Herbstbringer – Björn Springorum

Düster und stürmisch

Herbstbringer © Baumhaus Verlag
Herbstbringer © Baumhaus Verlag

Nachdem Emily von der Familie Lanceheart adoptiert wurde, hätte für sie eigentlich das Leben eines ganz normalen Vorstadt-Teenagers beginnen können. Im Waisenhaus Sheltering Tree hatte Emily zwar kein unglückliches, aber doch einsames Leben geführt. Doch nun hatte sie eine gleichalterige Schwester, die ihr beibrachte, was für Mädels in ihrem Alter wichtig war: Klamotten, Musik und natürlich Jungs. Das Emily als Mädchen ohne jegliche Erinnerung an die Vergangenheit etwas Geheimnisvolles hatte, störte Sophie nicht. Sie war selbst von der fixen Idee besessen, dass ihre verschwundene Freundin Anne noch lebte. Auch ihr bester Kumpel Jake war ein Außenseiter, der bei seinem verrückten Großvater wohnte. Als Emily und Jake sich begegneten, schienen sich Seelenverwandte gefunden zu haben. Jakes Großvater reagierte hingegen äußerst erschrocken auf den Neuzugang im Dorf Woods End. Er glaubte offenbar, dass Emily identisch sei mit einer Verstorbenen, über die ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1833 berichtete. Dazu kamen seltsame Anfälle, die Emily unverhofft heimsuchten, im Geschichtsunterricht und im Kino, als sie mit ihren Freunden den Film Dracula schaute. In London sollte Emily schließlich das Geheimnis ihrer Vergangenheit endgültig einholen.

„Herbstbringer“ von Björn Springorum schaffte es auf der Shortlist der Debut-Titel des Seraph-Preises 2014. Dieser Jury-Preis wurde von der „Phantastischen Akademie“ zur Förderung der phantastischen Literatur ausgerufen. Was man auch immer von Buchpreisen halten mag, es lohnt sich einen Blick in die nominierten Bücher zu werfen, da sie ein Stück weit Qualität und Trends der deutschen Literatur widerspiegeln. Der Nachwuchsautor Björn Springorum bedient mit „Herbstbringer“ zumindest auf den ersten Blick das Trendthema Romantasy, das seit Stephenie Meyers „Twilight“ Romanen nicht mehr aus dem Repertoire der Urban Fantasy wegzudenken ist. Angesichts der Vielzahl entsprechender Publikationen in den letzten Jahren, darf man gespannt sein, welche Variante des Vampir liebt Mensch Themas der Autor Björn Springorum in „Herbstbringer“ vorstellt.

„Herbstbringer“ beginnt stürmisch. Der Prolog erzählt, wie ein Mädchen lebendig begraben wird. Sie hört die Reaktionen ihrer Familie, der Vater billigend, die Mutter verzweifelt. Anschließend blicken wir kurz in die Gedanken eines sehr alten Wesens, das durch den Hyde Park streift und sich an die Pest im Jahr 1665 erinnert. Danach flaut die Spannung zunächst wieder ab und wir erfahren, wie sich Emily in ihrer Adoptivfamilie und der neuen Umgebung von Woods End einlebt. Geschickt versteht es der Autor, die Spannungsschraube des Romans langsam aber stetig wieder anzuziehen, indem er immer wieder kurz die Geschehnisse um Vampiroberhaupt Michael einblendet und auch in Emilys Geschichte mehr und mehr Mysterien, wie den geheimnisvollen Zeitungsausschnitt und die Recherchen von Jakes Großvater, einbaut. Bis sich schließlich die Anderswelt von Vampiren, Untoten und anderen Kreaturen in aller Grausamkeit offenbart. Hier spart der Autor nicht an Härte und verwandelt die zunächst eher mäßig gruselige Teenager-Story zum Horror-Roman.

Die Charaktere sind zwar etwas stereotyp gezeichnet, wirken aber insgesamt glaubwürdig. Vor allem die Hauptprotagonistin Emily entwickelt sich vom schüchternen Mädel zur selbstbewussten Persönlichkeit, nachdem sie ihre Besonderheit angenommen hat. Vampire wie der selbstgefällige Michael oder Elias und seine Gefährten bieten sogar noch mehr Potential, dass zum Teil ungenutzt bleibt. Denn ihre Story kommt leider zu kurz. Man erfährt wenig darüber, was die Vampire in der Zeit, bevor der Herbstbringer sich ankündigte, getan haben. Wie sie davon erfahren haben, dass der verhängte Fluch Unerwartetes bewirkte. Es erscheint seltsam, dass die Oberhäupter nicht unternahmen, um die bevorstehenden Ereignisse zu beeinflussen. Auch Nosophoros‘ Auftritt lässt einige Fragen zurück.

Was den Roman „Herbstbringer“ trotz der genannten Schwächen zu einem besonderem Leseerlebnis macht, ist die facettenreiche Sprache des Autors. Mit einem poetisch verspielten Stil bis hin zu gradlinig lakonischen Formulierungen, trifft Björn Springorum stets genau den Ton, der die gerade vorherrschende Stimmung am wirkungsvollsten unterstreicht. Ganz natürlich und ohne belehrend zu wirken, fließen Bezüge zu englischen Klassikern und zur Historie des Landes in die Handlung mit ein. Somit transportiert der Autor ein Stück viktorianische Atmosphäre, die der Geschichte, trotz ihres düsteren Anstrichs, Charme verleiht.

„Herbstbringer“ ist ein spannender, schön geschriebener Jugendroman, der dem bereits strapazierten Vampir-Thema einmal mehr interessante Facetten abgewinnt.  Diese hätte der Autor ruhig etwas vertiefen dürfen. Insgesamt ist dem Nachwuchsautor Björn Springorum mit seinem stimmungsvollen und schaurigen Jugendroman „Herbstbringer“ jedoch ein eindrucksvolles Debut gelungen.

Diese Rezension von mir (Eva) erschien zuerst bei Literatopia.de

Herbstbringer
Björn Springorum
Horror/Dark-Fantasy
Baumhaus Verlag
2013
384

Funtastik-Faktor: 70

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