Weisser Schrecken – Thomas Finn

Morgen Kinder wird’s was geben

Weisser Schrecken - Thomas Finn © Piper
Weisser Schrecken © Piper

Berchtesgadener Land, Anfang Dezember 2010: Andreas Meyenberg, ein Kinderarzt bei Ärzte ohne Grenzen wird während eines Radiointerviews von seiner Vergangenheit eingeholt. Eine Vergangenheit, die er sechzehn Jahre lang zu verdrängen versucht hat. Und er muss sich ihr stellen, wenn er eine Katastrophe verhindern will.

Perchtal, Berchtesgadener Land, Anfang Dezember 1994. Schnee liegt über dem Berchtesgadener Land. Die Seen der vorweihnachtlichen Landschaft sind bereits tief zugefroren und eine seltsame Stimmung liegt in der eisigen Bergluft. Kurz vor den traditionellen Perchtenlauf zum Nikolaustag entdecken die Zwillinge Miriam und Elke ein totes Mädchen unter dem Eis, das ihnen zum Verwechseln ähnlich sieht.
Zusammen mit ihren Freunden Andy, Robert und Niklas kommen sie einem unglaublichen Geheimnis auf die Spur. Dabei geht es nicht nur um tote Geschwister, sondern um lokale Gebräuche und alte Traditionen, die weiter zurück reichen, als sie zuerst ahnen. Bald wird jedoch klar, dass die Tote nur ein Puzzlestein in diesem Geheimnis ist, das in die Geschichte des Ortes und ihrer eigenen Familien zurück reicht. Der Nikolaustag rückt näher und während die Freunde im Wettlauf gegen die Zeit immer tiefer in die Vergangenheit des Perchtals vordringen, rührt sich in den Bergen eine Macht, die ihre Vorstellungskraft übersteigt. Perchtal wird von einer Lawine von der Außenwelt abgeschnitten und mysteriöse Schneestürme sowie weitere Leichen sind nur der Anfang: Knecht Ruprecht steht vor der Tür und es sieht so aus, als würde es dieses Mal nicht bei einem ermahnenden Klopfen mit der Rute bleiben.

Bald ist Niklaus’ Abend da

Thomas Finn hat hier einen soliden Krimi mit Mystery- und Horror-Elementen abgeliefert. Der Roman steht tatsächlich – der Klappentext verspricht nicht zu viel – in guter Stephen-King-Tradition. Das heißt, er wartet mit den üblichen, bewährten Elementen einer King’schen Horrorgeschichte auf: eine eingeschneite, etwas hinterwäldlerische Kleinstadtidylle, eine Gruppe von Jugendfreunden mit etwas verkorkstem Elternhaus (und sogar einer rivalisierenden Jugendbande), einige zwielichtige Erwachsene und eine gruselige, lokale Legende. Dazu noch einige Elemente, die ich hier, der Spannung wegen, nicht aufführen möchte, die aber jedem King-Leser bekannt vorkommen dürften.
Was als winterliche Gruselgeschichte im Nikolauskostüm mit einem etwas ungewöhnlichen Leichenfund beginnt, erhält bald seine ersten, noch vagen übernatürlichen Hinweise. Diese machen relativ schnell klar, dass es sich nicht lediglich um einen geschickt konstruierten Kriminalfall handelt, an dessen Ende ein durchaus irdischer Übeltäter gefasst werden wird. Stattdessen häufen sich, wohl dosiert und in einer stetig steigenden Spannungskurve, paranormale Elemente, die tatsächlich eine bedrückende Atmosphäre der Bedrohung erschaffen.

Last christmas I gave you my heart

Thomas Finn verwebt dabei in seiner Geschichte eine Vielzahl historischer Fakten der Berchtesgadener Region, von Keltentum über mittelalterlichen Salzbergbau, kirchliche Brauchtümer und Begebenheiten mit lokalen Traditionen, Mythen und Legenden. Aus den alpenländischen Perchten-Traditionen, den Sagen um den rauen Knecht Ruprecht, um die Wilde Jagd, die heidnischen Raunächte und den christlichen Traditionen um den Bischoff Nikolaus von Myra entsteht so nach und nach ein dichtes Geflecht, das nicht nur seine Protagonisten in seinen Bann zieht. Und das erstaunlich wenn auch sehr angemessen düster und ziemlich blutig ausfällt.

