Der König der Krähen (Silbermeer Saga Bd.1) – Katharina Hartwell

Der König der Krähen © Loewe

Der Weg ist das Ziel

Edda und Tobin leben im Küstendorf Colm. Ihr Tagewerk besteht darin, in Bottichen mit Stampfern Rohcolmin aus Fischhäuten zu schlagen. Colmin ist ein Gift und eine Medizin, das Händler ins gesamte Inselreich Farland verkaufen und den Menschen an der Küste den Lebensunterhalt sichert. Edda und Tobin sind Außenseiter. Angeblich fand der Fischer Ruben sie als Findelkinder an der Kapelle und nahm sie bei sich auf. Woher genau sie kommen, weiß niemand. Dass Tobin Angst vor dem Meer hat und somit niemals ein guter Fischer werden wird, und Edda feuerrotes Haar und ein selbstbewusstes Auftreten hat, trägt nicht gerade zu ihrer Integration in die dörfliche Gemeinschaft bei.

Mit den Kaltwochen bricht die Zeit der Angst um Colms Kinder an. Denn seit einiger Zeit verschwindet jedes Jahr eines der Kinder spurlos. Die Einwohner Colms suchen das ganze Dorf ab, fragen die Hexe Maron am Strand, ob sie etwas über den Verbleib der Kinder weiß. Vergeblich. Man sagt, dass die Kinder zu Seekindern werden. Doch als Tobin verschwindet, entdeckt Edda eine schwarze Feder in seiner Kammer. Und sie ist überzeugt davon, dass an den Sagen um den Krähenkönig etwas Wahres dran sein muss. Edda überwindet ihre Angst vor dem Silbermeer und macht sich auf die Suche.

Zuerst segelt sie mit Brand, einem zwielichtigen Mann, der vor Mord nicht zurückschreckt. Nach einem Kampf ums Überleben ist es schließlich der Händler Goldzahn, der mit ihr zu den Inseln der Carpaunen reist. Rückschläge und betrügerische Machenschaften halten das Mädchen nicht davon ab, weiter nach Tobin zu suchen. Und dabei lernt sie hinter die Mauern aus düsteren Gerüchten und lang gepflegten Vorurteilen zu blicken. Und die Inselwelt so kennen, wie sie wirklich ist: voller tiefgründiger Geheimnisse und versteckter Schönheit.

Die (Wieder)Entdeckung des langsamen, sorgfältigen Erzählens

Zum Einstieg in diese Rezension schaute ich mir ein Video an, das der Loewe Verlag auf der Webseite der Autorin präsentiert. Darin erzählt Katharina Hartwell von ihrer Arbeitsweise und liest aus dem Buch vor. Die Informationen, die sie preisgibt, erklären einiges darüber, warum der Auftakt zur „Silbermeer-Saga“ „Der König der Krähen“ so ist, wie er ist: Plot und Charaktere langsam und sorgfältig entwickelt, sprachlich raffiniert und präzise auf die Geschichte abgestimmt. Ich will hier gar nicht vorgreifen, sondern dazu motivieren, sich das interessante Video anzuschauen. Aber so viel sei verraten: Katharina Hartwell nimmt einen langen Anlauf und überlässt nichts dem Zufall.

Bis die Protagonistin ihre Reise antritt, sind über 200 Seiten gelesen. Es erscheint nur logisch, dass Eddas Suche nach Tobin erst dann beginnt, wenn sie sich davon überzeugt hat, dass ihr Bruder noch lebt und sich ihr die Gelegenheit bietet, Colm zu verlassen. Die Passage auf der Insel Halv oder Eddas Leben als Dachfreie auf Akoban bringen die Handlung nicht unmittelbar voran. Und dennoch sind sie wichtig und schlüssig. Sie charakterisieren die Welt und erhalten die Handlung realistisch. Reisen in unbekannte Abenteuer fallen einer jungen Frau, die in einem völlig fremden Terrain überleben muss, nun einmal nicht vor die Füße. Auch ein Fantasy-Roman sollte realistisch sein, sollte sich innerhalb der eigenen Naturgesetze bewegen.

Farland bevölkern nicht nur außergewöhnliche Geschöpfe wie Wassermänner oder Carpaunen, es gibt auch magische Elemente wie das Colmin oder Blausteine. Das mächtigste magische Element ist die Alte Sprache, die die Wirklichkeit formt, aber auch einen Preis fordert. Ein ähnliches Magiekonzept finden wir in den „Erdsee“ Büchern. Genauso detailliert wie Ursula K. Le Guin die Wortmagie erschuf, präsentiert Katharina Hartwell die Alte Sprache. Mit Bedacht und über einen der Bedeutung dieses Elements angemessenen Zeitraum.

