shivari lebt, hin und her springt. Lange ist auch nicht klar, wer nun alles über magische Kräfte verfügt und wer genau sich hinter der einen oder anderen Figur verbirgt. Spontan eingeführte Spitz- oder Zweitnamen sind in der Hinsicht auch nicht gerade hilfreich. Für ihre Figuren hält die Autorin einige Überraschungen bereit, was einerseits für Abwechslung sorgt, andererseits aber auch für Verwirrung.

Hanna Kuhlmann hat sich für „Nachtschatten“ eine originelle Handlung einfallen lassen, die sich wohltuend von den gewohnten Strickmustern der Fantasy abhebt. Dennoch wirkt die Geschichte etwas unausgegoren. Zu den bereits genannten ungeklärten Fragen gesellt sich die, warum Shivari nach dem Einbruch beinahe beliebig in Radovans Palast ein- und ausgehen kann, vorher aber ein Eindringen als unmöglich gilt. Oder warum der Diebstahl des Siegelrings zunächst verhängnisvoll und anschließend kein Thema mehr ist.

Fazit

„Nachtschatten“ von Hanna Kuhlmann ist ein innovativer Fantasy-Roman mit Figuren, hinter denen mehr steckt, als anfangs erwartet. Die komplizierte Geschichte wird spannend erzählt, jedoch häufig mit recht wenig Kontext versehen Einen roten Faden lässt sie oft vermissen. Zu den Pluspunkten zählt die Beschreibung der Welt Nyria, mit Drachen in verschiedenen Formen und Größen, fremdartig, exotisch und  reizvoll. Die Drachen sind jedoch nur Staffage und spielen in der Handlung allerdings keine Rolle, was ein bisschen schade ist. Hanna Kuhlmann schreibt in einem bildhaften und variantenreichen Stil, der Figuren und Welt sehr anschaulich zeichnet. Trotzdem möchte ich dazu raten vor Veröffentlichung einer Print-Ausgabe einen Lektor über den Roman schauen zu lassen, er enthält doch noch so einige Fehler.
Hanna Kuhlmann hat in diesem Jahr für „Nachtschatten“ den SERAPH und neobooks Preis als Beste Indie-Autorin gewonnen. Im selben Wettbewerb befand sich Miriam Pharos Roman „Der Bund der Zwölf“, welcher mir persönlich besser gefällt. Möglicherweise wollte die Jury das Preisgeld an eine vielversprechende Debütantin vergeben, anstatt an eine schon etablierte Autorin, was ich verständlich fände. Und das trifft auf Hanna Kuhlmann ganz sicher zu.

Nachtschatten
Hanna Kuhlmann
Fantasy
neobooks selfpublishing
Januar 2016
E-Book
321

Funtastik-Faktor: 65

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