Das Fremde Meer – Katharina Hartwell

Moderne Phantastik von seiner schönsten Seite

Das Fremde Meer © Berlin Verlag
Das Fremde Meer © Berlin Verlag

„Das Fremde Meer“ von Katharina Hartwell wurde 2014 mit dem Förderpreis für Phantastische Literatur Seraph als „Bestes Debüt“ ausgezeichnet. Zu Recht möchte man nach der Lektüre sagen, selbst wenn man die anderen nominierten Werke nicht kennt.  Denn „Das Fremde Meer“ repräsentiert schon aufgrund seines Aufbaus die Vielfältigkeit der Phantastischen Literatur ideal.

Der Roman besteht aus zehn Kurzgeschichten. Neun abgeschlossene Stories hat Katharina Hartwell in eine in mehreren Teilen erzählte Rahmengeschichte eingebettet. Letztere spielt in unserer Realität, die anderen in verschiedenen, mehr oder minder surrealen Welten und vergangenen und zukünftigen Epochen. Untergliedert ist das Werk in drei Schauplatz-Bereiche und als Intros der Geschichten dienen Zitate, Fotos oder Zeichnungen.

Doch statt des großen Zusammenbruchs kommst du.
[S. 36]

Ein und dasselbe Grundthema durchzieht Stories und Rahmen als roter Faden. Es geht um das Suchen und Finden und wieder Verlieren eines geliebten Menschen. Marie und Jan aus der Rahmenhandlung schlüpfen jeweils in verschiedene Rollen, tauchen in anderen Welten auf und begegnen sich. Über die Handlung sollte lieber nicht zu viel verraten werden. Doch ein Blick auf  Schauplätze und Setting verdeutlicht die Vielfältigkeit der Ideen, die die Autorin in ihrem ersten Werk verarbeitet hat.

„Die letzten Tage der Wechselstadt“  ist zum Beispiel eine Dystopie. Hier verschwinden Häuser, tauchen an einem anderen Ort wieder auf und verschwinden schließlich ganz. Menschen, die sich in solchen wechselnden Häusern befinden, bleiben verloren. In „Astasia Abasia“ befinden wir uns in einer historischen Erzählung des ausgehenden 19. Jahrhunderts aus der berühmten Pariser Nervenheilanstalt Hôpital de la Salpêtrière. In „Im Winterwald“ dagegen in einem  Märchen à la Dornröschen. Allerdings ähnelt Hartwells Satire überhaupt nicht dem Grimmschen  Märchen, sondern erzählt im zynischen Ton die Geschichte einer Prinzessin, die den Prinzen aus einem Turm retten will.  In „Das fremde Meer“ finden sich Milan und Yann auf einer einsamen Insel, von der die Fischer verschwunden sind, in „Lethe“ treffen sich Mare und Jasper auf einem Totenschiff. Der „Ghostboy“  ertrinkt Tag um Tag in einer Zirkusshow, als Martha ihn findet und die „Zwei Inseln“ sind die einsamen Gefängnisse von Jonathan und Muriel. „Im Luftschiff“  werden Nachtkranke wie Jacob therapiert, Milena behandelt ihn dort. Und „In der Geisterfabrik“  lernen wir die Geisterjägerin Miriam kennen, die einst einen Jungen namens Johann kannte.

Der Handlungsaufbau ist nicht in jeder der Geschichten gleich gut gelungen. So liest sich der Leser in „Zwei Inseln“ zunächst durch eine zwei Generationen umfassende Vorgeschichte und Klaras Queste, bevor Muriel und Jonathan einander suchen. Doch durch die facettenreiche Sprache sowie eine kreative, fast schon experimentelle Erzählweise wirkt jede der Geschichten einzigartig und kurzweilig. Die Autorin spielt mit Erzählpersepektiven, wechselt in Vor- und Rückblenden. Sie findet für jede Geschichte ihre eigene Struktur und Erzählweise, mal opulent und mal minimalistisch. Wie Wegweiser führen storyübergreifende Elemente den Leser zu anderen Geschichten und zur Rahmenhandlung zurück. Viele Enden leiten zur nächsten Geschichte über, oft  glaubt man eine Fortsetzung der vorherigen Story zu lesen. So erstrahlt jede in ihrer eigenen Farbe und dennoch sind alle miteinander vermischt, ergänzen sich wie die Teile eines Mosaiks zu einem Bild.

