Basement Tales – Tom Becker,Germaine Paulus (Hrsg)

THE DANDY IS DEAD PRÄSENTIERT BASEMENT TALES

Basement Tales 1 © The Dandy is dead
Basement Tales 1 © The Dandy is dead

Schleicht Euch in ein SPERRGEBIET und steigt in einem abrissreifen Haus in einen modrigen Keller. An einer Wand lehnt, durch unsichtbare ätherische Fäden zusammengehalten, ein maroder Glaskasten, aus dem Euch ein mumifizierter SCHWARZER HAI aus trüben Augen anglotzt.

Durch fette, hartnäckig an Euch klebende Spinnweben hindurch stapft Ihr zu einer mit einem dicken Vorhängeschloss gesicherten, von Rost zerfressenen Eisenkiste. Ein Schlag mit dem Hammer und es springt auf. Während Ihr den Deckel knirschend anhebt, wirbelt Ihr eine Wolke aus Staub, Dreck und Mauseköteln auf.

Vor Euch liegen Pulp-Hefte: zerknittert, vergraut, zerschrammt, mit Eselsohren. Zwischen den Seiten knistern vertrocknete Kakerlaken und anderes Geschmeiß. Seid Ihr mutig, nehmt Ihr sie nacheinander in die Hand. Spätestens, wenn Ihr den BODENSATZ erreicht habt, müsst Ihr zur Erholung den Blick heben. Und durch ein schmutziges Kellerfenster erhascht Ihr so etwas wie einen Pool. Auf einer rostroten Flüssigkeit schwimmt ein knallroter Ball. Neben einer Leiche. WHO’S THE DEAD PERSON IN THE POOL?

Alles ist erlaubt, solange es nur ein wenig merkwürdig ist

Verleger Tom Becker und Ehefrau Germaine Paulus, die in Deutschland zu den begnadetsten Schreiberinnen zählt (siehe „Dunkle Ziffern„) da sie Stimmungen wie keine andere einfängt, scharen für die „Basement Tales“ Autorinnen und Autoren um sich, die die schrägsten, durchgeknalltesten und bösesten Ideen haben. Alles ist erlaubt, das merkwürdig ist. Genre egal.

»Stories for dark moments, wild moments, strange moments and all that shit that may happen if you go downstairs.«

Basement Tales 2 © The Dandy is dead
Basement Tales 2 © The Dandy is dead

Die Basement Tales fallen aus jedem Rahmen moderner Publikationen. Sie erwecken den Anschein, als wären sie aus den Fünfzigern, Sechzigern, als es üblich war, sich am Zeitungskiosk ein Romanheft pro Woche mitzunehmen. An diese Tradition knüpfen die Basement Tales an. Nur stilisieren sie die wabbeligen Hefte zu Kunstwerken hoch. Ihr Partner ist dabei die Hochschule der Bildenden Künste Saar, die im Wintersemester 2018/19 einen offenen Kurs zu »Sex, Crime & Print« anbot. Für jede Kurzgeschichte entstanden Plakate, die die Studenten als Risographie – eine spezielle Printtechnik aus Japan – druckten. Jedem Heft liegen zwei bis vier zufällig ausgewählte Plakate bei.

»Je höher das Risiko, desto stärker schrie das Leben seinen ungebrochenen Willen in die Welt hinaus.« [S. 47 in »Bodensatz« Germaine Paulus]

Hommage an Heftromanen und Kurzgeschichten

Meine persönliche Beziehung zu den Basement Tales begann 2019 im amerikanischen Georgia in einem Creek, in dem im März die Ratsnakes, Copperheads und anderes gefährliches und giftiges Getier in tiefem Winterschlaf lagen. Die Biber wuselten jedoch in dem naturbelassenen Bachbett herum. Vor meinen Augen das Heft »Sperrgebiet«, dessen erste Geschichte von Christoph Marzi in einem Creek mit Bibern spielt. Na schönen Dank auch, hätte er mal schlechter geschrieben; meiner Vorstellungskraft war im Urlaub nicht langweilig. Gejubelt habe ich bei Norman Liebolds »Parzifal«, der die Geschichte sogar als Hörspiel produzierte und auf einigen Bühnen mit mehreren Autor*innen vortrug. Diana Kinnes »Zimmer Nr. 10« zeigt sich ähnlich amüsant, obwohl beide äußerst denkwürdige Aussagen treffen. Christian Endres Geschichte ist böse, niederträchtig und gemein, wie so viele andere Stories in den Basement Tales.

