Die Schwerter von Dara – Ken Liu

Game of Thrones auf asiatisch

Die Schwerter von Dara-Ken Liu © Droemer-Knaur
Die Schwerter von Dara © Droemer-Knaur

Das Inselreich Dara wird von Kaiser Mapidéré regiert. Sein Vermächtnis ist die Vereinheitlichung des Reichs; Sprache, Schrift, Maßeinheiten, Architektur der Städte – alles wird angeglichen. Um jeden Preis. Nach vierzehn Jahren Regentschaft versucht ein mutiger Mann mit Hilfe einer Art Lenkdrachen den Tyrannen zu töten. Erfolglos, der Attentäter wird vom Himmel geholt. Er kann allerdings entkommen und seine Tat erntet Bewunderung in der Bevölkerung Daras.

Schlossvogt Pira und Regent Crupo entledigen sich des Kaisers, sowie des Kronprinzen und setzten den unmündigen Erishi als Marionette auf den Thron. Der Zerfall des unter Zwang geeinten Reiches beginnt. Die Rebellen der ersten Stunde sind Huno Krima und Zopa Shigin, die eine Prophezeiung im Bauch eines Fisches finden und daraufhin ihren Eroberungsfeldzug beginnen.

In der Hoffnung, der uniformen Tyrannei zu entkommen, proklamiert nun jede Insel ihren eigenen König. Huno Krima krönt sich selbst. Doch ein erfolgreicher Rebell ist noch lange kein guter König, Mitstreiter, die Krima Paroli bieten, erleiden tödliche Unfälle. Die Zeit ist günstig für das Schlitzohr Kuni Garu und den geschassten Adeligen Mata Zyndu. Aus ihrer Robin Hood Bande formieren sie ihrerseits eine Rebellenarmee und gewinnen das Volk und Territorien Daras. Während Mata um die Insel Wolfstatze kämpft, greift Kuni nach der Hauptstadt der Hauptinsel Pan – und wird sich dadurch für immer mit Mata entzweien. Die Armeen zweier charismatischer Männer, die verschiedene Visionen haben und jeweils die Stärken und Schwächen des anderen genau kennen, stehen sich nun als erbitterte Feinde gegenüber. Der Kampf um Dara beginnt von neuem und jetzt mischen die Götter mit.

Ein zeitloser politischer Entwicklungsprozess

„Die Schwerter von Dara“ ist der Auftaktband zur „Seidenkrieger“ Trilogie und ein weiterer Output der seit „Game of Thronespopulären Art der Low-Fantasy. Krieg und Intrigen um die Weltherrschaft, ausgefochten mit vielen Menschenleben und wenigen phantastischen Mitteln. Die zu beherrschende Welt ist das Inselreich Dara. Geographisch und kulturell hat Dara Ähnlichkeiten mit Japan. Historisch greift die Geschichte ein Motiv des chinesischen Romans „Die Geschichte der drei Reiche“ auf, Lou Ghunanzhongs Erzählungen aus einer turbulenten Zeitperiode um den Untergang der Han-Dynastie (ca. 208 – 280). Die beschriebenen politischen Entwicklungen sind zeitlos, denn sie geschahen und geschehen in allen Zeitepochen. Aus der Tyrannei erhebt sich eine Rebellion und die siegreichen Befreier werden durch die Macht korrumpiert. Die Folge dieser Entwicklung sind endlose Kriege, die viele Menschenleben fordern und das einfache Volk ins Elend stürzen. „The Grace of Kings“ heißt das Buch im amerikanischen Original und es drängt sich der Verdacht auf, dass in der Titelwahl eine gewisse Ironie mitschwingt.

Geduld ist gefragt und wird belohnt

Ken Liu erzählt seine Geschichte in einem weiten Zeit- und Handlungsbogen. Ihr Kern umfasst 28 Jahre, jedoch blickt der Erzähler häufig in die Vergangenheit des Landes oder der Handlungsträger, die gerade vorgestellt werden. Von letzteren gibt es jede Menge, was den Einstieg in das Buch zunächst erschwert. Am Anfang des Romans befindet sich zwar eine Liste mit den Hauptpersonen, was deren Zuordnung etwas erleichtert, sie hätte allerdings ausführlicher ausfallen dürfen. Was wirklich fehlt ist eine Karte von Dara. Zwar wird auf den ersten Seiten die geographische Position jedes Königreichs und jeder Insel beschrieben, allerdings hätte man sich mit einem Blick auf eine Karte leichter orientieren können. Auf der Webseite des Autors zum Buch befinden sich mehrere Karten, die sich im Buch gut gemacht hätten.

Die Geschichte beginnt mit dem Attentat auf den amtierenden Kaiser, zugleich werden die Protagonisten Kuni und Mata eingeführt. Die ersten Kapitel erzählen ihre Lebensgeschichten, ehe die Kernhandlung wieder aufgenommen wird. Und gerade dann wenn man denkt, dass es mit der Story nun richtig losgeht, tritt ein neuer Akteur auf, der viele der folgenden Buchseiten für sich beansprucht. Einerseits bleibt durch die ausführliche Charakterentwicklung der Werdegang vieler Figuren plausibel, selbst wenn sie törichte Entscheidungen treffen. Andererseits wird man immer wieder aus der Kernhandlung herausgerissen und betritt komplettes Neuland, ohne Verbindung zum bisherigen Geschehen. Es dauert einige Kapitel, bis man sich an die ständigen Handlungs- und Schauplatzwechsel gewöhnt hat und einem roten Faden folgt. Die Geschichte wirkt zunächst fragmentarisch, jedoch verschmelzen die Rückblenden in die Vergangenheit und Szenen aus der Gegenwart miteinander und fügen sich wie Puzzleteile zu einem Bild.