Zusätzlich reichert er seine Geschichte mit einer ganzen Reihe an kleinen Details aus den frühen 90ern an, die heute zum Teil schon fast exotisch wirken. Das gibt dem Roman über weite Strecken einen fast schon liebevoll antiquierten Touch, wenn Jugendliche zur Recherche tatsächlich Bücher wälzen, Bibliotheken und Museen besuchen müssen, statt Wikipedia und Google bemühen zu können. Wenn kein Mobiltelefon zur Kommunikation dient und Musik noch von CD auf Kassette überspielt wird, statt aus dem Netz auf mp3-Player geladen zu werden, dann steht Finn und seinen Protagonisten eine deutlich kleinere Welt zur Verfügung, als wir sie 2010 haben. Das tut der Geschichte gut.
Das alpenländische „Castle Rock“ Perchtal ist ein von der Außenwelt nahezu isolierter Handlungsort, der eine starke Konzentration auf die wenigen handlungsrelevanten Personen zulässt. Auf der so entstandenen, sehr begrenzten „Bühne“ kann sich die Geschichte in Ruhe entfalten und wirkt damit um so bedrohlicher.

He knows if you’ve been good or bad – so you better be good for goodness’ sake!

Angenehm ist auch, dass alle Figuren ihre Ecken und Kanten haben und keine davon vollständig sympathisch wird. Gleichzeitig sind auch die Protagonisten unterschiedlich genug, um für eine breite Gruppe an Lesern Identifikationspotential zu bieten. Abgesehen vielleicht von Miriam, die leider im Vergleich zur restlichen „Heldengruppe“ ein wenig arg blass bleibt. Nur gelegentlich stolpert Finn ein wenig über die 16 Jahre, die zwischen heute und dem Zeitpunkt seines Haupthandlungsstranges liegen. Wenn etwa sein fünfzehnjähriger, James-Bond-begeisterter Held Andy den neuen Bond-Darsteller Pierce Brosnan nicht kennt, dann wirkt er ein wenig unecht. Immerhin war Brosnan doch damals in seiner Rolle als Detektiv Remington Steele einer der Helden nahezu aller damals Halbwüchsigen. Vermutlich sogar in Berchtesgaden. Und ehrlich – der Ausdruck „Schwofsongs“ gehört definitiv in die 80er.

Abgesehen von derartigen leichten Ausrutschern, die aber vermutlich nur Lesern auffallen, die altersmäßig recht nahe an den Protagonisten liegen, ist der Roman mit einer Fülle von liebevoll recherchierten Details angereichert. Mit den eigentlichen Hintergründen des Nikolaus-Geheimnisses verbinden sie sich zu einer dichten und packenden Geschichte. Vor allem aber streut Finn von Anfang an sehr geschickt Hinweise ein, die gegen Ende für eine ganze Reihe rückblickender Aha-Effekte sorgen können. Und das, ohne dass man schon nach dem ersten Drittel das Finale der Geschichte erahnen kann. Was wirklich nicht selbstverständlich ist.

Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserm Haus herum

Ein wenig schade ist, dass die zweite Handlungsebene, mit der Finn eigentlich den Roman beginnt, ziemlich (zu) kurz kommt. Ich hätte mir gewünscht, mehr über die „heutigen Protagonisten“ zu erfahren und hatte mir mehr von der eingeflochtenen Entführung versprochen. Vor allem aber wirkt das schlussendliche Finale trotz der gelungenen Enthüllungen und Wendungen ein wenig unspektakulär – und gekürzt? Denn wozu wird zum Beispiel (mehrfach) deutlich auf die Bedeutung von Salz und Feuer hingewiesen und ein Flammenwerfer samt technischer Details in die Geschichte eingeführt, wenn das alles am Schluss keine Rolle spielt? Dabei hatte ich mich doch schon so auf deren spektakulären Einsatz gefreut …Hier stolpert der Roman auf den letzten Metern ein wenig.

Einen Wermutstropfen bildet für mich zudem der Epilog. Denn der verdirbt das eigentlich gelungene, offene Ende des Romans durch ein nachgeschobenes, weniger offenes. Das wäre nicht nötig gewesen.
Insgesamt ist „Weißer Schrecken“ ein gelungener, gut recherchierter und weitgehend runder Gruselroman. Er kommt mit etwas weniger blutigen Details als ein King-Roman aus – und wesentlich weniger davon, als heute im Horror-Mystery-Segment eigentlich üblich, weshalb der Begriff „Horror“ für dieses Buch vielleicht ein wenig hoch gegriffen ist. Aber unterhaltsamen Wintergrusel bietet er auf jeden Fall. Je näher die langen Nächte vor dem 6. Dezember kommen, desto besser wird sich seine Wirkung entfalten.

Diese Rezension von Tom Orgel erschien bereits 2010 auf phantastik-couch.de, hat aber nichts an Aktualität eingebüßt. Sie wurde hier mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht.

Weisser Schrecken
Thomas Finn
Dark Fantasy
Piper
2010
496

Funtastik-Faktor: 76

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