Steamtown-Die Fabrik – Carsten Steenbergen/T.S. Orgel

Auf Mörderjagd unter mutierten Ratten, Riesenamphibien und Wiedergängern

Steamtown © Papierverzierer
Steamtown © Papierverzierer

Steamtown – ein Stadt in der giftige Nebelschwaden die Luft zum Atmen rauben, mutierte Ratten in Arenen zur Schau gestellt und Tote zu Wiedergängern erweckt werden. Wen wundert es, dass an einem solchen Ort bestialische Morde geschehen? Vor der Bakers Hall hat der Mörder von Mr. Hartlefield nicht viel übrig gelassen. Eric Van Valen, ein junger Agent der Abteilung für innere Angelegenheiten, wird beauftragt, den Mörder, oder auch nur jemanden, der schuldig aussieht, zu fangen. Warum ihm ein saufender Pater und ein seltsam blasser und knochiger Typ mit tiefschwarzen Augen zur Seite gestellt werden, zeigt sich bald. Denn die Spur führt in den Untergrund Steamtowns und Pater Grand ist Ætheromant. Er kann den Plasma-Spuren folgen, die das Ermittler-Trio bald in eine wahrhaft schaurige Parallelwelt führen. Viele Leichen tauchen auf, menschlicher und nicht menschlicher Natur. Die Agenten stoßen auf eine Verschwörung, die selbst für eine Stadt mit so niedrigem humanitärem Niveau ungeheuerlich ist. Denn was sich jenseits der Mauern der Coleman Asylum Heilanstalt verbirgt, verschlägt selbst dem stets coolen Mr. Ferret den staubtrockenen Humor.

Aus Episoden entsteht ein Roman

Der Roman „Steamtown – Die Fabrik“ von T.S. Orgel und Carsten Steenbergen ist ursprünglich aus einem Online-Projekt entstanden und wurde auch als Hörbuch veröffentlicht (mehr dazu in dem bald folgenden Steamtown Blogtourartikel auf phantastisch-lesen). Es war sicherlich eine Herausforderung, diese episodenhafte Struktur aufzulösen und ein rundes Ganzes daraus zu machen.

In Bezug auf die Storyführung ist das gelungen. Wie viele Steampunk-Romane ist „Steamtown“ wie ein klassischer Krimi geplottet. Der Roman beginnt mit einem abscheulichen Mord, ein Ermittlerteam nimmt die Arbeit auf und präsentiert im Finale eine unerwartete Auflösung. Der Spannungsbogen bietet überraschende Wendungen, die Steampunk-Kulisse das passend düstere Ambiente. In Steamtown mischen sich Armut und Dreck des viktorianischen Zeitalters mit mutierten Monstern, lebenden Toten, Plasma und technischen Raffinessen. Nicht allein die ausnehmende Brutalität des Mörders, sondern auch das sonderbare Agententeam lassen darauf schließen, dass es um mehr geht, als ein Gewaltverbrechen.

Erzählt wird die Handlung  jeweils aus der Sicht der vier Ermittler Eric van Valen, Pater Grand, Mr. Ferret und Eleonore Taversham, alias Whiggs. Die Perspektiven wechseln zwar recht häufig, doch überwiegend sind die Übergänge gut auf einander abgestimmt. Oft übernimmt die folgende Szene ein Detail aus der vorhergehenden und schafft so einen passenden Übergang. Nur manchmal erscheint eine Passage seltsam isoliert, wie zum Beispiel die mit Erics Kindheitserinnerungen. Das hier Erzählte wird zwar später noch einmal aufgegriffen, aber nicht wirklich aufgelöst.

Was dagegen nicht so gut gelungen ist, ist die Vereinheitlichung der stilistischen Merkmale der verschiedenen Autoren. Einer von ihnen neigt zu Wiederholungen („Wo immer diese Drecksmonster herkamen – oder anders gesagt: aus welchem Pfuhl sie entstiegen..“ [Position 156])  und einer Anhäufung von Adjektiven (“..rumpelnder, quietschender und stöhnender Heizkörper..“ Pos 1348). Ein anderer verwendet gern nachgeschobene, nicht immer sinnfällige Kurzsätze („Gerade gut genug, um an einem trüben und regnerischen Herbsttag in milder Melancholie zu versinken. Meistens.“ Position 1149). Als störend fallen einige sprachliche Ausrutscher in dem überwiegend solide geschriebenen Text auf, beispielsweise Formulierungen wie „mehr als halbseiden“ [Position 103]  oder „Klinge [..], die auf ihn zufauchte“ [Position 2858].
Zudem wird des Paters Heim zwei Mal unterschiedlich beschrieben. Aus einem nicht vorhandenen Vorgarten („von grünen Pflanzen [..] war weit und breit nichts zu sehen“ [Position 1667]) wird ein vernachlässigter „in dem er mit viel gutem Willen sogar ein paar vertrocknete Rosen entdeckte.“ [Position 2501].

