Der Ruf des Henkers – Björn Springorum

Gruselige Geschichte mit einer historischen Persönlichkeit

Der Ruf des Henkers © Thienemann Verlag
Der Ruf des Henkers © Thienemann Verlag

»“Du bist der Sohn des Pfarrers. Dir wird man glauben, wenn Du ihnen erzählst, dass wir an diesem Abend oben beim Weiher waren. [..]“
„Ich soll schon wieder für Dich lügen, Liz? Wie letztes Jahr, als die Kinder verschwanden?“
„Für mich? Aber nein, doch nicht für mich. Für uns, Richard. Für uns…“ [S. 9]«

Und so geschieht es, dass Richard Winters seine Angebetete vor dem Galgen rettet. Doch dafür zahlt er einen hohen Preis: er muss bei dem berüchtigten Henker William Calcraft in die Lehre gehen. Gemeinsam ziehen der Henker und sein Schüler von Schafott zu Schafott  und erledigen ihren morbiden Job. Richard lernt schnell, die Größe und das Gewicht eines Verurteilten richtig einzuschätzen, das passende Seil zu wählen und den Hebel ins Jenseits umzulegen. Und auch die scheußlichen Wesen aus der Unterwelt zu bekämpfen, vor denen sein Meister die Menschheit beschützt.

Nach dem Aufenthalt an vielen unerfreulichen Orten fühlt sich Richard im ‚Golden Rose‘, einem Gasthof in Whitechapel wohl. Benjamin Goldberg und seine Nichte Rose sind freundliche Gastgeber und Richard trifft in London seine Liebe aus der Heimat wieder. Doch es gibt Arbeit zu erledigen und das gruseligste aller Gefängnisse, Newgate, hält weitaus schlimmere Schrecken bereit, als die Todeskandidaten. Formwandler warten hier darauf, die Welt der Menschheit zu überrennen.

Drei Erzählerperspektiven

Den Henker William Calcraft gab es wirklich. Er verrichtete seinen Dienst von 1829 bis 1874 und exekutierte in den 45 Jahren 450 Verurteilte. Er war bekannt dafür, dass er für die Hängenden eine recht geringe Fallhöhe wählte und so ihren Tod oft hinauszögerte. Die Geschichte in „Der Ruf des Henkers“ ist jedoch Dark-Fantasy und der fiktive Calcraft ist sympathischer, als der historische.

Drei Protagonisten erzählen aus ihrer Perspektive in der Ich-Form, den überwiegenden Anteil Richard Winters. Einige Passagen schildert Henker Calcraft und von der Nichte des Gastwirts, Rose, lesen wir Tagebucheinträge. Diese sind für die Handlung zunächst entbehrlich, denn sie erzählen hauptsächlich von der Verliebtheit des Mädchens in den Henkerslehrling und sorgen so für ein wenig Romantik. Später beobachtet Rose Richards Aktivitäten und findet Hinweise darauf, was um ihn herum geschieht.

William Calcraft ist als Geheimniskrämer und Grübler nicht gerade sehr kommunikativ. Man fragt sich zu Anfang warum er Richard überhaupt in seine Dienste nimmt. Von dem Henker erfahren wir mehr über die Hintergründe seiner eigentlichen Mission, Formwandler zu jagen. Williams Calcraft sorgt dafür, dass eine immer gruseligere Atmosphäre entsteht, indem er nach und nach das Ausmaß des Schreckens offenbart.
Richard Winters beschreibt in jugendlicher Art sein Leben mit Calcraft, seine schaurige Arbeit und die Schauplätze seiner Reisen. Und die Schrecken, die ihm begegnen. Darüber hinaus lässt uns Richard  an seinen widersprüchlichen Gefühlen zu Elizabeth teilhaben, einer naiven Verliebtheit, in die sich immer mehr Zweifel mischen.

Was ein Henkerslehrling von seinem Meister lernt und umgekehrt

Wie schon erwähnt ist William Calcraft in „Der Ruf des Henkers“ eher als Sympathieträger angelegt, obwohl er zumeist wortkarg daher kommt. Der Autor hat Einzelheiten aus dem Leben des historischen Calcraft neu interpretiert und eine vielschichtige Figur erschaffen, die einerseits barsch wirkt, aber auch über staubtrockenen Humor verfügt und sich manchmal von einer fürsorglichen Seite zeigt. Richard Winters dagegen ist ein gut erzogener Teenager, der bisweilen jugendlich rebellisch auftritt und aus dem strengen Regiment seines Meisters ausbricht.
Doch Richard entwickelt sich im Lauf der Handlung weiter, zunächst unsicher und verängstigt, gewinnt er immer mehr Selbstbewusstsein. Seiner Elizabeth ist er jedoch verfallen, obwohl er ihre Absichten zunehmend hinterfragt. Der Henkerslehrling ist eben doch ein ganz normaler Teenager. Sein Meister lehrt ihn, Verbrecher und Wechselbälger aufzuknüpfen und zu überleben und Richard den Meister, dass das Leben auch angenehme Seiten haben kann. Die Interaktionen der beiden gegensätzlichen Männer gehören zu den Highlights des Romans, oft  schwarzhumorig und stets von gegenseitigem Respekt geprägt.

Authentisch dreckig und bedrohlich

Björn Springorum ist erklärter Liebhaber und Experte Englands des 19. Jahrhunderts und das merkt man dem Roman auf jeder Seite an. Detailgenau und authentisch beschreibt der Autor besonders die Stadt London zu Beginn des industriellen Zeitalters. Richard und William erleben den Bau der weltweit ersten Untergrundbahn und besuchen die dunkelsten Orte der Stadt, Whitechapel und Newgate. Der Leser folgt ihnen durch Dreck und Gefahr in die Düsternis und an die wenigen angenehmen Schauplätze. In eine Gesellschaft, in der öffentliche Hinrichtungen als Freizeitevent angesehen werden, in der Armut und das Verbrechen allgegenwärtig sind.

Eine Schwäche des Romans ist das Fehlen eines Spannungsbogens, denn dem Leser ist schon auf den ersten Seiten klar, mit wem Richard und William es als Endgegner zu tun bekommen werden. Zwar hält die Geschichte am Ende noch eine Wendung bereit, mit der man nicht unbedingt gerechnet hat, doch insgesamt ist das Geschehen zu vorhersehbar. Dafür gibt es eine Reihe von kleineren bösen Überraschungen, die diesen Makel zumindest teilweise wettmachen.  Insgesamt ist „Der Ruf des Henkers“ ein düsteres Abenteuer im viktorianischen England mit einer faszinierenden, historischen Figur und einem jugendlichen Helden, der seine Rolle überzeugend erfüllt.

Der Ruf des Henkers
Björn Springorum
Dark-Fantasy
Thienemann Verlag
Februar 2016
352

Funtastik-Faktor: 70

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