Aquamarin und Azurblau und Grasgrün. Oder vielleicht sind es ganz andere Farben. Welche, für die wir keine Namen haben. [..] Und dann ist es ein wenig so –“ […]“Als ob etwas durchscheinen würde. Eine Welt dahinter, [..]
[S. 58]

In vielfacher Hinsicht ungewöhnlich und besonders

Kennzeichnend für die Rahmenhandlung ist, dass sie in unserer Realität spielt und der Leser immer wieder hinein springt. Marie erzählt zunächst ihre Lebensgeschichte, danach über Jan und wie sich beide finden. Die junge Frau wirkt auf uns zunächst zwar klug, aber entwurzelt und isoliert, seit sie als Kind in die Stadt ziehen musste. Ihr Geliebter hingegen scheint mitten im Leben zu stehen, ist aber innerlich genauso einsam und lässt wenig an sich heran. Maries und Jans Liebe erzählt ihre eigene Geschichte und ihr Suchen und Finden spiegelt sich mehr oder weniger deutlich in den Kurzgeschichten wider.
Für die Rahmenhandlung hat die Autorin spezielle Erzählperspektiven gewählt. Einerseits  in der Ich-Form aus Maries Sicht geschrieben, andererseits in der zweiten Person, als Anrede an Jan. Warum das so ist, wird am Ende klar. Interessant ist auch, dass  diese Erzählweise in der zweiten Person in einer einzigen der Kurzgeschichten wieder auftaucht, nämlich in „Astasia Abasia“ als Anredeform an die Protagonistin Augustine. Der Name der Protagonistin (keine Abwandlung des namens Marie) zeigt, dass hier kein rein fiktives Setting vorliegt. Augustine war 1863 tatsächlich Patientin im Salpêtrière und wurde von ihrem Arzt Jean-Martin Charcot als Fallbeispiel für Hysterie wie der Star eines bizarren Theaterstücks einem Publikum vorgeführt.

„Das Fremde Meer“ ist ein höchst innovatives Werk der phantastischen Literatur. Katharina Hartwell entwickelt diese Liebesgeschichte vollständig kitschfrei und nie oberflächlich, sondern tiefgründig und erschütternd melancholisch. Zwar bleiben einige der gestellten Fragen unbeantwortet und der Zugang zu dem storyübergreifenden Hintergrund fällt anfangs schwer. Gleichwohl haben mich Marie und Jan, Milan und Yann, Muriel und Jonathan und alle anderen, jeder auf seine Weise verzaubert und  spuken noch eine Weile in meinem Kopf herum.

Diese Rezension von mir (Eva) erschien zuerst bei Booknerds.de

Das Fremde Meer
Katharina Hartwell
Phantastik-Plus
Berlin Verlag
Juli 2013
576

Funtastik-Faktor: 88

2 Gedanken zu „Das Fremde Meer – Katharina Hartwell

  1. Auch für mich ist dieser Roman einer der sehr, sehr wenigen Liebesgeschichten, die mich berühren. Das liegt an der spannenden Struktur, vor allem aber am Handwerk. Katharina Hartwell hat einige Jahre an diesem Roman geschrieben und gefeilt, und das merkt man. Hier wird wenig behauptet und viel fühlbar erzählt, die Sätze sind so glatt wie Glas und ermöglichen ständig den Blick auf die Bedeutung dahinter. Die Worte sind nie zu viel und nie zu wenig und alle stehen sie dort, wo sie hingehören – und so öffnen sie sich für den Leser und zeigen die Geschichte, die Botschaft, die tiefe Liebe – von Marie und Jan. Vor allem aber zur Literatur.

    1. DANKE für Deinen Kommentar und ja, genauso sehe ich das auch. Katharina Hartwell ist wirklich eine Wortkünstlerin, wie es nicht viele gibt und schon jetzt eine große Schriftstellerin. Klingt pathetisch ;-), aber so empfinde ich ihr Werk wirklich.

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