Literaturcamp Heidelberg 2019 – es ging heiss her

Besser spät, als nie – mein #LitCamp19

©Eva Bergschneider

Begonnen hat das Literaturcamp Heidelberg 2019 (29. und 30. Juni 2019 im Dezernat 16) genauso, wie im Jahr 2017: mit Frühstück. Daniela vom veganen Genussblog „Teekesselchen“ (@Tee_kesselchen) hatte wieder geniale Brotaufstriche mitgebracht. Es konnte also nach Herzenslust mit Brot und Apfel-Whisky Marmelade, Birnen-Walnuss-Chili Pesto, veganem Schokoaufstrich, Gurke-Limette Gelee und Antipasti-Aufstrich geschlemmt werden. Dazu gab es Kaffee oder Tee.

Um 9:30 Uhr fanden wir uns zur Vorstellungsrunde im Foyer ein. Da die über 200 Teilnehmer sich jeweils nur mit dem Vornamen, dem Blognamen oder der Tätigkeit und drei Schlagworten vorstellten, ging es erstaunlich schnell. Interessant war, dass sich für die Sessionplanung wesentlich weniger Teilnehmer in die Schlange stellten, als im vorletzten Jahr. So konnten immerhin fast alle Sessions stattfinden, für die sich Interessenten meldeten. Es war kein großes Highlights am Samstag dabei, trotzdem gab es einige interessante Sessions zur Auswahl.

 

„Zurück in die Zukunft ist längst Vergangenheit“ mit Judith (@JudithCVogt) und Christian Vogt (@EisUndDampf) und James Sullivan (@fantasyautor)

James E. Sullivan, Judith u. Christian Vogt ©Eva Bergschneider

Die drei Referenten vertraten jeweils drei Thesen, die beschreiben, was Science Fiction Literatur heute bedeutet. Judith stand für die These „Zukunft ist Gesellschaft“ und somit für eine gesellschaftskritische SF Literatur wie sie Ursula K Le Guin schreibt. Christian vertrat „Zukunft ist Naturwissenschaft“ und damit eine SF à la Arthur C. Clark, der einmal geschrieben hat „Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.“ James vertrat „Zukunft ist Gegenwart“ damit die These, dass SF Literatur unsere aktuelle Situation spiegelt und extrapoliert.

Die Diskussion drehte sich um literarische Themen wie Dystopie, Utopie, Apokalypse, und Theorien wie der Laplacescher Dämon. Schnell verlagerte sie sich zu aktuell brisanten Themen wie Klimawandel, Wertesystem, bedingungsloses Grundeinkommen und Kapitalismuskritik. Für meinen Geschmack ging der Bezug zur SF-Literatur in der Diskussion zu schnell verloren und beschränkte sich auf die gesellschaftspolitische Ebene. Als solche erbrachte sie allerdings wertvolle und wichtige Denkanstöße.

 

„Kritik ist ein Geschenk“ mit Barbara Weiss (@blues1ren)

Barbara Weiss ©Eva Bergschneider

Barbara erläuterte, wie ein Autor oder eine Autorin mit Kritik am Werk umgehen sollte. Ihre Kernaussage lautete: „Kritik kann man annehmen oder in die Tonne kippen.“ Natürlich empfindet jeder Autor negative Kritik am eigenen Werk als etwas Unangenehmes, vielleicht sogar als etwas persönlich abwertendes. Kritikfähigkeit ist eine seltene Tugend. Daher ist es besser, erst einmal Abstand von der Kritik zu nehmen, um anschließend konstruktiv mit ihr zu arbeiten. Es hilft sich zu vergegenwärtigen, wer die Kritik geübt hat. Möglicherweise gehört der Leser oder die Leserin nicht zur Zielgruppe für das Buch. Nicht konstruktive, polemische formulierte Kritik kann man getrost ignorieren.

