Die 13 Gezeichneten – Judith und Christian Vogt

Freiheit für Sygna, zurück zur Magie

Die 13 Gezeichneten - Judith und Christian Vogt © Bastei-Lübbe
Die 13 Gezeichneten © Bastei-Lübbe

Die Handwerkerstadt Sygna ist nach der Eroberung durch Kaiser Yulian Teil des großen Reichs Aquintanien. Die magischen Zeichen der Zünfte haben die feindlichen Musketen nicht aufhalten können. Doch es regt sich Widerstand in den Straßen und Tavernen Sygnas.

Ein ehemaliger Schreiner, Ignaz Dreifinger, ist der Anführer einer Rebellengruppe. Zu ihm gehören die Schmiedin Elisabeda, der Dichter Ismayl, der Müllerbursche Neigel, und das Straßenkind Jendra. Als Verstärkung rekrutieren sie mit einer List und ohne dessen Einverständnis den Schwertfechter Dawyd. Mit dem gelernten Kämpfer befreien sie in einer spektakulären Aktion den Hüter der Wortzeichen Simeon. Dabei sprengt Jendra Teile der Zimmerleutsbrück in die Luft und der betagte Dichter muss aus dem Flusswasser gerettet werden. Daran erkrankt er so schwer, dass kaum Zeit bleibt, sein Wissen an Ismayl weiterzugeben.

Unterdessen entdecken die Besatzer eine unterirdische Stadt mit verkehrt herum errichteten Bauten in einem Höhlensystem. Liegt hier eine dunkle und vergessene Kraft verborgen, die sich die Besatzer zu Eigen machen wollen? Kilianna, Tochter des Großgildenmeisters Erdhand, gibt die Salonrevolutionärin und arbeitet als Spionin für Ignaz‘ Gruppe. Sie kommt mit Dawyd dem Geheimnis auf die Spur und lenkt das Schicksal von Rebellen und Besatzern in eine unerwartete Richtung.

Tolle Charaktere in einer rasanten Story

Von Judith und Christian Vogt kenne und schätze ich die zwei Steampunk-Romane: „Die zerbrochene Puppe“ und „Die verlorene Puppe“ . Ende Mai lauschte ich den beiden Autoren in der Wohnzimmerlesung bei Fabienne Siegmund, als sie aus ihrem Fantasy-Roman „Die 13 Gezeichneten“ vorlasen. In drei Textpassagen stellten sie die Rebellen vor und entführten uns direkt in die magische Welt Sygnas. Judith und Christian erläuterten, dass die Zeitgeschichte zur Story der Napoleonischen Ära nachempfunden wurde. Sie hatten historische Fachbücher mit Bildern und Grafiken mitgebracht, bestens geeignet um zu demonstrieren, wie die Szenerie in dieser Welt aussehen könnte. Zudem ist der Schwertkampf ein wesentliches Element, den die Autoren selbst als Sport ausüben.

Judith u. Christian Vogt © Eva Bergschneider
Judith u. Christian Vogt © Eva Bergschneider

Es mag an der persönlichen Erfahrung mit Historischer Kampfkunst liegen. Oder auch daran, dass die Welt, in der die Stadt Sygna angesiedelt ist, bereits die Grundlage zum „Scherbenland-Rollenspiel“ bildet, das die beiden Autoren entwickelt haben. („Scherbenland“ ist übrigens unlängst mit dem Deutschen Rollenspielpreis ausgezeichnet worden). Jedenfalls wirken die Schauplatzbeschreibungen und Handlungsfolgen in „Die 13 Gezeichneten“ ungewöhnlich detailreich und lebendig, fast cineastisch. Der abgegriffene Werbespruch „Mittendrin, statt nur dabei“ beschreibt treffend das Leseerlebnis. Judith und Christian sind Historienkenner und übertragen geschickt die Atmosphäre der Französischen Revolution auf ihre phantastische Welt. Weg mit dem Standesdünkel der Gilden, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit für die, die dem Eroberer folgen. Es wird deutlich, warum Sygna trotz der Magie kapitulieren musste: die Zeichen sind den Gilden vorbehalten, die sich ehern an ihr selbsterschaffenes Regelwerk halten und das Hintergrundwissen vernachlässigen. Ein Versäumnis, das die Eroberer gnadenlos nutzen, um die Magie zu missbrauchen.

Eine ähnliche Detailverliebtheit finden wir auch bei den Charakteren, jeder einzelne hat individuelle Macken und sympathische Eigenschaften. Judith und Christian Vogt haben es geschickt vermieden, strahlende Helden zu stilisieren, oder übertrieben dämonisierte Bösewichter. Der Fechter Dawyd ist zunächst ein eitler Geck, der nach und nach seine Starallüren ablegt. Und Ignaz, der Geheimnisvolle gibt sich verschlossener, als der Gruppe gut tut.

Zick-Zack zwischen Aktion und Handlung verkürzt den Spannungsbogen

Härtester Gegner der Revolutionäre ist der Geheimpolizist Rufin, der ein klares Ziel vor Augen hat und dieses mit Tricks und Täuschungen verfolgt. Hier setzt meine Kritik am Handlungsaufbau an. Denn im Gegensatz zum Handeln der Aquintianer, sind die Aktionen der Rebellen diffus. Mal darauf ausgerichtet, mehr Schlagkraft zu erlangen, mal um das Treiben der sogenannten ‚Aquinzacken‘ zu vereiteln. Lange spielen sich Rebellen und Besatzer wie beim Ping Pong die Bälle zu, auf Aktion folgt Reaktion. Selbst die Entdeckung des unterirdischen Geheimnisses führt nicht unmittelbar zum Sturm auf die Bastille. Fast zwei Drittel des Romans sind gelesen, als wir endlich mehr über die Ziele der Revolutionäre erfahren. Viel zu spät. Die folgenden entscheidenden Ereignisse werden auf dramatischen, aber vergleichsweise wenigen Seiten abgehandelt. Worauf allerdings ein spektakuläres Finale folgt, das mit einer faustdicken Überraschung aufwartet.

„Die 13 Gezeichneten“ ist ein rasantes Fantasy-Abenteuer, das mit frischen Ideen, einem detailliert ausgestaltetem Hintergrund und faszinierenden Charakteren über weite Strecken bestens unterhält. Lediglich im Mittelteil hängt der Spannungsbogen durch, weil den beschriebenen Einzelaktionen ein roter Faden fehlt. In dieser Phase bricht die Lust, am Geschehen dranzubleiben, ein wenig ab. Doch am Ende holen Faszination und Neugier den Leser wieder ein. Denn wie soll es nach dieser Wendung am Ende bloß in der Reihe „Das Geheimnis der Zeichen“ weitergehen? Zwei Teile werden diesem Auftakt folgen, Band 2 „Die 13 Gezeichneten – Die verkehrte Stadt“ ist für März 2019 angekündigt.

Eva Bergschneider

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Die 13 Gezeichneten
Das Geheimnis der Zeichen Band 1
Judith und Christian Vogt
Fantasy
Bastei-Lübbe
Februar 2018
590

Funtastik-Faktor: 73

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