Südlich der Grenze, westlich der Sonne – Haruki Murakami

Einst Skandalbuch des Literarischen Quartetts, heute ein Klassiker des Meisterliteraten aus Japan

Südlich der Grenze, westlich der Sonne © Dumont Verlag
Südlich der Grenze, westlich der Sonne © Dumont

“Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ von Haruki Murakami, 2013 erschienen, ist die Neuübersetzung eines Romans, der in Deutschland im Jahr 2000 zuerst mit dem Titel “Gefährliche Geliebte“ veröffentlicht wurde. “Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ hat die Übersetzerin Ursula Gräfe direkt aus dem Japanischen übersetzt, während mit “Gefährliche Geliebte“ eine deutsche Fassung der amerikanischen Übersetzung vorlag. Interessant ist sicherlich, wie sich nun die eine von der anderen Version unterscheidet.  Zudem verursachte “Gefährliche Geliebte“ seinerzeit einen Eklat in der TV-Sendung “Das Literarische Quartett“. Denn die Kritikerin Sigrid Löffler befand dieses Buch als “Fast Food“,  was sie vor allem auf Murakamis Beschreibungen der Sexszenen zurückführte. Der prominente Kollege Reich-Ranicki lieferte sich mit ihr einen kontroversen Schlagabtausch, der dazu führte, dass Löffler die Sendung verließ.

Vom verwöhnten Einzelkind zum Besitzer einer Jazz-Bar

Hajime ist ein einsamer zwölfjähriger Junge, der in der typischen Mittelstandssiedlung eines Vororts wohnt. Er ist ein Einzelkind, ein Umstand, der ihn von allen Klassenkameraden unterscheidet. Der Junge glaubt, alle anderen hielten ihn für verwöhnt und schwächlich, was auch seinem Selbstbild entspricht. Bis Shimamoto in Hajimes Klasse kommt. Sie hat ebenfalls keine Geschwister, ist gehbehindert und klug und wird Hajimes einzige Freundin. Gemeinsam hören sie Musik, sprechen über Bücher und vertrauen sich gegenseitig Geheimnisse an. Als Hajimes Familie wegzieht, gehen beide fortan auf unterschiedliche Schulen und der Kontakt verliert sich. Hajime wächst heran, lernt andere Mädchen kennen und macht erste erotische Erfahrungen. Seiner ersten festen Freundin Izumi bricht er das Herz, als seine Affäre mit ihrer Cousine auffliegt.
Zum Studium der Literaturwissenschaft geht Hajime nach Tokio. Schließlich lernt er auf einer Reise seine spätere Ehefrau Yukiko kennen. Der Schwiegervater, ein erfolgreicher Unternehmer, bewahrt in davor, im Schulbuchverlag zu versauern und ermöglicht ihm die Eröffnung einer Jazz-Bar. Hajime arbeitet nun in seinem Traumberuf, hat zwei Töchter und ein Wochenendhaus. Aus dem verwöhnten, schwächlichen Jungen ist ein glücklicher Vater und erfolgreicher Mann geworden. Bis Shimamoto seine Bar besucht.

Mehr als eine Männerphantasie

Aus der zeitlichen Distanz von sechszehn Jahren betrachtet, wirkt dieser Streit im “Literarischen Quartett“ (anzusehen bei YouTube, einfach “Literarisches Quartett“ und “Murakami“ eintippen) etwas lächerlich. Letztendlich drehte er sich darum, ob es sich bei “Gefährliche Geliebte“ um gehobene Literatur handelt, oder nicht. Frau Löffler argumentierte dagegen, denn ihr war die Sprache zu vulgär. Die Protagonistin bezeichnete sie als “nichts als eine Männerphantasie“. Die Herren Karasek und Reich-Ranicki bescheinigten der Sprache dagegen Zartheit und Kunstfertigkeit. Es ist höchst vergnüglich anzusehen, wie Löffler und Reich-Ranicki die Grundlage der  professionell sachlichen Argumentation verlassen und sich persönlich angiften. Und so beginnt meine Bewertung des Romans mit der Feststellung, dass ich eher den Herren beipflichten würde.