Ein Herz für Wiedergänger

© Stephan Orgel
© Stephan Orgel

Der Slogan zierte Aufkleber, die Stephan Orgel und Carsten Steenbergen 2011 auf der Role Play Convention in Köln zu ihrer Lesung verteilten. Nach der Lektüre von „Steamtown-Die Fabrik“ kann ich mich dem begeistert anschließen. Denn Mr. Ferret, der vierzig Jahre nach seinem Ableben wieder erweckte Agent, ist die interessanteste Figur in einem ohnehin originellen Ensemble. Eine Kombination aus Nüchternheit, Scharfsinn und trockenem Humor macht Mr. Ferret zu einem besonders sympathischen Charakter. Ihm verdankt der Roman so herrliche Dialoge, wie zum Beispiel den mit Eric Van Valen, als dieser sich an den Kampf mit der Meduse erinnert:

„Ich erinnere mich [..] daran, dass Sie tot waren, Mr. Ferret…“
„Das bin ich immer noch, Sir“ erwiderte Mr. Ferret unbekümmert. „Seit 40 Jahren. Keine Sorge, Sir, mir geht es hervorragend. [..] Ich bin also wieder ganz der Alte.“ [Position 1329]

Und so wunderbar anschauliche Szenen wie die, als Mr. Ferret vor der Heilanstalt auf seine Mitstreiter wartet:

Unbeweglich wie eine der Skulpturen verschmolz er nahezu augenblicklich mit der stillen Umgebung des Parks. [Position 3780]

Mr. Ferret analysiert jede noch so chaotische Sachlage nüchtern und formuliert seine Erkenntnisse mit subtilem Sarkasmus. Als Ermittler gibt er wertvolle Impulse und sorgt mit seinem dünnen Lächeln für ein wenig Entspannung, gerade wenn es brenzlig wird. Sehr unterhaltsam sind auch die Frotzeleien, die sich Grand und Mr. Ferret besonders am Anfang des Romans zuwerfen und selbst der bärbeißige Pater mit einer starken Abneigung für Wiedergänger sorgt sich um den nur äußerlich blassen Kollegen.

Pater Grand repräsentiert den Typ des abgewrackten Ermittlers aus einem Noir-Krimi; mit Schuldgefühlen überladen, dem Alkohol verfallen, unfreundlich und rücksichtslos. Die Rückschau auf seine dunkle Vergangenheit erklärt schlüssig, warum er so handelt, wie er es tut. Sein weibliches Pendant ist seine Nichte Eleonore, die in der Unterwelt lebt und ihren Onkel hasst. Ihr ist die bemerkenswerteste Entwicklung im Roman vorbehalten. In dieser illustren Runde wirkt der aus gutem Hause stammende Eric van Valen fast schon langweilig, doch auch er hat seine glanzvollen Momente.

Insgesamt ist „Steamtown – die Fabrik“ ein spannender Steampunk-Krimi, der genau die geheimnisvolle und retrofuturistische Atmosphäre atmet, die der Fan des Genres erwartet. Wie man es schon von anderen Büchern der Autoren kennt, lockern witzige Szenen und sarkastische Dialoge die düstere Atmosphäre angenehm auf, ohne dass diese Komik aufgesetzt wirkt. Carsten Steenbergen und T.S. Orgel verstehen sich auf detaillierte Schauplatzzeichnungen, packende Handlungsabläufe und skurrile Charaktere. Diese Qualitäten gleichen die angemerkten Schwächen locker aus und machen „Steamtown-die Fabrik“ zu einem spannenden Leseerlebnis mit Erinnerungswert.

Steamtown-Die Fabrik
Carsten Steenbergen/T.S. Orgel
Steampunk
Papierverzierer Verlag
August 2016
E-Book
424

Funtastik-Faktor: 69

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