S – J.J. Abrams und Doug Dorst

Wie ein Buch zum Leseexperiment wird

S © Kiepenheuer & Witsch
S © Kiepenheuer & Witsch

Wie lest ihr Bücher? Für gewöhnlich nimmt man es in die Hand, schaut sich vielleicht das Cover und den Klappentext an, um dann das Buch aufzuschlagen und Seite um Seite zu lesen. So einfach machen es uns J.J. Abrams und Doug Dorst mit ihrem Roman „S“ nicht, davon konnte ich mich bereits bei der Ansicht der Originalausgabe auf der Leipziger Buchmesse 2015 überzeugen.

Bevor man das Buch aufschlagen kann, gilt es erst einmal das Siegel zu zerreißen und es aus dem Schuber zu nehmen, in dem das Buch steckt. Und dann hält man ein Exemplar in Händen, das aussieht, als stamme es aus den 50er Jahren. „Das Schiff des Theseus“ lautet nun der Titel und sein Autor heißt V.M Straka. Der Blick in das Buch offenbart vergilbte Seiten, Stempel aus einer Leihbücherei, allerlei Gekritzel und eingelegt Blätter, Postkarten, eine Serviette, Briefe, Zeitungsartikel, eine Dechiffrierscheibe und und und. Spätestens jetzt hat der geneigte Leser mitbekommen, dass es sich bei dem Buch mit dem Titel „S“ zumindest in der Gestaltung um ein absolut außergewöhnliches Exemplar handelt und man sich erst einmal ein paar Gedanken darüber machen sollte, wie so ein Buch überhaupt zu behandeln ist. Natürlich liegen die Materialien nicht zufällig da, wo sie liegen und sollten dort verbleiben, um beim Lesen einen Sinn zu ergeben. Zum Glück muss man nicht selbst mühsam katalogisieren, welches Material nun wo hingehört, das hat bereits der Verlag für den Leser erledigt.

Die Kerngeschichte „Das Schiff des Theseus“ beginnt mit einem Vorwort des Übersetzers F.X Caldeira, ihm folgen zehn Kapitel des Romans auf gut 500 Seiten. Der Übersetzer macht uns zu Beginn direkt mit dem wichtigsten Rätsel des gesamten Romans vertraut. Gesucht wird nämlich die Identität des Autors V.M. Straka. Dazu gibt es zahlreiche Theorien und F.X Caldeira stellt uns acht potentielle Kandidaten vor.

Nach dem Vorwort beginnt die Kerngeschichte „Das Schiff des Theseus“ mit dem ersten Kapitel. Die Erinnerungen des namenlosen Protagonisten S. setzen in einer Stadt am Meer mit schiefer Geometrie ein, kurz bevor er in einer Kneipe auf eine Frau trifft, die gerade ein Buch liest. Von ihr erhofft er sich Informationen darüber, wer er eigentlich ist und welche Geschehnisse ihn vollkommen durchnässt dort zurückgelassen haben. Doch noch bevor S. sie näher befragen kann, wird er von Männern gepackt und auf ein Schiff ‚shanghait‘. Von einer Ausnahme abgesehen, ist die Besatzung dieses Schiffs stumm, die Münder der Männer mit Fäden zugenäht. Einziger Gesprächspartner ist der Matrose Mahlstrom, dessen Informationen bruchstückhaft sind, der jedoch scheinbar ein Ziel vor Augen hat. Ihre Fahrt endet mit einer Havarie vor der Küste einer Hafenstadt namens B. Der Protagonist S. rettet sich und gerät mitten in einen Volksaufstand gegen den Waffenmogul Vevoda. Nach einem Bombenattentat, das S und einer Gruppe Revolutionärer angelastet wird, befindet er sich wieder auf der Flucht ins Ungewisse.  S. ist noch lange nicht am Ende seines Abenteuers angekommen, das ihn auf seiner Suche nach der Dame Sola und nach sich selbst an bizarre Orte und zu fragwürdigen Aufträgen führt.

© Eva Bergschneider
© Eva Bergschneider

Neben der Kerngeschichte lesen wir in Notizen an den Seitenrändern des Romans den Dialog von Jen und Eric, einer Literaturstudentin und eines geschassten Doktoranden und Experten der Werke von V.M. Straka. Die beiden analysieren zunächst die Textpassagen des Romans „Das Schiff des Theseus“ und versuchen ebenfalls, die wahre Identität des Autors herauszufinden. Dieser Dialog erstreckt sich auf vier Zeitebenen und wandelt sich. In den anfänglichen blau-schwarz geschriebenen Notizen geht es hauptsächlich um das Buch und weitere Romane des Autors. Die zeitlich später verfassten orange-grün geschriebenen Dialoge beziehen sich zunehmend darauf, welche Beziehungen V.M. Straka zum Übersetzer und zu den Mitgliedern eines Geheimbunds hatte. Und noch später, in lila und roter Farbe geschriebenen Dialogen, kommen sich Jen und Eric näher und erwehren sich gemeinsam etwaiger Gegner, die ihre detektivische Arbeit rund um den geheimnisvollen V.M. Straka mit unlauteren Mitteln vereiteln wollen. Dazu kommen zahlreiche Fußnoten des Übersetzers, die ihrerseits wiederum geheime Botschaften an den Autor V.M. Straka enthalten und deren Code von Jen und Eric entschlüsselt wird. Sowie die bereits erwähnten Zusatzmaterialien, die Informationen rund um die vielen Rätsel des Romans „S“ bereithalten.

Klingt kompliziert, ist es auch. Und dennoch faszinierend.

