Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten – Becky Chambers

Der Weg ist das Ziel

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten - Becky Chambers © Fischer-Tor
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten © Fischer-Tor

Rosemary Harper nimmt einen Job als Verwaltungsassistentin auf dem Tunnler-Schiff „Wayfarer“ an. Mit einer gefälschten Identität hofft sie hier dem Unfrieden in ihrer Familie entfliehen zu können. Das Raumschiff „Wayfarer“ bohrt Wurmlöcher in das Weltall, um verschiedene Sonnensysteme mit Raumtunneln zu verbinden, was keine ungefährliche Aufgabe ist. Doch die Crew, bestehend aus vielen verschiedenen Spezies des Universums, ist ein eingespieltes Team. Die Regularien der Galaktischen Union verhindern zudem, dass in gefährliche Gebiete getunnelt wird. Oder?

Captain Ashby Santoso erhält den lukrativen Auftrag, einen Weg zum Raum der Toremi Ka zu bohren. Diese Spezies gilt als äußerst kriegerisch, doch der Ka-Clan soll in die GU aufgenommen werden. Die Crew der Wayfarer nimmt einen langen Weg zu dem am äußersten Rand des GU Raums liegenden Planeten Hedra Ka auf sich. Rosemary nutzt die Gelegenheit ihre Kameraden näher kennenzulernen; die verrückten Mechaniker Jenks und Kizzy und den Arzt und Küchenchef Dr. Koch, der zur aussterbenden Spezies der insektenartigen Grum gehört. Die Pilotin Sissix aus dem Volk der Aandrisk, die Ähnlichkeit mit Reptilien und äußerst komplexe Familienverhältnisse hat. Und sogar das extrem scheue Sianat-Paar Ohan, das zu mehr Rechenleistung als eine KI in der Lage und für das Tunneln unentbehrlich ist. Sie alle haben ihre Besonderheiten, Schrullen und Geheimnisse und halten zusammen wie Pech und Schwefel. Was auch kommen mag. Doch das Ende ihrer Reise stellt diese Verbundenheit auf eine besonders harte Probe.

Leben, Liebe, Freundschaft

Der eigentliche Handlungsplot, der Auftrag an die Wayfarer, einen Verbindungstunnel zu jenem zornigen Planeten zu bauen, hätte auf einem Bruchteil der 539 Seiten Platz gefunden und ist nicht so komplex, wie man es sonst aus SF-Romanen dieses Umfangs gewohnt ist. Dennoch tat die Autorin Becky Chambers gut daran, diesen Plot mit zusätzlichen Sequenzen und Geschichten auszustaffieren; über das Leben, die Liebe, die Freundschaft und den ganzen Rest. All das trägt wenig zur Kernhandlung bei und sind doch die wesentlichen Elemente dieses Romans. So vielfältig wie die Kulturen, die auf der Wayfarer vertreten sind, gestalten sich diese Kapitel. Erzählt werden sie aus der Sicht verschiedener Protagonisten, überwiegend jedoch aus der Rosemarys oder Ashbys. Zusätzliche relevante Informationen erhält der Leser durch Feed-Meldungen, durch Archiv-Artikel und persönliche Nachrichten oder Briefe. Auch wenn der Fortgang der Kernhandlung auf der langen Reise nach Hedra Ka in diesen Passagen fast zum Erliegen kommt, passiert jede Menge. Letztendlich geht es bei allen Konflikten und Begegnungen der Crew untereinander und außerhalb des Raumschiffs um die Frage, wie kulturelle Diversität und Gemeinsinn eine Gesellschaft bereichern und zusammenhalten.

Einige Autoren und Autorinnen erzählen in Interviews, das sich beim Schreiben ihrer Bücher die Dialoge und Aktionen der Protagonisten ein Stück weit verselbständigen. Das die Figuren im Kopf des Autors so schnell handeln und drauf los reden, das er/sie mit dem Schreiben kaum mitkommt. Genauso wirken die Protagonisten aus „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“. Was sie tun und sagen scheint manchmal den Handlungsrahmen zu verlassen und eigene Wege zu gehen. Manches Gespräch, manche Interaktion weicht seitenlang vom eigentlichen Thema ab, eröffnet aber einen tiefen Blick in die Persönlichkeit der Figur. Diese Intimität vermittelt die  Autorin leider nicht für alle Figuren gleichermaßen. Im Vergleich zu Dr. Koch, Ashby, Rosemary oder Kizzy bleiben Ohan und Corbin ein wenig unnahbar.

Space-Seifenoper?

Genauso intensiv wie die Charakterisierung der Figuren sind auch die Beschreibungen von den Schauplätzen der Handlung. Als Beispiel dazu möchte ich gern eine meiner Lieblingspassagen zitieren und beschränke mich dabei auf einige Sätze. Ich hätte die ganze Seite abtippen können:

» Ashby war ein toleranter Mensch, aber wer Port Coriol nicht mochte, sank ein wenig in seiner Achtung. [..] Endlos lange Straßen mit offenen Ladenfronten, die von Klamotten, Tand und allerlei Ramsch überquollen. [..] Kalte unterirdische, mit Bots und Elektronikchips vollgestopfte Bunker, in denen sich rund um die Uhr euphorische Techs und Modder mit allen nur vorstellbaren Implantaten drängten. [..] Eine Menagerie aus Geschöpfen, die sich in einer schwindelerregenden Vielfalt von Sprachen unterhielten, Hände schüttelten, Pfoten packten und über Tentakel strichen. [S.132 ] «

Becky Chambers Schreibstil ist leidenschaftlich und transportiert Begeisterung für die Geschichte, Figuren und Schauplätze. Selbst dann, wenn von einem ungemütlichen Ort wie dem ‚zornigen Planeten‘ die Rede ist. Diese Leidenschaft kommt auch in der Übersetzung wunderbar zum Ausdruck. Die teilweise überschwängliche Fabulierkunst der Autorin fängt Karin Will in passender Weise ein, ohne ihr einen eigenen Stempel aufzudrücken.

„Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ gehört nicht zur klassischen Science-Fiction, die sich auf die technischen Möglichkeiten oder auf zukünftige Gesellschaftsformen konzentriert, obwohl beides wichtige Bestandteile der Geschichte sind. Es geht in erster Linie um die schönen und bedrohlichen Erlebnisse der Protagonisten auf ihrer langen Reise ins Ungewisse. Die sie zusammenschweißen und die sie als eine Art von Familie gemeinsam meistern. Damit hat der Roman tatsächlich etwas von einer Space-Seifenoper – im besten Sinne. „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ hebt sich angenehm von den zuletzt omnipräsenten Weltuntergangsszenarien ab. Er vermittelt vielmehr ein positives Lebensgefühl mit emotionalem Tiefgang Der Roman ist eine schöne und spannende Utopie, deren Zukunftsbegeisterung nicht auf technischen Errungenschaften beruht, sondern auf einer ‚multispeziellen‘ Gesellschaft. Becky Chambers hat, nachdem der Auftaktroman einen eher schwierigen Start hatte, nun bereits den zweiten Teil der „Wayfarer“ Chronik geschrieben und unter dem Titel „A closed and common orbit“ in USA und UK veröffentlicht.

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten
Wayfarer-Reihe Band 1
Becky Chambers (Übersetzung Karin Will)
Science-Fiction
Fischer-Tor
Oktober 2016
539

Funtastik-Faktor: 78

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