Apocalypse Marseille – Andreas Gruber

Gut, wenn finster, nachdenklich, apokalyptisch oder auf der Grenzlinie zum Horror

Apocalypse Marseille - Andreas Gruber © Luzifer Verlag
Apocalypse Marseille © Luzifer Verlag

Andreas Gruber hat empfehlenswerte phantastische Literatur geschrieben, wie den Polizeiroman mit Horrorliteratur verbindenden „Judas-Schrein“, der mehr als ein Fußbreit in Cthulhus Reich hineinragt. In den letzten Jahren gewann der Kriminalroman, sehr erfolgreich zu Ungunsten des Übernatürlichen, die Oberhand. Bloß auf das Spiel mit  Literatur-und Märchenmotiven mag Gruber, zumindest in seiner Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez-Trilogie, nicht verzichten. Gut so.

„apocalypse marseille“ zeigt den literarischen Allrounder als Science-Fiction Autor. Das Kompendium versammelt Geschichten, die bereits früher andernorts und einzelnen erschienen sind, die Gruber jetzt, mehr oder minder überarbeitet und mit burschikosen Vorworten versehen, gesammelt in einem Band im Luzifer-Verlag veröffentlicht hat. Bleibt zu hoffen, dass der Verlag von der Bekanntheit seines Autors profitieren kann.

Während Krimis florieren, schien bis vor kurzem die Zeit, in der Großverlage Science-Fiction Reihen unterhielten und pflegten passé zu sein. Während Fantasy und All Age-Grusel florieren, führte das weite Feld der Science-Fiction, bis auf wenige Ausnahmen, ein bisschen Steampunk und dystopische Randnotizen,  ein Nischendasein. Deshalb ist es erfreulich, dass Andreas Gruber in diesem Bereich reüssieren darf. Und das mit Kurzgeschichten, ebenfalls nicht des deutschsprachigen Lesers Lieblingslektürekind.

Dreizehn Geschichten zwischen zehn und vierzig Seiten enthält „apocalypse marseille“. Und auch wenn Gruber ein solides Maß an handwerklichem und inhaltlichem Geschick nie unterschreitet, sind die Geschichten nicht durch die Bank gelungen. Sie verpuffen gelegentlich mit mediokren oder gar keinen Pointen („Biohybriden“, „Sabrina“, „“Die Weltmaschine“), plätschern ziellos vor sich hin oder enden einfach mit einem mageren Fazit („Asteroid CMG 8“). Dieses Understatement ist sympathisch, aber verwundert etwas bei einer Erzählform, die einen Teil ihres Reizes aus überraschenden  (W)endungen bezieht.

Gruber ist immer dann gut, wenn es finster, nachdenklich, apokalyptisch (wie es der Titel vermuten lässt), oder auf der Grenzlinie zum Horror getänzelt wird. Wie in „Der Maya Transmitter“, bei der geschickt mit Klaustrophobie und der Angstlust am Labyrinthischen spielt. Es erscheint möglich, dass sich das Grauen (oder eine außerirdische Bedrohung) jederzeit manifestiert. Vieles, was geschieht oder geschehen ist, bleibt im Vagen, die Story behält ein latentes Unbehagen bis fast zum Schluss. Der dann leider bloß eine abrupte Verpuffung ist.
Gelungen sind auch „Sieben Ampullen“, die gorige Familiengeschichte vom Ende der Erde, der schnelle und packende Mix aus „Krieg der Welten“ und einem Aufstand der Maschinen, „Wenn der Himmel gefriert“, die Titelgeschichte, dieses nachtschwarze Söldner- Endzeitspektakel, die zynische „Bodysnatchers“- Variante „Ramada Inn“ und die berechenbare, aber coole der-Killer-und-die-Nanobots-Ballade „Parkers letzter Auftrag“. Charmant ist auch der Ausflug auf die Titanic, mit einer gebrochenen, aber geglückten Schlusspointe.

Ziemlich misslungen ist die langatmige, allzu offensichtlich an Robert Sheckleys „Millonenspiel“ angelehnte, redundante und mit einem Anti-Climax endende Mediensatire „Weiter oder Raus“. Selbst das real existierende Fernsehprogramm ist perfider als diese wenig schlüssige chirurgische Metzgershow.  Deren dramaturgischer Kniff, die brutalen Verstümmelungen im Off stattfinden zu lassen, zwar die Verlogenheit der dargestellten Programmgestaltung bloßstellt, aber damit gleichzeitig auch ihre Erfolglosigkeit garantieren würde, die die Story ja negiert.

Lesenswertes findet sich indes genug, und auch im Scheitern bewahrt Andreas Gruber Stil und schafft Stoff zum Nachdenken.  Schön, dass es Publikationen wie diesen Erzählband gibt, der auch eine Art Entwicklungsgeschichte des Autors darstellt.

  • Sieben Ampullen
  • Ramada Inn
  • Biohybriden
  • Einundvierzig Grad nördliche Breite
  • Weiter oder Raus
  • Wenn der Himmel gefriert
  • Parkers letzter Auftrag
  • Der Maya-Transmitter
  • Sabrina
  • Raum Nr. 7
  • Apocalypse Marseille
  • Asteroid CMG 8
  • Die Weltmaschine

Diese Rezension hat Gastrezensent Jochen König geschrieben – Vielen Dank!

apocalypse marseille - 13 utopische Geschichten
Andreas Gruber
Science-Fiction
Luzifer Verlag
Dezember 2016
344

Funtastik-Faktor: 68

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