Basement Tales 3 © The Dandy is dead
Basement Tales 3 © The Dandy is dead

Allen Autoren ist gemeinsam, dass sie die Form der Kurzgeschichte bis zum Äußersten ausreizen. Dass sie sie als Medium dafür nutzen, das, was in unserer aktuellen Gesellschaft schiefläuft, anzuprangern auf eine perfide und eindringliche Art. Wie zum Beispiel Isa Theobald mit ihrer Geschichte »Im Kerker« den Missbrauch von Schutzbefohlenen thematisiert.

Mit dem »Bodensatz« fingen die Basement Tales an, Christian von Aster begab sich im verruchten Manchester auf die Spuren eines sich selbst umgebracht habenden Wissenschaftlers; Germaine Paulus ergründete die Kraftquelle einer Bodybuilderin; Heike Schrapper begegneten dämonische Wichtel; Alex Jahnke philosophiert über die letzten Worte.

Die Geschichten der Basement Tales 3 »Who’s the dead person in the pool?« tauchten nicht nur unter die Wasser- bzw. Blut-Oberfläche eines Pools, sondern ebenso in unsere menschlichen Abgründe, gebeutelt vom Schicksal und bewussten Entscheidungen und deren Konsequenzen. Sonja Rüther ließ eine Elfjährige eine Familie in (Un-)Ordnung bringen; Hans Gerhard steuerte eine Endzeit-Zombie-Geschichte bei; Juma Kliebenstein erfand den berüchtigten roten Ball; während M.H.Steinmetz – nein, ich verweigere die Aussage, lest selbst!

Grauenvoll großartig

Mit Ausgabe 4 zeigt sich die steigende Beliebtheit der Serie: mehr Seiten, mehr Geschichten, mehr Kunst. Carsten Steenbergen blickt weit in eine menschenverachtende Zukunft; ein Fan sucht einen verschollenen Rockstar – Christian Endres; das Gemälde »Schwarz« eines verstorbenen Industriellen soll gewinnbringend versteigert werden – Nic Parker; Axel Hildebrand lassen eine Prinzessin den »schwarzen Hai« nach der unerbittlichen Wahrheit fragen.

»Menschen, die hungern, verlieren ihre Skrupel schnell.« S. 37 in [»Der schwarze Hai» Isa Theobald]

Basement Tales 4 © The Dandy is dead
Basement Tales 4 © The Dandy is dead

Tiere ebenso, um an das vorangegangene Zitat anzuknüpfen. David Gray, der Mann ohne Biographie, lässt eine skrupellose Krankenschwester eine ganze Republik retten.

Der Verlag „The Dandy is dead“ plante ursprünglich nur sechs Ausgaben der Basement Tales. Im August 2020 sind wir bei Ausgabe Acht »Kopflos«. Für den Dezember ist Ausgabe Neun geplant, danach liegt die Zukunft im Keller – oder darunter.

Warum sollte jemand die Basement Tales lesen, die von Grusel, Horror, Schauer und Ekel geprägt werden? Weil sie die Kurzgeschichte feiern, der Créme de la créme deutschsprachiger Autor*innen einen seelischen Abenteuerspielplatz bieten, all das zu schreiben, was woanders angelesen in hohem Bogen in den Papierkorb geflogen wäre.

Die Basement Tales sind grauenvoll großartig.

Amandara M. Schulzke

Basement Tales
Ausgaben 1 - 4
Tom Becker,Germaine Paulus (Hrsg)
Horror und merkwürdiges aller Art
The Dandy is dead
ab September 2018
um die 50 Seiten
Studenten der Hochschule der Bildenden Künste Saar

Funtastik-Faktor: 85

2 Gedanken zu „Basement Tales – Tom Becker,Germaine Paulus (Hrsg)

  1. Hallo Eva,

    O.K. das Zauberwort hierbei ist Kurzgeschichten.
    Gerne gemerkt , denn ich mag Kurzgeschichte sehr.

    Danke für das Vorstellen…LG..Karin..

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