Ich fand das Panel sehr interessant und habe mich ausführlich mit Babsi ausgetauscht. Sie hat für meinen Geschmack ein wenig zu stark betont, dass Kritik stets als subjektive Meinung betrachtet werden und vom Kritiker entschärfend in der „Ich“ Form geschrieben werden sollte. Ich hoffe, dass ich in Rezensionen zumindest versuche, möglichst objektiv zu kritisieren und vermeide möglichst die „Ich“-Form. Meine LeserInnen wissen, dass es sich um meine Sicht der Dinge handelt und ich möchte dennoch als Expertin wahrgenommen werden. In allen anderen Punkten stimme ich ihren Argumenten allerdings zu. Es war interessant für mich, das Thema einmal durch die Brille einer Autorin und Bloggerin zu betrachten.

Nach einem lustigen Dienst als LitCamp-Engel mit Melie (@bonniesbuch) und Kaddy (@Kaddy_KD) hörte ich mir die Session über

 

„Kreative Freiheit vs. Zensur“ vom BoD Pressesprecher Thorsten Simon (@thorsten_simon)

Thorsten Simon ©Eva Bergschneider

an. BoD sah sich dem Vorwurf der Zensur ausgesetzt, weil sie die Veröffentlichung einiger Bücher ablehnten. Thorsten erläuterte, dass es auch für BoD keine Veröffentlichungspflicht gibt und sich jedes eingereichte Manuskript an bestimmte Regeln halten muss. BoD veröffentlicht keine Bücher mit Inhalten, die politisch hetzen, beleidigen und diskriminieren. Das Buch von Geheimdienst-Ausbilder Martin Wagner „Deutschlands unsicherer Grenzen“ wurde zunächst veröffentlicht, dann wieder zurückgezogen. Letztendlich befand BoD, dass das Buch rechtsextreme Thesen vertritt.

Die Veröffentlichung des Liebesromans „Keiner weiss von uns“ von Jana von Bergner hat BoD ebenfalls abgelehnt, da es eine Liebesbeziehung zwischen einem Lehrer und einer Schülerin zu romantisiert dargestellt. Zu den Veröffentlichungsrichtlinien von BoD gehört generell, dass Bücher, die Sex mit Minderjährigen beschreiben, nicht veröffentlicht werden. Minderjährig heißt in dem Fall übrigens unter 21 Jahre. Denn BoD richtet sich nach dem amerikanischen Erwachsenenalter, da amazon die Bücher vertreibt. Die Veröffentlichungsrichtlinien decken sich mit den Verkaufsrichtlinien von amazon, da BoD um jeden Preis vermeiden muss, dort als Händler gesperrt zu werden. Ich fand Thorstens Vortrag sehr interessant und seine Argumentation nachvollziehbar. Kontrovers diskutiert wurde der Punkt, dass US-Regularien für deutsche Bücher ausschlaggebend sind. Hier führt um die Erkenntnis, dass der Kommerz Prinzipien diktiert, kein Weg herum.

 

„Bad Boys, Rape Tropes, Toxische Beziehungen“ von der Autorin Ivy Lang (@schreiberin_ivy)

Bad Boys ©Eva Bergschneider

In dem Panel ging es um Liebesbeziehungen in der Dark-Romance Literatur mit dem sogenannten „Bad Guy“. Ivy gab Tipps wie Autoren ihn auf glaubwürdige Art und Weise charakterisieren. Und wie das Machtgefälle in der Liebesbeziehung zwischen ihm und einer Partnerin aufgebaut und überwunden wird. Ich fand es lustig, dass Ivy als ein Beispiel für einen Dark-Romance Protagonisten ausgerechnet Shrek beschrieb. Sie stellte fest, dass Shrek alle Kriterien erfüllt: Anti-Held mit Ehrenkodex, ungleiches Machtverhältnis zu Fiona, lebt gesellschaftliche Tabus. Das Ende gleicht das ungleiche Machtgefüge aus, indem Fiona sich in einen Oger verwandelt. Ich hatte mich mit dem Thema noch nie zuvor beschäftigt, weil ich selten Bücher lese, in denen Liebe eine zentrale Rolle spielt. Es interessierte mich trotzdem zu erfahren, wie AutorInnen mit diesem schwierigen Thema umgehen und bekam durch Ivys Vortrag und die Diskussion der Teilnehmer interessante Einsichten in das Thema.