»Die Stille um Mata herum bereitete sich aus wie ein Kräuseln auf der Wasseroberfläche, bis alle Männer auf dem Kai des Hafens von Toaza voller Staunen den hoch aufragenden Mann anstarrten. [S. 402]«

Es entwickelt sich eine komplexe und spannende Geschichte, die Ken Liu fabulierfreudig und leidenschaftlich erzählt, manchmal mit einer Tendenz zum pathetischen. Des Autors bildhafter Stil hat mir schon in der Kurzgeschichte „Mono no aware“ in der Anthologie „The Future is Japanese“ gut gefallen. Figuren wie Mata Zyndu, der riesenhafte Kämpfer, oder das Schlitzohr Kuni Garu sind zwar Stereotypen, aber trotzdem glaubwürdige Persönlichkeiten, die über sich hinaus wachsen. Im Guten wie im Schlechten. Mata kommt eher die Rolle des Buhmanns und Kuni die des Helden zu. Doch beide haben lichte und dunkle Momente, in denen sie kluge oder grausame Entscheidungen treffen. Die zerbrechende Freundschaft der selbsternannten Brüder Kuni und Mata ist der tragische Mittelpunkt dieses Auftaktbands. In der Rebellion vereint, wird nach den ersten Erfolgen immer deutlicher, dass sie in verschiedenen Richtungen unterwegs sind; Mata in die Vergangenheit des Feudalsystems, Kuni in die Moderne. Dieser Konflikt droht ganz Dara zu spalten und schürt den Krieg und weiteres Blutvergießen.

»Die Tradition will es, dass wir Männer das Schwert schwingen und die Rüstung tragen, aber wer von Euch kennt keine Mutter, Schwester, Tochter oder Freundin, die mutiger und stärker ist als ihr? [S. 303]«

„Die Schwerter von Dara“ erzählt zwar wie die meisten Fantasy-Epen eine von Männern dominierte Geschichte. Ken Liu führt jedoch einige starke Frauen, wie Jia Matiza (Kunis erste Ehefrau) Lady Risana (seine zweite Ehefrau), die Generalin Gin Mazoti oder Lady Mira, Matas Ratgeberin, ein. Sie beeinflussen durch Klugheit und List die Geschehnisse und gehen ihren eigenen Weg.

Asiatische Fantasy mit einem Hauch von Steampunk

Als Silkpunk, also eine asiatische Variante des Steampunk, wird dieser Roman gern bezeichnet. Des Kaisers Truppen und Kunis Armee entwickeln zur Verteidigung und Eroberung der Inseln originelle Luftschiffe und Unterseeboote. Auch die Anklage gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten finden wir in „Die Schwerter von Dara“, insofern passt der Vergleich mit Steampunk. Im Vordergrund der Geschichte steht die Vision um die Zukunft Daras, die Wahl der Mittel im Kampf um die Macht und die menschlichen Schicksale derer, die auf der einen oder anderen Seite kämpfen. Die asiatische Kultur prägt besonders den Umgang der Figuren miteinander. In jedem Treffen, in jeder Verhandlung entspricht die Sitzhaltung der Beteiligten einem persönlichen oder politischen Standpunkt. Und mancher der vielen Tode wurde von eigener Hand erwirkt.

Fantasy-Elemente sind im Auftaktband der „Seidenkrieger“ Reihe auf das Auftreten der Götter Daras beschränkt, ihr Eingreifen lenkt gelegentlich die Handlung. Jeder Gott steht für eine bestimmte Insel und versucht, diese zu begünstigen. Ob sie zudem einen umfassenderen Plan verfolgen, wird in „Die Schwerter von Dara“ nicht deutlich, der deutsche Titel des geplanten zweiten Bands „Die Götter von Dara“ legt diese Vermutung aber nah.

Insgesamt ist „Die Schwerter von Dara“ der Auftakt zu einem vielschichtigen Epos um die Herrschaft eines Inselreichs. Mit dem Hintergrund der asiatischen Historie und Kultur, sowie einigen Steampunk-Elementen, bringt der Roman neue und eigenwillige Aspekte mit in das Fantasy-Format, das George R.R. Martin begründet hat. Nach einem etwas holprigen Einstieg wird der Leser mit einer spannenden, oft brutalen Geschichte, die auch poetische Momente und viele eindrucksvolle Persönlichkeiten mitbringt, belohnt. Der zweite Band der „Dandelion Dynasty“, wie die Reihe im Amerikanischen heißt, „The Wall of Storms“ ist in den USA bereits im Oktober 2016 erschienen. In Deutschland kommt „Die Götter von Dara“ im Herbst 2017 auf den markt und auf den finalen Teil „Die Stürme von Dara“ müssen wir bis Februar 2019 warten.

Eva Bergschneider

Die Schwerter von Dara -
Seidenkrieger Trilogie - Band 1
Ken Liu (Übersetzung Katharina Naumann)
Fantasy
Droemer-Knaur
September 2016
736

Funtastik-Faktor: 75

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