Im Netz findet der Leser zahlreiche Ratschläge, wie man das Buch lesen soll. Häufig wird empfohlen, zuerst nur die Kerngeschichte mit den Fußnoten zu lesen, und erst danach in weiteren Runden die Dialoge von Eric und Jen. Am besten in der chronologische Reihenfolge.
Diese Methode mag das Verständnis des Romans zwar erleichtern, nimmt dem Leser aber auch die Gelegenheit, sich bewusst in eben genau jene Verwirrungen zu stürzen, um die es in all den Geschichten des Romans „S“ geht. Nämlich Geschichten und Bilder rund um die Frage, was eine Identität eigentlich ausmacht.

Der populäre Literaturkritiker und selbsterklärte Phantastik-Liebhaber Dennis Scheck erläutert die Mythologie hinter den Geschichten in seiner Sendung „Druckfrisch“ anhand des Titels „Das Schiff des Theseus“. Denn hierbei handelt es sich um ein Paradoxon aus der Antike, welches folgende Hypothese nach Plutarch diskutiert: Ist ein Schiff, welches sich auf eine lange Seereise begibt und von dem währenddessen nach und nach jede Planke erneuert wird, noch immer dasselbe Schiff, wenn es mit vollständig ausgetauschten Teilen in den Zielhafen einläuft?

Dieser rote Faden zieht sich durch die Erzählebenen, die Doug Dorst in „S“ geschrieben und durch die Ideen, die J.J. Abrams für dieses Romanprojekt entworfen hat. Ich selbst habe abwechselnd zuerst Abschnitte der Kerngeschichte mit den Fußnoten gelesen und anschließend die Dialoge an den Seitenrändern, ergänzt durch die Briefe, Postkarten etc.. Es kommt zwar oft vor, dass man Teile der Dialoge nicht nachvollziehen kann, weil man wichtige Informationen entweder wieder vergessen, oder noch gar nicht erhalten hat. Oder das man gespoilert wird, weil die rot-lila Kommentare Ereignissen vorgreifen, die in der Kerngeschichte oder in früheren Kommentaren noch nicht erfasst wurden. Allerdings gehören diese zeitlichen Sprünge und Gegenüberstellungen auch zu den spannendsten Aspekten dieses Romans. Mitzuerleben, wie sich zuerst die Sicht der Dinge und schließlich die Lebenssituation der Protagonisten wandelt und wie sie selbst den Prozess reflektieren, ist wirklich faszinierend. In erster Linie betreffen diese Entwicklungen die Detektive Jen und Eric, aber auch die Personen, deren Geheimnisse sie zu ergründen suchen. Und so wandelt sich das gesamte Buch beständig und stellt sich immer wieder in einem anderen Licht dar. Auch dann noch einmal, wenn man nach beendeter Lektüre Jens und Erics Kommentare ein weiteres Mal liest.

Die Kerngeschichte „Das Schiff des Theseus“ kommt klassisch daher, wie ein historischer  Abenteuerroman und eine Revolutionsgeschichte mit einem guten Schuss Magischer Realismus und  Horror. Für sich allein genommen ist die Geschichte zwar spannend, aber letztendlich zu fragmentarisch und flach, um wirklich zu fesseln. Aus der Analyse der Fußnoten und der Entschlüsselung eines geheimen Informationscodes entwickelt sich eine ganz eigene Geschichte, die am Ende sogar diejenige ist, die zumindest ansatzweise abgeschlossen wird. Ein zunächst noch fesselnderes Mysterium entwickelt sich aus Jen und Erics Dialognotizen, ihren Analysen und eigenen Erlebnissen. Die Tiefe der Dialoge reicht gerade soweit, dass der Leser neugierig wird und sich auf ihre Geschichte einlassen möchte. Leider bleibt es dann doch bei einem relativ oberflächlichen Blick auf ihre Persönlichkeiten. Für ihre Rätsel erhält man zu wenig Kontext (oder solchen, mit dem nichts anzufangen ist), um sich wirklich ein Bild machen zu können. Und so bleiben diese Geheimnisse gänzlich ungelöst.

Was allerdings trotzdem funktioniert, ist das Zusammenspiel der verschiedenen Erzählebenen. Die Autoren verbinden immer wieder das Geschehen in der Kerngeschichte mit den Erlebnissen von Jen und Eric. Die Verknüpfungen wirken noch nicht einmal übermäßig konstruiert, sondern eher wie Stichworte, die eine bestimmte Erinnerung wecken, über die dann ein Dialog entsteht. Die sich daraus entwickelnde Dynamik verblüfft und verführt dazu, hin und her zu blättern, das Material noch einmal zu sichten und eigene Spekulationen anzustellen. Auch wenn die Interaktion, die eine Dechiffrierscheibe suggeriert, nicht stattfindet, so wird der Leser trotzdem dazu eingeladen, mitzurätseln und die Geschichten weiterzuspinnen. Das ist einerseits ein wahrer Spaß für diejenigen, die einfach Freude am Rätseln, Kombinieren und Spekulieren haben. Auf viele andere Leser wirkt das andererseits eher abstrus, denn die Autoren lassen sie ziemlich im Regen stehen und offerieren eben keine Lösungen. Bei den meisten Lesern dürfte ein zwiespältiger Eindruck irgendwo zwischen Faszination und Frustration zurückbleiben.

Das letzte Wort dieser Rezension geht an Eric, der zusammenfasst, wie man dieses ungewöhnliche Buch genießen kann:

„Manchmal beneide ich Leute, die sich mit den Büchern von VMS befasst haben, ohne in all dies hineinzugeraten. Vielleicht löst man nicht das große Geheimnis, aber man entdeckt kleinere Wahrheiten. Das ist doch nicht schlecht, oder? [..]“ [S. 227]

S
J.J. Abrams und Doug Dorst
Phantastik-Plus
Kiepenheuer & Witsch
Oktober 2015
544

Funtastik-Faktor: 70

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