Mit 224 Seiten kommt das Buch vergleichsweise kompakt daher, obschon die Handlung sich über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren erstreckt. Die Geschichte über den Barbesitzer Hajime konzentriert sich auf dessen Begegnungen mit Frauen, insbesondere der Freundin aus Kindertagen Shimamoto.
Der Leser trifft auf  jene Protagonisten, die er in abgewandelter Form in allen Murakami Romanen findet; ‚er‘, der einsame Wolf und ’sie‘, die Geheimnisvolle, starke Persönlichkeit. Diese ’sie‘ steckt in Shimamoto, der ersten und wiedergefundenen Liebe, aber auch in der Ehefrau der Hauptfigur Hajime. Seine Ehefrau verhilft ihm zu seinem beruflichen Traum und einer Familie. Shimamoto holt den Schuljungen aus seiner Einsamkeit, erscheint Jahre später wie ein Traum, der Wirklichkeit wird und entfacht in Hajime eine überbordende Obsession.
Shimamoto verkörpert ebenfalls das phantastische Motiv einer Todbringerin. Sie verschwindet im Nichts, wandelt sinnbildlich am Ufer des Styx und hegt den Gedanken, sich und Hajime in’s Jenseits zu befördern. Die Motive Einsamkeit und Tod bilden den Rahmen für diese dramatische Liebesgeschichte. Dem Sex kommt eine zentrale Rolle zu und Murakami beschreibt verschiedene Varianten sachlich und detailliert. Die leidenschaftliche Affäre mit der Cousine der ersten Freundin klingt naturgemäß vulgärer, als Hajimes erstes Mal oder die intensive und zugleich entrückte Liebesnacht mit Shimamoto. Murakamis Schreibe tritt hinter dem Geschehen zurück und lässt es dadurch unmittelbar und pur auf den Leser wirken. Diese stilistische Zurückhaltung im Dienst der Geschichte ist eine der großen Stärken Murakamis, eine literarische Kunstfertigkeit und alles andere als “Fast Food“.

Die neue Übersetzung

Die Wahl des Titels geht vermutlich nicht auf die Übersetzerin Ursula Gräfe zurück, doch zeigt sie bereits die Absicht, den deutschen Text dem Original wieder näher zu bringen. Denn „Südlich der Grenze-westlich der Sonne“ ist die wörtliche Übersetzung des japanischen Titels “Kokkyo no minami, tayo no nishi“. Ob und wie dies im weiteren Text umgesetzt wurde, lässt sich ohne Kenntnisse der japanischen Sprache nicht feststellen. Der Vergleich von “Gefährliche Geliebte“ [btb Ausgabe, November 2008]  mit der Neuübersetzung “Südlich der Grenze-westlich der Sonne“ zeigt allerdings, dass diese weniger europäisiert klingt, sondern  prägnanter wirkt, teilweise auch ein wenig abstrakt. So wurde zum Beispiel aus dem Satz

»In dieser Welt gibt es Dinge, die man ein zweites Mal anders machen kann und Dinge, bei denen das nicht geht. Und die Vergangenheit ist eines dieser Dinge, die man nicht ungeschehen und dann anders machen kann.« [btb, S. 22]

in der neuen Übersetzung das weniger bildlich formulierte

»Es gibt Dinge, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Ist man einmal an einem gewissen Punkt angekommen, gibt es kein Zurück mehr.« [DuMont, S. 18]

Andererseits wurde die Anrede “Shimamoto-san“, die vermutlich dem Wortlaut des Originals entspricht, zu “Shimamoto“ vereinfacht. Vielleicht weil der europäische Leser durch die Förmlichkeit eine kulturelle Bedeutung  voraussetzten könnte, die der Handlung nicht entspricht.

“Südlich der Grenze-westlich der Sonne“ ist ein intensiver Roman  über Liebe, Sehnsucht und Endgültigkeit, verpackt in einer dichten und komprimierten Erzählung, die durchaus Raum für mehr erzählerisches Beiwerk gehabt hätte. Am Ende bleiben, wie so oft in Murakamis Büchern, offene Fragen, denen der Leser nachgehen oder nachspüren darf. Ein Geschenk, das der japanische Autor mit jedem seiner Romane macht.

Diese Rezension von mir (Eva Bergschneider) erschien zuerst bei Booknerds.de

Südlich der Grenze, westlich der Sonne
Haruki Murakami
Phantastik-Plus
Dumont Buchverlag
2013
224

Funtastik-Faktor: 80

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