Omni – Andreas Brandhorst

Über die Verantwortung des Handelns im Jahr 12063

Omni- Andreas Brandhorst © Piper
Omni © Piper

Die Menschheit hat nach zwei ökologischen Zusammenbrüchen die Erde verlassen und sich auf verschiedenen Planeten angesiedelt. Das Universum bevölkern außerdem sogenannte Äquivalent-Zivilisationen, die auf einem der Menschheit vergleichbaren Entwicklungsstand sind. Weit geringer ist die Anzahl der Superzivilisationen. Dabei handelt es sich um Spezies, deren Entwicklung so fortschrittlich ist, dass ihre Fähigkeiten wie Magie anmuten. Sie gehören zum Omni, einer höheren Instanz, die in gravierenden Fällen eines Ungleichgewichts regulierend eingreift. Dafür rekrutiert Omni Reisende, die mit einem langen Leben gesegnet werden. Einer von ihnen ist Aurelius, der Zehntausendjährige genannt. Er wurde  im Jahr 2079 auf der Erde geboren. Seine letzte Mission führt ihn nach Caledonia Vier, wo er auf zwei andere Menschen wartet.

Weil Forrester einst ein Omni-Artefakt gestohlen hat und Zinnober ein Mensch-Cohani Mischling ist, sucht der Herrscher von Javaid den ehemaligen Spaceagenten und seine Tochter. Forresters ehemaliger Arbeitgeber droht sie auszuliefern, wenn er den Reisenden von Omni nicht zur Kooperation mit der Agentur zwingt. Denn Agentur und Omni sind hinter dem mächtigsten Artefakt her, dass je gefunden wurde, der Pandora-Maschine. Mit ihrer Hilfe möchte die Agentur zum alles beherrschenden Machtfaktor des Universums werden, während Aurelius sie vor Missbrauch schützen will. Forresters Plan, sich mit Aurelius zu verbünden, geht schief und so muss er eine Alternative finden. Er entwirft einen Plan, die viele Opfer zu fordern und ganze Völker zu vernichten droht.

Welches Menschenleben ist die Rettung des Universums wert?

„Dieser Roman enthält zwei besondere Hommagen – die eine betrifft Ursula K. Le Guin, die andere die bildgewaltige Schaffenskraft von George Lucas. Beide haben auf ihre Art Großartiges geleistet.“ Anmerkung des Autors, [S. 551]

Die Hommage an Ursula K. Le Guin liegt darin begründet, dass „Omni“ sich philosophischen Fragen widmet. So wird der Protagonist Forrester mehrfach vor die Entscheidung gestellt, ob er seine Tochter retten und einen unabsehbaren Schaden im Gefüge des Universums verantworten soll. Eine Hommage an George Lucas schimmert durch die märchenhaft anmutenden Szenen von Omni hindurch. Als Beispiele seien Forresters Kontakt mit den Engeln des Sprawl genannt, oder Aurelius Aktionen im Kontinuum. Dass Andreas Brandhorst die Nähe zur Fantasy sucht, zeigt auch die Wahl eines berühmten Zitats von Arthur C. Clarke als Widmung:

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“

Darüber hinaus gibt es in „Omni“ viele andere Verweise auf große Werke der Science-Fiction,  wie der bereits erwähnte Reisende, der auch in Star Trek-Next Generation auftritt. Zudem ähnelt der Intellekt der ‚Sonnenwind‘ dem Bordcomputer der ‚Herz aus Gold‘, einem Raumschiff aus Douglas Adams SF-Satire „Per Anhalter durch die Galaxies“. Cassandra kommuniziert ebenfalls mit dem typischen Charme, den sprechende Computer ausstrahlen, wenn sie versuchen menschliche Gefühle nachzuahmen.

Die Handlung in Omni ist trotz der Annäherung an die Fantasy durch und durch Science-Fiction. Die Geschichte ist zudem ernst und hat keinerlei Ähnlichkeit mit einer SF-Parodie. Trotz aller Huldigungen an kreative Köpfe des Genres bringt Andreas Brandhorst viele eigene Ideen in die Handlung ein. Dabei gehen die Grenzen zwischen futuristischer Technologie, die Brandhorst detailreich und verständlich erläutert, und dem Unerklärbaren fließend ineinander über. Zum geheimnisvollen Inhalt passt Brandhorsts Erzählweise, sorgsam ausbalanciert zwischen Prägnanz und Verspieltheit. Es sind die kleinen und großen Fragen und Entwicklungen, die dieses Weltraumabenteuer spannend und faszinierend machen. Die Kernhandlung um Forresters Queste durch Sprawl und Raum ist zwar zeitlich begrenzt, aber in eine weitreichende Historie eingebettet. Es empfiehlt sich zuerst die Chronologie ab Seite 547 zu lesen, sie vermittelt einen Eindruck von der Komplexität des Brandhorst‘schen Onmiversums. Verwunderlich ist im Nachhinein, dass der Autor von diesem umfassend erdachten Handlungsraum bisher recht wenig Gebrauch machte. Auf opulente Weltraumschlachten verzichtete er ebenfalls. Lediglich am Schluss kommt es zu einem Kampf gegen die gigantische Pandora-Maschine, der jedoch nicht mit Waffen entschieden wird.

Aurelius ambivalente Weltsicht prägt die Geschichte, nur selten ist zu erkennen, ob der Zehntausendjährige etwas als richtig oder falsch erachtet. Einerseits ist Aurelius ein Sympathieträger, andererseits zu fremdartig für eine Identifikationsfigur. Seine weitsichtigen Analysen wirken wie Hellsichtigkeit und sind doch nur einer Erfahrung von 10000 Jahren Lebenszeit geschuldet.
Forrester ist ein widersprüchlicher Charakter, der trotz einiger Handlungen, die schwer gutzuheißen sind, zu den ‚Guten‘ zählt. Er repräsentiert das Emotionale und den Mut der Menschheit. Seine Tochter Zinnober bleibt insgesamt eher blass. Hier gibt es für die Folgebände noch Entwicklungspotential, vor allem in der Abgrenzung der Tochter vom Vater.

Der Spannungsbogen hängt zuweilen, wenn der Autor seine Protagonisten in einer ausweglosen Situation zurücklässt. Der Leser rechnet damit, dass eine Kavallerie die gestrauchelten Helden rettet.  Möglicherweise ist auch das eine Hommage an eine Szene aus dem „Anhalter“. Nämlich an die, in der die Protagonisten Arthur und Ford durch die Luftschleuse des Vogonenschiffs ins All geschleudert werden und der unendliche Unwahrscheinlichkeitsdrive seinen ersten Auftritt hat.

Insgesamt bietet der Roman „Omni“ fesselnde und nachhaltige Science-Fiction Unterhaltung mit vielen klugen Fragen und dem berühmten ‚sense of wonder‘. Der Auftaktroman dieser neuen Serie lässt bereits erahnen, aus welchem opulenten Erzählfundus Andreas Brandhorst die weiteren „Omni“-Geschichten spinnen wird. Der zweite Teil mit dem Titel „Das Arkonadia-Rätsel“ erscheint im Mai 2017.

Omni
Omniversum Band 1
Andreas Brandhorst
Science-Fiction
Piper-Verlag
Oktober 2016
560

Funtastik-Faktor: 83

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