 

Codenames und Werwölfe

Den Abend verbrachte ich mit gemeinsamen Pizza -, beziehungsweise Salatessen und drei spaßigen Spielerunden. Joy-Anandi (@Joy_Anandi) hatte Spiele mitgebracht und wir entschieden uns zuerst für „Codenames“. Es ist ein Spiel, das zwei Teams gegeneinander spielen. Zwanzig Karten mit Wörtern werden auf den Tisch gelegt. Diese Worte gilt es anhand von Begriffen, die die jeweiligen Spielleiter anbieten, zu assoziieren. Und nur der Spielleiter weiß, welche Begriffe zu welchem Team gehören. Klingt kompliziert? Ist es eigentlich nicht. Ich hatte jedenfalls viel Spaß an dem Spiel, obwohl wir verloren haben.
Danach ging es auf die Jagd nach Werwölfen. Anhand von Karten erhält jeder Spieler seine Bestimmung: Werwolf, Dorfbewohner oder eine Sonderfunktion. Der Spielleiter, in Heidelberg erledigte Moritz (https://tintenkunst.wordpress.com/) diese Aufgabe, erzählt die Geschichte. Nachts töten die Werwölfe die Bürger des Dorfs und am Tag klagen die Bürger potenzielle Werwölfe an. Endlich lernte ich das legendäre „Die Werwölfe vom Düsterwald“ kennen und spielte zwei Runden mit. Das Spiel machte wirklich viel Spaß und ich bin happy, dass ich inzwischen zu Hause eine Werwolf-Spielgruppe gefunden habe.

 

Der Qualitätssonntag

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass auf dem LitCampHD amSonntag die besseren Sessions stattfinden. Ich empfand es vor zwei Jahren nicht so, doch in diesem Jahr war das der Fall. Dieser mit 38°C unglaublich heiße Sonntag hielt ein Highlight bereit, auf das ich mich besonders freute: das Thema KI. Doch dazu später mehr.

 

„Testlesen – wie es Autoren nützt und Lesern Spaß macht“ mit Sonja Rüther (@Sonja_Ruether) und mir

Eva mit Sonja Rüther © Sonja Rüther

Wir veranstalteten eine offene Informations- und Austauschrunde. Als Grundlage dienten Sonjas Buch „Testlesen – Handbuch für ein effektives Feedback“, sowie unsere Erfahrungen als Testleserin und Autorin. Wir diskutierten darüber, dass TestleserInnen Voraussetzungen wie Leseerfahrung und Sympathie für das Genre und die Storyidee mitbringen sollten. Die AutorIn ist also gut beraten, dem Testleser oder der Testleserin vorab Auszüge aus dem Werk zukommen zu lassen. Eine schriftliche Vereinbarung kann zudem helfen, Missverständnisse zu vermeiden.

Wir besprachen, was die Aufgabe von TestleserInnen ist und was nicht. Mit Korrektorat verschwenden Testleser ihre Zeit, allerdings sollten sie Feedback über sprachliche Auffälligkeiten geben. Darauf ob der Sprachstil zur Geschichte passt und flüssig lesbar ist, ob die Perspektivwahl nachvollziehbar bleibt, sollten sie achten. Testleser sollten ergründen, ob der Handlungsverlauf schlüssig ist und ob der Weltenbau den Leser überzeugt. Ein Feedback zu den Protagonisten ist ebenfalls wichtig, denn so erhält der Autor oder die Autorin einen Eindruck davon, wie die Figuren auf den Leser wirken.

Die meisten der Teilnehmer waren Autorinnen und Autoren, die mit uns über ihre Erfahrungen diskutierten. Ich denke Sonja und ich konnten einigen Input geben und mit den Teilnehmern ausarbeiten, warum Texte und ihre Erschaffer vom Testlesen profitieren.

