Die wundersame Geschichte der Faye Archer – Christoph Marzi

Phantastisches Verwirrspiel um die Liebe

Faye Archer © Heyne
Faye Archer © Heyne

Manchen Büchern, die man in die Hand nimmt, scheinen bestimmte Klischees anzuhaften. „Frauenbuch“ oder „kitschig“ kommt einem vielleicht in den Sinn, wenn man Christoph Marzis „Die wundersame Geschichte der Faye Archer“ ansieht. Mit der freundlich hellen Hintergrundfarbe und der naiven Malerei auf dem Cover, darüber der Titel in kunterbunter Reliefschrift geschrieben. Auch der Klappentext scheint dies zu bestätigen, eine „berührende Liebesgeschichte“ wird angekündigt.

Der verstorbene Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki sagte einst, dass es in der Literatur nur die Liebe und den Tod als relevante Themen gäbe, das wäre ein guter Grund, „Faye Archer“ zu lesen. Aber schreibt Christoph Marzi nicht eigentlich Fantasy? Das hat er zumindest, denn mit seinen Romanen um die Uralte Metropole „Lumen“, „Lilith“, „Lycidas“ ist der Autor bekannt geworden. Laut Buchtitel scheint der Autor auch in diesem 2013 erschienenen Werk die phantastische Welt zumindest nicht ganz zu verlassen.

Faye Archer ist eine Mittzwanzigerin und lebt in Brooklyn, dem beschaulichen Stadtteil New Yorks. Sie ist Musikerin, begleitet sich zu eigenen Chansons am Klavier und verdient ihren Lebensunterhalt im Buchladen des Yoga- und Meditationslehrers Mica Sagong. Ihr Studium hat sie geschmissen und lebt nun für die Musik, klimpert auf ihrem Klavier und denkt sich neue Songs aus, wenn sie nicht gerade im Laden steht und Bücher oder Comics verkauft.

Der Anfang von Fayes wundersamer Geschichte wirkt tatsächlich, wie einer modernen Mädchenphantasie entsprungen. Aus dem Kabuff hinter dem Verkaufsraum des Ladens hört sie die Stimme eines jungen Manns sagen: »Geschichten sind wie Melodien.« und ist sofort von ihm fasziniert, obwohl sie ihn nicht einmal richtig gesehen hat. Zum Glück hat er ein Notizbuch vergessen, in dem sein Name steht. Und was tut die Frau von heute, wenn sie einen faszinierenden Unbekannten sucht? Faye findet Alex Hobdon bei Facebook und schickt ihm eine Nachricht. Eine Nacht lang schreiben sich die beiden Nachrichten, erzählen von sich und was ihnen im Leben wichtig ist. Alex arbeitet im Bereich Werbung, möchte aber eigentlich mit Comics, oder Graphic Novels wie man diese nun nennt, sein Auskommen verdienen. Treffen können sich Alex und Faye erst einmal nicht, denn der Zeichner fährt am nächsten Tag nach Chicago zur GraphiCon, um dort Verleger zu treffen.

Faye schwebt im siebten Himmel, beglückt durch die nicht nachlassende E-Mail Flut ihres Verehrers aus dem fernen Chicago. Doch dann sieht sie ihn in Brooklyn, auf seinem Roller, mit einer schönen Lady an seiner Seite, der er auf die Frage, wer Faye denn sei, antwortet: » Niemand«. Und das ist erst der Anfang von vielen seltsamen Ereignissen, die Fayes heile Welt gründlich auf den Kopf stellen.

„Die wundersame Geschichte der Faye Archer“ hat der Autor Christoph Marzi in eben dem bildhaften, poetisch anmutenden Stil geschrieben, den der geneigte Leser schon von ihm gewohnt ist. Den Zauber moderner Märchen macht die Verschmelzung von Stil, Stimmung und Ereignissen zu einem zeitgemäßen, aber leicht surrealen Bild aus, das den Leser in seinen Bann zieht. Dafür bedarf es einer mysteriösen Handlung, vor allem aber der richtigen Atmosphäre, getragen von einem detailreich beschriebenen Setting und schillernden Figuren.

All das ist in Christoph Marzis „Die wundersame Geschichte der Faye Archer“ in ausgewogener Mischung enthalten und verzaubert diejenigen Leser, die moderne und zugleich verträumte Geschichten mögen.

Der Leser erlebt die wundersamen Ereignisse aus der Perspektive der Protagonistin Faye Archer, die im Mittelpunkt der Geschichte steht. Faye lernen wir als passionierte Musikerin kennen, deren Gedanken und Emotionen stets von einem passenden Soundtrack begleitet zu werden scheinen. Wer selbst die Musik liebt und ein wenig Phantasie mitbringt, wird sich in Faye Archer wiederfinden, unabhängig davon, ob man die Künstler und Stücke, die Faye Archer hört, selber kennt. Faye Archer wirkt etwas altmodisch mit ihrem Wählscheibentelefon und mädchenhaft verträumt mit ihrem Faible für Buntes und Gepunktetes. Aber mit ihrem Job in der Buchhandlung, ihrer Kreativität als Songschreiberin und ihrem Flirt im sozialen Netzwerk, sowie den Streifzügen durch das New Yorker Nachtleben, ist sie fest im Hier und Heute verankert. Der Autor spielt geschickt mit zeitlichen Kontrasten, die sich auch in der Handlung widerspiegeln.

Alle Nebenfiguren, wie Fayes Freundin Dana als taffe Geschäftsfrau mit Klaustrophobie oder der Shaolin Meister und Buchhändler Mica Sagong mit einer Vorliebe für Comics, hat der Autor leicht exzentrisch charakterisiert. Alex Hobdon, ein talentierter Comic-Zeichner und emotionaler Typ, bleibt zwar etwas blass, was aber der Plot der Story verlangt, indem er ihm die Rolle des geheimnisvollen Lügners oder Zeitreisenden zuweist.

Den Schauplatz Brooklyn im Herbst beschreibt Christoph Marzi so anschaulich und schön, wie es kein Werbeprospekt besser tun könnte. Man bekommt richtig Lust darauf, durch die Parks zu schlendern, im Künstlerviertel zu bummeln, die hippen Cafés und Bars zu besuchen, in denen Faye verkehrt. Insgesamt ist die Atmosphäre das auffälligste Merkmal des Buchs. Anfangs heiter verträumt, im Laufe er Handlung ins unwirklich Düstere gleitend, reißt sie den Leser mit und immer tiefer in Fayes Welt.
Ein rundum empfehlenswertes Buch also? Mit wenigen, aber doch wesentlichen Abstrichen. Eine Frage, die Faye an Alex stellen könnte, brennt dem Leser nahezu unter den Nägeln. Doch sie bleibt ungefragt – warum bleibt Fayes Geheimnis. Das Ende passt zur Geschichte – entrückt und mit einem Hauch von Kitsch, allerdings sehr knapp gehalten. Es mag manchen Leser begeistern, ich hatte mir etwas mehr erhofft.

Diese Rezension von mir (Eva Bergschneider) erschien zuerst bei Booknerds.de

Die wundersame Geschichte der Faye Archer
Christoph Marzi
Fantasy
Heyne
August 2013
384

Funtastik-Faktor: 68

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