Sprache und Geschichte vereint

Für die „Silbermeer-Saga“ erfand Katharina Hartwell eigene Vokabeln und Sprachbilder. Wie zum Beispiel das Adjektiv „meerfern“ als Synonym für fremd oder die Redewendung „einen Wassermann tun“, anstatt den „Teufel“ zu bemühen. Darüber hinaus vermag die Autorin mit dem Spektrum ihrer Sprachfertigkeit Stimmungen, Vorahnungen und Emotionen heraufzubeschwören, wie nur wenige andere Schriftsteller*innen, die ich bisher lesen durfte. Als Beispiel möchte ich diese Passage zitieren:

»Es war eine Ahnung, nur unendlich viel stärker, und das Wissen, dass etwas bevorstand, dass etwas aus den Fugen geraten würde, schien auch nicht in Edda selbst zu liegen, sondern in der Welt, in der Luft, in den Farben und Umrissen der Dinge. Die Uhr tickte und das Feuer knisterte, während Edda einen Fuß vor den anderen setzte und wusste, bei jedem Schritt, dass ihr Vater den Mund öffnen und sprechen und nichts je wieder so sein würde, wie es gewesen war« [S. 166]

Spannung, die aus der Entwicklung und zwischen den Zeilen erwächst

„Der König der Krähen“ wird überwiegend aus Eddas Perspektive erzählt, einige Passagen allerdings auch aus der Sicht ihrer Mitstreiter. Die Protagonistin ist nicht als generische Heldin angelegt und funktioniert gerade deswegen. Sie ist zwar ein selbstbewusstestes Mädchen, trägt aber auch Ängste und Albträume mit sich herum, fühlt sich ungeschickt und ungebildet. Was Edda vor allem auszeichnet, ist ihre Entschlossenheit, Tobin zu finden. Und ihre Lernbereitschaft. Sie beginnt alles zu hinterfragen, was ihr als Tatsache verkauft wird, wofür es aber keine Fakten gibt. Sie kämpft sich durch widrigste Umstände und lernt, ihrem eigenen Urteil zu vertrauen. Obwohl Edda manchmal schroff herüberkommt und stur erscheint, wächst sie einem schnell ans Herz. Gerade weil sie Ecken und Kanten hat. Dass sie selbst über magische Fähigkeiten verfügt, die sie an entscheidenden Wendepunkten weiterbringen, geht in diesem ersten Teil fast unter. Doch darüber werden wir sicherlich in den weiteren Bänden noch mehr lesen.

»Bei den Wassergeistern, diese Augen! Schon als er ihr das erste Mal begegnet war, vor gut zehn Jahren, waren es ihre Augen gewesen, die ihn hatten stolpern und starren lassen. Nicht nur ihre Farbe, das helle, das fast goldene Grün, sondern auch dass es schien, als stünden sie weiter offen als gewöhnliche Augen, so als habe das Mädchen alle Schleusen geöffnet und sei bereit, in der Welt zu ertrinken. « [S.411]

Fazit

Leser*innen, die ein schnelles Handlungstempo brauchen, um ein Buch spannend zu finden, wird „Der König der Krähen“ streckenweise langweilen. Dabei entgeht ihnen allerdings, welchen subtilen Nervenkitzel gerade ein gewissenhafter Storyaufbau erzeugt. Besonders dann, wenn die Sprache diese Entwicklung mitträgt und zunächst leise Töne in eindringliche, mitreisende Bilder verwandelt. Wie geschickt Katharina Hartwell selbst ganz unterschiedliche Geschichten zu etwas Großem und Ganzen vereinen kann, hat sie in dem Anthologie-Roman „Das Fremde Meer“ bewiesen. Hier in der „Silbermeer-Saga“ schickt sie Edda auf eine Reise, die ebenfalls in unterschiedliche Landstriche, Welten und Abenteuer führt, wobei sie allerdings nie ihr Ziel aus den Augen verliert. Wie ein düsterer Vorhang hebt sich die zunächst vorherrschende Schwere und Melancholie und lässt schließlich Hoffnung zurück. Und Neugier darauf, welche Wunder uns im Inselreich Farland noch erwarten. Ein schöner Ausblick am Ende einer intensiven und ergreifenden Lesereise.

Eva Bergschneider

Der König der Krähen
Die Silbermeer Saga, Band 1
Katharina Hartwell
Fantasy
Loewe Verlag
Februar 2020
616
Ramona Karl/Melanie Korte
85

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