 

„Stereotypen-Test – Victoria Linnea (@VictoriaLinnea1) und Alex Prum (@KaenKazui)

Alex Prum u. Victoria Linnea ©Eva Bergschneider

Vickie und Alex stellten verschiedene Tests (Bechdel, Mako-Mori, Vito-Russo) vor, mit denen sich feststellen lässt, wie stereotyp Figuren in Film oder Buch gezeichnet sind. Haben Frauenfiguren ihre eigene Geschichte im Plot oder dienen sie ausschließlich als Support für männliche Figuren? Werden queere Charaktere oder BIPoC (Black and Indegenous People of Colour) angemessen oder verzerrt und klischeehaft dargestellt? Erleben BIPoC alltäglichen oder institutionellen Rassismus? Wird ihre Lebens- und Denkweise authentisch beschrieben? Müssen sie sterben, während die weißen oder hetero/cis-Personen überleben? Wird die queere Figur vielschichtig charakterisiert oder auf ihre sexuelle Orientierung reduziert? Bringen sie die Handlung aufgrund ihrer Queerness voran?

Wir diskutierten über gute und schlechte Beispiele einer klischeehaften oder authentisch-gleichberechtigten Darstellung von Frauen, queeren oder behinderten Figuren in der Literatur und im Film. Ich fand den Vortrag und Austausch über Diversity in der Kunst wieder einmal sehr interessant, erhellend und wichtig. Sensibilität für dieses Thema macht nicht nur die Literatur schöner, reicher und vielfältiger, sondern kommt auch unserem gesellschaftlichen Miteinander zugute.

 

„Darstellung von KI in Science Fiction“ – Larissa Haas (@LuanaCasado)

KI-Bücher ©Eva Bergschneider

Auf diese Session hatte ich mich vorab besonders gefreut und sie enttäuschte meine hohen Erwartungen nicht. Larissa studiert Data Science und schreibt an ihrer Masterarbeit, die sich mit dem Thema „Darstellung von KI in Science Fiction“ beschäftigt. Dafür hat sie in über 50 SF-Werken, 44 Romanen und einige Kurzgeschichten, gescreent und analysiert, wie sich die Darstellung von Künstlicher Intelligenz über die Jahre veränderte. Bei der Auswahl der Bücher berücksichtigte Larissa solche, die im Zeitraum zwischen 1950 und heute erschienen und SF-Preise wie den Hugo- oder Nebula Award gewannen.

Larissa untersuchte das Geschlecht von KIs und stellte dabei fest, dass die weiblichen KIs insgesamt in den letzten Jahren zunahmen. Unter den weiblichen KIs sind leider bis heute überproportional viele, die eher als Hilfskräfte agieren und nicht mit übermenschlicher Intelligenz auftreten. Larissa untersuchte Fragen wie: Definieren KIs selbst ihr Geschlecht? Sind sie menschenähnlich in Aussehen und Verhalten? Werden KIs als gefährlich dargestellt?

Darüber wie sich diese Aspekte im Lauf von 60 Jahren in der SF-Literatur veränderten, wird Larissas Masterarbeit Auskunft geben. Einen aufschlussreichen und interessanten Vorgeschmack darauf durften wir vom Literaturcamp mitnehmen. Dazu empfahl uns Larissa einige Bücher, die sie besonders gerne gelesen hat. Diese Liste ist auf jeden Fall einen Blick wert.

 

Psycho oder was? – Barbara Weiss (@blues1ren)

Die Session um Depression und der Darstellung von psychischen Krankheiten in der Literatur konnte ich nur zur Hälfte verfolgen. Ich nutzte die Chance mit Babsi, die Psychologie studiert, ein wenig über das Krankheitsbild Depression und Hilfen für Betroffene zu reden.

Leider fuhr mein Zug nach Köln gegen 16 Uhr und ich musste mich etwas überstürzt auf den Weg zum Bahnhof machen. Als Fazit bleibt für mich, dass das LiteraturCamp Heidelberg 2019 wieder einmal sehr lehrreich war und mir jede Menge Stoff zum Nachdenken und Weiterspinnen mitgegeben hat. Ich bin happy darüber, dass ich in diesem Jahr gemeinsam mit Sonja die anderen Teilnehmer an unsere Erfahrungen als Testleserinnen teilhaben lassen konnte. Und das wichtigste: Es hat wieder enorm viel Spaß gemacht, noch mehr literaturverrückte Menschen kennenzulernen, mit ihnen zu quatschen und zu lachen. DANKE dafür und hoffentlich bis zum nächsten Jahr.

Eva Bergschneider (@phantastischles)

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