Der geheime Name – Daniela Winterfeld

Der geheime Name © Droemer-Knaur
Der geheime Name © Droemer-Knaur

Moderne und hintergründige Version des Märchens vom Rumpelstilzchen

Von Ort zu Ort an die schönsten Plätze der Welt ziehen, einem ewigen Sommer folgen, dafür auf Freundschaften und das Gefühl von „hier gehöre ich hin“ zu verzichten und nicht einmal zu wissen warum. All das will die neunzehnjährige Fina nicht mehr.

Der nächste Umzug steht an, dieses Mal nach Neuseeland. Finas Mutter mangelt es nicht an den finanziellen Mitteln ein schönes Haus zu kaufen, doch ein Zuhause wird es nicht werden. Angeblich fliehen sie vor Finas Vater. Doch als die Tochter ihrer Mutter zu einem Date folgt, erkennt sie deren Geliebten, denn sie hat heimlich ein Foto von ihrem Vater aufbewahrt. Ihre Eltern lügen sie an und verwehren ihr ohne ersichtlichen Grund ein normales Leben. Höchste Zeit sich an das einzige Familienmitglied zu wenden, dem Fina noch vertrauen kann, ihre Großmutter in der Lüneburger Heide in Deutschland.

Die düstere  Heidelandschaft fasziniert Fina auf langen Spaziergängen. Doch bald fühlt sie sich auch hier verfolgt, obwohl sie niemanden sieht. Nach einem Fehltritt ins Moor droht Fina zu ertrinken und wird von einem verwahrlosten Mann gerettet. Ein junger Kerl, der sich selbst als „es“ bezeichnet, sich untertänig niederduckt und in einer Erdhöhle lebt. Fina und ihr Retter haben die Grenze zu einer Anderswelt überschritten aus der der geheimnisvolle Mann scheinbar stammt. Trotz seiner Fremdartigkeit verliebt sich Fina in Mora, will ihn retten und in ihre Welt mitnehmen.  Doch Moras Herr wacht über das Geschehen. „Der Geheime“  wurde einst betrogen und schmiedet nun finstere Rachepläne, in denen Fina die Hauptrolle spielt.

Zeitgemäße Adaptionen der Grimm’schen Märchen werden immer wieder in verschiedenen Formaten  umgesetzt und um 2012-2014 boomte diese Variante der Urban Fantasy. In Büchern (z.B.: Diana Menschig-„So finster, so kalt“ oder  Brom „Der Kinderdieb“), im TV („Once upon a time“) und auf der Kinoleinwand („Snow White and the Huntsman“, „Hänsel und Gretel-Hexenjäger“) begegnet der Liebhaber des Phantastischen jenen Märchenfiguren, die er aus Kindertagen kennt, in ungewohnter Umgebung.

Daniela Winterfelds „Der geheime Name“ nimmt sich einer der interessantesten Figuren der Märchenwelt an, dem Rumpelstilzchen. Wer kennt nicht dieses um das Feuer tanzende Männchen und seine unheilvollen Verse:

„Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind; ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Die meisten Leser haben ein bestimmtes Bild des Wichts vor Augen und kennen die Geschichte zumindest ungefähr.  Das bedeutet für eine moderne Adaption, dass Hauptfigur und Plot einerseits wiedererkennbar sein und zugleich zu einer neuartigen Variante verwandelt werden sollten. Bekannte und neue Storyelemente, sowie märchenhaftes und modernes Setting gilt es ausgewogen zu mischen.

Die Geschichte in „Der geheime Name“ beginnt beschaulich und ein wehmütig zugleich. Wir lernen Fina, die Tochter einer wohlhabenden Immobilienmaklerin kennen, die sich um ihr Leben betrogen fühlt und aus der Provence nach Deutschland flieht. Atmosphärisch dicht beschreibt die Autorin die Herbstlandschaft der Provence als eine schöne und vergängliche Idylle, die Fina fluchtartig verlässt, um in der nebelverhangenen Moorlandschaft der Lüneburger Heide anzukommen.  Hätte Rumpelstilzchen nicht bereits im Prolog seinen zornigen Auftritt gehabt und wären wir nicht Zeugen einer grausamen Züchtigung des versklavten Jungen geworden, könnte man anfangs glauben, man lese einen Jugendroman um ein verzweifeltes Mädchen.  Doch auch Finas Recherchen und Gespräche mit ihrer Oma bauen eine düstere Kulisse auf, die die Stimmung des Romans von Beginn an unheimlich macht.

Eine Nuance „Kaspar Hauser“ wohnt der Charakterentwicklung Moras inne, was ihr Glaubwürdigkeit und Tiefe verleiht. Dazu trägt auch der Bezug zur Vertreibung der Roma, bei. Daniela Winterfeld  erinnert an die immer noch weltweit praktizierte Ausgrenzung einer ganzen Volksgruppe, indem sie dieses Leid in Moras Lebensgeschichte einflechtet.  Hier beweist die Autorin das Fingerspitzengefühl, Gesellschaftskritik und phantastische Unterhaltung unter einen Hut bringen zu können (siehe auch: Interview mit Daniela Winterfeld auf Literatopia). Einige Details der Begegnung  von Mora und Fina wirken allerdings doch etwas fragwürdig. Man wundert sich zum Beispiel, warum Finas Großmutter zwar aus Angst vor Verfolgern das Haus hermetisch verriegelt, aber kein Problem damit hat, wenn die Nichte nächtelang ohne Rückmeldung fort bleibt.

„Der Geheime“ entspricht erstaunlicherweise ziemlich genau dem Bild, das man sich auf Grundlage des Märchens von ihm macht; ein kleines hässliches Männchen mit großen Augen und einem sechsten Finger, mit dem es Gold erschaffen kann.  Gruselig erscheint er nicht nur durch die Folterungen, die er Mora antut, sondern auch durch einen langjährigen bösartigen Werdegang, den die Autorin in alptraumhaften Bildern schildert. Den Gesinnungswandel bezüglich seiner Zukunftsplanung nimmt man ihm dagegen nicht ganz ab.

Fazit

„Der geheime Name“ ist ein schaurig-schöner Roman, der das Grimm’sche Rumpelstilzchen in einer Urban-Fantasy-Geschichte als kaltherziges Monster in Szene setzt. Die Handlung ist überraschend spannend und düster. Sie weist lediglich im Mittelteil, während sich Fina und Mora in der Erdhöhle näher kommen, einige Hänger auf, was daran liegen mag, dass hier einige Details nicht stimmig erscheinen.  Überzeugend ist die Charakterentwicklung, vor allem die Moras und des „Geheimen“. Fina überzeugt als sympathische Kämpferin, hinterlässt aber sonst keinen nachhaltigen Eindruck. Liebhabern von düsteren Märchenadaptionen  kann der Roman „Der Geheime Name“ von Daniela Winterfeld wärmstens empfohlen werden. Das fand offensichtlich auch die Jury des SERAPH Preises und nominierte den Roman 2013 in der Long-List der Kategorie „Bester Roman“.

Diese Rezension von mir (Eva) erschien zuerst bei Literatopia.de

Der geheime Name
Daniela Winterfeld
Fantasy
Droemer-Knaur
Januar 2013
528

Funtastik-Faktor: 70

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